Full text: Hessenland (1.1887)

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Der Sängerkrieg auf Kpnngenkerg. 
Bon 
A. Gvnvert. 
ls ich einst mit Friedrich Hornfeck, dem Ver 
fasser des „Schenkenbuchs", das aber damals 
erst werden sollte, meine Residenz auf der Berg 
feste Spangenberg aufgeschlagen hatten *), kamen 
wir auf den Gedanken, wieder ganz ebenso, „zu 
halten", wie wir das schon am Fuldaer Gym 
nasium gemeinsam mit unserem Freunde, dem 
sinnigen Johannes Abel gethan hatten, der als 
katholischer Pfarrer zu Neuhof gestorben ist und 
ein geborener Poet war. Unser „Halten" be 
stand nämlich darin, daß wir Sonntags nach 
dem Gottesdienste in Hornfecks Wohnung zu 
sammenkamen, die Verslei« vortrugen, die wir 
im Laufe der Woche geschmiedet hatten und so 
der Eine dem Anderen Gelegenheit gab, den 
kritischen Scharfsinn zu üben. 
Hornfeck war, als unser Halten von Neuem 
beginnen sollte, mit seinem Schenkenbuchplan 
schon im Reinen und wenn er nun ein Liedchen 
kaum halb fertig hatte, brannte er, meine Mein 
ung darüber zu hören, obschon ihm diese nicht 
selten schweren Kummer bereitete. „Dummes 
Zeug!" mußte er öfter von mir hören, als ihm 
lieb war, denn höflich sind wir als Kritiker nie 
gewesen. Aber das „Dumme Zeug" hatte sein 
Gutes; denn wenn Hornfeck auch anfänglich immer 
wüthend war und mich einen Menschen schalt, der von 
Poesie „auch gar Nichts, ich sage Dir auch gar 
Nichts" verstehe, so ging er dann doch immer in 
sich und machte seine Verse enschieden besser. 
Ich selbst hatte damals verteufelt wenig Lust 
zum Dichten, wurde schließlich aber doch wieder 
veranlaßt, auch meinen Hippogryph zu satteln. 
Einmal ließ ich mich sogar zu einem förmlichen 
Wettgesang bereden, der darin bestehen sollte, 
daß Jeder von uns in der nächsten Nacht, in 
der wir mittelst der von meiner Braut uns be 
sorgten Nachschlüssel heimlich auf meiner Zelle 
Nr. 5 zusammenkommen wollten, ein beliebiges 
Trinklied zu liefern hatte. 
Die verabredete Nacht brach an, mein Zellen- 
fensterchen war dicht verhängt und meine Schlüssel 
walteten ihres Amtes. 
Bei einem Glase ächten Rüdesheimer, den mir 
ein Frankfurter Patricier, der Vater des Sozial 
demokraten v. Schweitzer, gespendet hatte, hub 
Hornfeck zu singen, oder vielmehr zu deklamiren an: 
Wir bemerken, daß Trabert und Hornfeck im Jahre 1851 kriegs 
gerichtlich zu 3Vs bezw. 2 Jahren Festungshaft wegen Preßvergehens 
verurtheilt wurden, die sie auf Schloß Spangenberg verbüßten. Im 
Jahre 1862 erklärten die Stände einstimmig nachträglich die Berur- 
theilung für rechtswidrig und nichtig. 
* Wärst Mädchen eine Perle Du, 
So möcht' das Meer ich sein; 
Dann rauscht' und stürmt ich immerzu: 
Auf ewig bist Du mein! 
Und wärest Du der Thau im Thal, 
<&o möcht' die Sonn' ich sein; 
Wie küßt' ich Dich mit heißem Strahl 
Und ewig wärst Du mein! 
Und wärest Du ein lichter Stern, 
Die Nacht dann möcht' ich sein. 
Und ewig wärst, ob nah, ob fern, 
Du mir, nur mir allein! 
Und wärst die junge Erde Du 
Im holden Maienschein, 
In Dir dann fänd' ich Glück und Ruh' 
Und möcht' begraben sein. 
Das wünscht' ich mir wohl tausendmal 
Und wünscht' es ewig neu 
Und werd' auch wieder tausendmal 
Mir selber ungetreu. 
Denn flösse von Sankt Gotthard's Höh' 
Als Rheinweinstrom der Rhein, 
Dann möcht' ich nur der Bodensee, 
Doch ohne Boden sein. 
„Prächtig!" sagte ich, „ich streiche die Segel; 
aber ich will auch mein Trinklied doch vorlesen. 
So höre denn! 
Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten! 
Immer knapper wird das Geld 
Und die letzten Kreuzer läuten 
Bald ins Grab der ganzen Welt. 
Morgen müßt' ich wahrlich borgen; 
Bring ein Letztes, Wirth! und morgen 
Wird das Trinken eingestellt. 
Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten! 
Doch der Wein ist wahrlich gut; 
Seine goldnen Tropfen gleiten 
Zündend in mein altes Blut. 
Lodernd schlägt's im Kopf zusammen, 
Wirth, noch Eines in die Flammen l 
Oder mich verzehrt die Glut.
	        

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