Full text: Hessenland (1.1887)

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Icheinbeleuchtung zur Geltung zu bringen. Das 
sogenannte historische Genre, welches er kultivirte, 
bot ihm hierzu reichlichen Stoff, wie „der Cid", 
„Wallensleinu. Sem". „Kunz v. Kaufungen" ä. re. 
Das erste dieser Bilder, „Der Cid", dem die 
überwundenen Mauren Geschenke bringen, erregte 
auf der Ausstellung einen wahren Enthusiasmus, 
es wurde in den Himmel gehoben. Man wurde 
nicht müde immer wieder von den köstlich ge 
malten goldenen Gefäßen, von dem zum Greifen 
natürlichen Perlmutterkästchen rc. zu sprechen und 
übersah darüber den gänzlichen Mangel an 
Charakteristik und die ganze komödienhafte Dar 
stellung. Allem aber wurde die Krone aufgesetzt 
durch den Beschluß des Vorstands des Kunst 
vereins, dieses Meisterwerk durch den Kupferstich 
zu verewigen. Was das Originalgemälde noch 
einigermaßen bestechend gemacht hatte, die Pracht 
der Farbe und die Lichtwirkung, ging selbstver 
ständlich in dem Stiche verloren, der ohnehin 
säst- und kraftlos ausfiel, eine bleibende Erinnerung 
an die Weisheit des damaligen KunstvereinS- 
Vorstandes. Naht starb in S. Franzisko (Kali 
fornien.) 
Von Malern, welche in jener Zeit hier thätig 
waren, sind besonders noch zu erwähnen, der 
vor einigen Jahren gestorbene E. Stiegel, 
welcher sich anfangs der Genremalerei zuge 
wandt, später aber mit mehr Erfolg Land 
schafsbilder malte und besonders in der Aquarell 
malerei Treffliches leistete. H. Ely verließ die 
Akademie im Jahr 1845 und ging nach Paris, 
wo er die Glasmalerei erlernte, vornehmlich in 
ihrer Anwendung auf kirchliche Dekoration. Sein 
Fleiß und seine Energie machten ihn bald zum 
Meister in diesem Fach und verschafften ihm 
zahlreiche Aufträge. Nach dem Kriege ward ihm 
ber Aufenthalt in Frankreich verleidet, er kehrte 
zurück in die Vaterstadt, gründete mit seinen 
zwei begabten Söhnen, ein Atelier für Glas 
malerei, welches bald aufblühte. Leider starb 
er schon im vorigen Jahre, zu früh entriß ihn 
der Tod seinem regen Schaffen. Schließlich sei 
noch genannt K. Fink, der nach einem längern 
Aufenthalt in Italien, mit vielversprechenden 
Architekturbildern auf der Ausstellung erschien. 
Er wandte sich später mit Erfolg der Darstellung 
von Katzen zu, die ihm den Ehrennahmen „Katzen- 
flnk" eintrugen. 
Wenn hier im Ganzen von der Wirksamkeit 
der kasseler Akademie ein keineswegs sehr er 
freuliches Bild gegeben wird, so ist es nur gerecht, 
zu sagen, daß die übrigen deutschen Akademien 
auch einem gewissen Schlendrian anheim gefallen 
.waren, der wenig Hervorragendes zu schaffen 
vermochte. — Da trat ein Ereigniß ein, welches 
einen so mächtigen Eindruck auf die deutsche 
Malerwelt machte, daß es wie mit einem Schlage 
anders wurde und die trübe akademische Luft 
wie von einem Gewitter gereinigt wurde. Es 
war die Ausstellung der zwei belgischen Kolossal 
gemälde, „Der Kompromiß der niederländischen 
Edelleute" von deBiefve und „DieAbdankung 
Karls V." von Gallait. So etwas hatte 
man in neuerer Zeit nicht gesehen, es fiel uns 
wie Schuppen von den Augen. 
Da konnte man sehen, was eine Kunst hervor 
bringen mochte, die von wahrhaft nationalem 
Geiste getragen und sich ihrer großen Vergangen 
heit bewußt war. Angenehme Erinnerungen au 
Rubens und Van Dyk wurden wach, die großen 
Flamänder lebten fort in ihren Epigonen, mau 
verstand in Belgien noch zu malen. 
Wie in Folge des Eindrucks, den diese Bilder 
in Deutschland gemacht, sich die Meisterateliers 
von Antwerpen, Brüssel und Paris mit jungen 
deutschen Künstlern füllten, wie sie den Nachbarn 
das Geheimniß ihrer Technik absahen und mit 
welchem Erfolg mit in die Heimath nahmen, das 
hat die neuere Zeit in erfreulicher Weise gezeigt. 
Ich kann dieses kurze Stückchen kasseler Kunst 
geschichte nicht abschließen, ohne noch eines freund 
lichen Zuges in unserem damaligen Leben zu 
gedenken. Mit wenigen Ausnahmen sind sie aus 
dem Leben geschieden, die alten Genossen, und weh 
müthig gedenke ich der Zeit, die uns in kollegialer 
Freundschaft einte. In fröhlicher Geselligkeit 
wußten wir uns mit allerlei lustigen Scherzen 
zu unterhalten und wenn wir mit künstlerischen 
Aufführungen und Lustbarkeiten vor ein größeres 
Publikum traten, waren wir des freundlichsten 
Entgegenkommens sicher, und gewiß erinnert sich 
Einer oder der Andere meiner Leser unserer 
Leistungen. Es war ein harmloses, harmonisches 
Zusammenwirken aller Künstler, ungetrübt durch 
büreaukratische Steifheit und vornehme Abge 
schlossenheit. —
        

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