Volltext: Hessenland (1.1887)

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Schlechte Zeiten! — Hei ein Drittes 
Und zum Teufel schlechte Zeit! 
Geh'n die Füße schwanken Sckrittes, 
Schwebt der Kopf in Seligkeit. 
Wenn ich stolp're, wenn ich wanke, 
Ha, wer sagt, mein Weibchen zanke? 
Lügner, platzt in eurem Neid! 
Heben mich des Weines Flügel, 
Glaub' ich fast, ein Gott zu sein. 
Seid gesegnet, Rebenhügel! 
Wirth, noch Eins, sie einzuweih'n! 
Aber Liebster, laß Dir sagen: 
Kommt mein Weibchen morgen fragen, 
Sprich ihr nicht von mehr als Zwei'«. 
Beide Lieder wurden hernach noch ein wenig 
^kritisch benörgelt und als wir damit fertig waren, 
faßten wir den Beschluß, daß das nächste mal 
der Eine von uns ein Lied zu bringen habe mit 
dem Anfangsverse: „Ein Schifslein ist das 
Menschenherz": das des Anderen aber solle be 
ginnen, „Ein G l ö ck l e i n ist das Menschenherz." 
Es wurden Hölzchen gezogen; Hornfeck griff das 
Schiffleinshölzchen und mir blieb also das Glöcklein. 
Die Nacht des Vortrags kam und diesmal 
chatte ich zu beginnen. Mein Lied aber lautete so: 
Ein Glöcklein ist das Menschenherz, 
Ein Meister hat's gegossen 
Und in die Form ist mit dem Erz 
Die heitere Lust geflossen. 
Wie lieblich tönt das Glöcklein dann 
In goldnen Maientagen, 
Wenn es mit einem andern kann 
In Lieb' zusammenschlagen. 
Doch will zum hellen Glockenklang 
Ihr Lied die Sorge singen, 
Da hallt das Glöcklein schmerzlich-bang, 
Als sollt' es gar zerspringen. 
So wechseln allzeit Lust und Leid 
In dieses Glöckleins Schlägen, 
Wie Frühlingsglanz und Winterzeit, 
Wie Sonnenschein und Regen. 
Zu bald nur hält's zu läuten ein; 
Dann tritt in schwarzer Hülle 
Der Tod ins Glockenkämmerlein 
Und bringt Charfreitagstille. 
„Die Schlußstrvphe ist famos", sagte Hornfeck; 
„die zweite freilich könnte besser sein; aber nun 
höre mich! 
Ein Schifflein ist das Menschenherz, 
Fährt ohne Rast und Ruh 
Mit seiner Lust und seinem Schmerz 
Dem Land der Hoffnung zu. 
Das Leben ist das weite Meer, 
Das Schicksal ist der Wind, 
Der treibt die finstren Wolken her 
Darin die Thränen sind. 
Das Segel ist die Phantasie, 
Die Ehre heißt der Mast; 
Wohl Schifflein dir, wenn du ihn nie 
Im Sturm verloren hast. 
Das Ruder führen Wunsch und Wahn, 
Die Lieb' ist der Magnet; 
Windrose Freundschaft zeigt dir an, 
Wenn sich der Wind gedreht. 
Und der Gedanke führt und lenkt 
Vorbei an Fels und Riff, 
Das Aug' auf den Magnet gesenkt. 
Als Steuermann das Schiff. 
Fahr zu, mein Schifflein, immer zu. 
Getrost und wohlgemuth; 
Den sichern Hafen findest du 
Trotz Ebbe, Sturm und Fluth. 
Ich rief mit Vergnügen Bravo und der Welt 
kampf gefiel uns so sehr, daß wir sofort einen 
dritten Gang beschlösse». Nur machten wir uns 
die Sache für diesmal schwerer. Es wurde 
nämlich genau das Metrum, die Strophenbildung 
und die Reimverschlingung festgesetzt und weiter 
zum Gesetz gemacht, daß das Gedicht, das Jeder 
liefern habe, ein Liebeslied von nur zwei Strophen 
sein müsse. „So ein kleine Probe", wie es 
Hornfeck nannte. 
Als die Nacht der Proben kam, sollte ich be 
ginnen, protestirte aber, indem ich sagte: Die 
Reihe ist an Dir! Und Hornfeck recitirte nun, 
wie folgt: 
Der Königin von Wald und Flur, 
Der stolzen Rose gleichst Du nicht; 
Du bist das stille Veilchen nur, 
Aus dem die Anmuth der Natur 
In Duft und Farbe lieblich spricht. 
Und fiel ihm nicht das schönste Loos, 
Dem ersten Kind der Wonnezeit? 
Es ist so klein und doch so groß. 
Drum wirft der Lenz ihm in den Schooß 
Die Krone der Bescheidenheit.
        

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