Full text: Hessenland (1.1887)

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hohen Grade ehrsüchtig, stand er stets isolirt 
und hat sich in Kassel nie glücklich gefühlt. Nur 
daraus erklärt sich auch das gewiß allzu herbe 
Urtheil, welches er über das dortige Publikum 
nach der Schrift Rötschers „das Leben Seydel- 
manns" mit den Worten gefällt hat: „Neubegter 
und nichts als Neubegier ist es, welche hier die 
Verbindnng zwischen Publikum und Künstler 
knüpft. Gaffen, hör.n, Stoff zu Klatschereien 
will man, sonst auch gar nichts. Sonst ist ihnen 
Kunst ein leerer Namen und die Künstler sind 
ein müßiges fatales Volk, das frevelhafter Weise 
Geld wie Heu kriegt." 
In der Antwort auf Schmidts Brief zeigt 
sich Seydelmann von einer weit vortheilhafteren 
Seite. Er theilt ihm mit, wie er sich um ein 
Engagement für ihn bemüht, bis jetzt aber noch 
vergeblich, und schreibt dann weiter: 
„Ich will Euch (die damals beliebte Anrede 
unter Schauspielern) aber nicht länger auf Ant' 
wort warten lassen. Glaubt mir, daß ich nichts 
unversucht lassen werde, was Euch irgend wie 
frommen könnte. Schreibt mir bald, lieber Alter, 
was Ihr denn eigentlich in Beziehung auf 
fernere Beschäftigung vorhabt uud welche Be 
schränkungen Ihr Euch würdet gefallen lassen. 
Seid aufrichtig und vertraut dem redlichen 
Willen Eures alten Freundes." 
Seydelmann theilt dann seine Ansichten über 
die Auflösung des Kasseler Hoftheaters mit. Er 
schreibt darüber: 
„Man wird schwerlich unrecht thun, wenn man 
die Gräfin Reichenbach als die Schöpferin der 
Kasseler Prachtanstalt, wie man dieses Theater 
seit dem Regierungsantritt des Kurfürsten nennen 
kann, betrachtet. Daß ein allem Anschein nach 
so festbegründetes Institut so bald absterben 
würde, ließ sich wohl Niemand träumen. Ferge 
hat offenbar große Schuld dabei, Konsequenz ist 
eine herrliche Tugend, nur darf sie nicht in 
knabenhaften Eigensinn ausarten, mit der Knute 
in der Hand kann man wohl eine Viehheerde, 
aber nicht eine Kunstanstalt dirigiren. Das 
Schicksal hat den Feige gleich dem Hugo Graf 
von Oerindur (in Müllners „Schuld") auf 
einen falschen Weg geführt, wäre er Zuchthaus- 
inspektor geworden, so hätten sich gewiß Manche 
gefürchtet, Spitzbuben zu werden." 
Diese gewiß grundlosen Angriffe Seydelmanns 
auf den als vortrefflichen Leiter der Bühne all 
gemein anerkannten Generaldirektor Feige lassen 
erkeuneu, daß ihm die wahren Gründe der 
Schließung der Bühne unbekannt geblieben, zu 
gleich aber auch, daß das üble Verhältniß zu 
Feige ihn hauptsächlich zum Kontraktbruch ver 
anlaßt habe. 
Die große Vorliebe des Kurprinzen für daS 
Theater führte es indessen herbei, daß schon im 
folgenden Jahre, am 10. November 1833, das 
Hoftheater, wenn auch mit weit beschränkteren 
Mitteln, als sie Wilhelm II. zu Gebot standen, 
wieder eröffnet wurde. Bei dem Engagement 
der Mitglieder für die neue Bühne zeigte man 
sich nun pietätsvoll gegen verdiente alte Mitglie 
der des früheren Hoftheaters; Madame Häser, 
die Mutter unseres Karl Häser, der alte Gerlach und 
auch L. Schmidt wurden wieder engagirt, letztere 
mit geringerer Gage für kleinere Rollen. 
Weniger Glück hatten andere ihrer früheren 
Kollegen, deren wiederholtes Gesuch um Wieder 
annahme abgelehnt wurde. Es waren dieses 
namentlich die früher sehr beliebt gewesenen und 
sehr tüchtigen Schauspieler Gerber und Schmale. 
Als Grund der Ablehnung wurde damals allge- 
inein angenommen, daß beide bei der im Jahre 
1830 errichteten Bmgergarde eingetreten waren, 
und sich bei den Unruhen in Kassel besonders 
bemerklich gemacht hatten. 
Es gab dies Seydelmann, welcher -davon ge 
hört und der die für seine früheren Kollegen da 
raus entstehenden nachtheiligen Folgen voraus 
sah, Gelegenheit, sich sehr schar, über die Theil 
nahme der Schauspieler an politischen Bestreb 
ungen in seinem Briefe auszusprechen. Er schreibt: 
„Ob neben der Schuld Feige's nicht auch von 
Seiten cinjger Mitglieder Manches geschehen ist, 
das füglich hätte unterbleiben können, ist eine 
Frage, die ich von vielen Seiten mit „ja" be 
antworten höre. Der Künstler soll sich meiner 
Meinung nach so lange von allen politischen 
Händeln fern halten, als er es mit seiner Ehre 
irgend thun kann. Tritt der höchste Moment 
ein, dann zeige auch er seine Farbe, die ersten 
Kämpfe lasse er aber um so mehr außeracht, 
als man ihm ohnehin nicht viel Vertrauen ent 
gegenbringt, wenn er eher nach dem Schieß 
prügel greift, als nach der Rolle. Mißtrauen 
liegt, gar zu nahe. Der ernstere Bürger, wie 
der rohe Haufen sind noch lange nicht geneigt, 
unsere Theilnahme an Bolksinteressen für voll 
anzusehen. Weshalb sich früher vom Burgunder 
erheben und die Posaune blasen!*) Ich meine, 
die Kasseler Kunsthelden hätten ihre Lorbeern 
auf den Brettern oder im Orchester suchen können, 
*) Diese Bemerkung bezieht sich auf den ausgezeichneten ersten 
Violoncellisten der Hostheater-Kapelle, Hasemann, welcher als Posaunen 
bläser bei dem Mufikcorps der Kasseler Bürgergarde eingetreten war 
und als solcher schon im Jahre 1812 in dem Regiment eines Fürsten 
des Rheinbundes in dem Kriege gegen Rußland gedient hatte.
	        

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