Full text: Hessenland (1.1887)

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einem deutschen Schlosse. Es gab damals Leute 
genug, die ihn, der aus allen Himmeln gefallen 
war, noch zu glücklich fanden, sie mißgönnten 
ihm das allerdings wunderschöne Gefangenhaus 
und hätten ihn lieber auf einer düstern Festung 
eingesperrt. Aber es bedurfte keiner solchen, 
denn zur Flucht hatte der entthronte Kaiser ja 
keine Veranlassung, wohin sollte er sich wenden? 
Daß sein großherziger Besieger ihn mit so viel 
Schonung und Edelsinn behandelte, ihm ein 
wahres Dorado zum Gefängniß anzuweisen, war 
sehr großmüthig. Zugleich bildete der Aufent 
halt in Wilhelmshöhe für den dritten Napoleon 
die wunderbarste Ironie, die jemals in der Ge 
schichte vorgekommen ist. Jedoch hatte der gut 
herzige Kaiser Wilhelm dieselbe gewiß ganz un 
bewußt ausgeübt, er dachte im Drange des 
Augenblicks von Sedan sicherlich nicht an die fran 
zösische Vergangenheit von Wilhelmshöhe, sondern 
nur an dessen Annehmlichkeit und Schönheit. 
Dieselben prangten gerade im Herbst von 1870 
in vollster Entfaltung, schöner hatten die Blume» 
dort noch nie geblüht. Ganz besonders ragten 
die rothen und blauen Hortensien hervor, dieses 
Symbol des dritten Napoleon, dessen Mutter, 
Hortense, die Erbschaft der französischen Krone 
einst so heiß gewünscht und es doch nicht erlebt 
hatte, daß diese ihrem jüngsten Sohne zufiel — 
der älteste war noch offiziell vom ersten Napo 
leon als Erbe anerkannt worden, ehe dieser einen 
eigenen Sohn besaß. 
In der herrlichen Hortensienlaube, welche einst 
rin Lieblingstheeplatz der kurfürstlichen Besitzer 
war, fand ich eine leere Bank und beschloß den 
Spaziergang Napoleons zu beobachten, er mußte 
bald vorüber kommen — im Publikum bemerkte 
man schon die gesteigerte Unruhe der Erwartung. 
Es war bekannt worden, daß Graf Monts so 
eben die Nachricht von der Uebergabe Straß- 
burgs dem Gefangenen mitgetheilt habe; zu be 
obachten, wie er dieselbe ausgenommen hatte, 
-achten sich die Leute ganz besonders interessant. 
Es entstand ein wildes Gedränge, als der Ex 
kaiser sich dem Schlosse näherte, die Blumenbeete 
und der gepflegte Rasen wurden zerstampft, ver 
gebens versuchten die uniformirteu Parkwächter, 
die Ordnung aufrecht zu halten. Da änderte 
; Graf Monts plötzlich die Richtung und schlug 
einen Seitenweg ein, um das Schloß zu er 
reichen und dem Menschenstrom zu entgehen. 
Dicht hinter der Hortensien-Laube wandelte nun 
das Häuflein der interessanten Gefangenen vor 
bei; es war mir als hörte ich die ehernen 
Schritte der Geschichte. Wie viele Blätter ihres 
Weltbuches sind blutig gezeichnet durch die Na- 
poleoniden! Der dritte und voraussichtlich letzte, 
hat sogar noch mehr Geschichte gemacht als der 
erste, schon weil er viel länger das Scepter 
Frankreichs führte und den großartigen Um 
schwung der Neuzeit, wenn auch nur durch 
seinen Fall, veranlaßte. 
Da sah ich ihn nun vor mir den kleinen gro 
ßen Mann, der so oft beschrieben wurde und 
nun doch so ganz anders mir erschien. Er ging 
am Arm des General Castelnau, neben dessen 
hoher Gestalt er noch kleiner als sonst aussehen 
mußte — er ließ sich bekanntlich fast immer von 
einem seiner Adjutanten führen. Sein Gang 
war jedoch sicher, seine Füße schleiften keines 
wegs den Erdboden, wie so oft behauptet worden 
ist, er trat fest auf und trug zierliche Stiefeln. 
Der Rücken war etwas gerundet und hochschult- 
rig, dennoch hatte seine Haltung etwas Würde 
volles. Seine auffallend kleinen Hände steckten 
in eleganten hellgrauen Handschuhen, die man 
nämlich in Kassel fast noch besser als in Paris 
haben kann. Sein Gesicht war durchaus nicht 
häßlich, die Farbe spielte zwar etwas in's Gelb 
liche, doch sah er nicht kränklich aus. Es ist 
auch unzweifelhaft, daß er in der herrlichen Luft 
von Wilhelmshöhe sich rasch erholte, hätte er 
dort länger bleiben können, lebte er vielleicht 
noch. Jedenfalls waren die Tage seines Aufent 
haltes in der Gefangenschaft die letzten glücklichen 
seines wechselvollen Daseins. Er vermochte damals 
noch zu hoffen, daß Frankreich ihn zurückrufen 
würde. Die furchtbaren Erschütterungen und 
Erniedrigungen, welche die Communards über 
das unglückliche Land brachten, wären für ein 
vernünftiges Volk Gründe genug gewesen, um 
dem Herrscher sich wieder unterzuordnen, der 
länger als zwanzig Jahre mit starker Hand den 
Deckel der Pandorabüchse verschließen konnte. 
Die Höllengeister, die daraus hervorstürzten, so 
bald Napoleon fortging, gaben ihm eine volle 
Rechtfertigung für seine Handlungsweise. Er 
konnte mit einer Art Satisfaktion auf die Ver 
wüstung Frankreichs sehen, das unter seiner Lei 
tung zu Wohlstand und Macht gelangt war. 
Den Krieg hatte er allerdings heraufbeschworen 
aber er gehorchte dabei doch nur dem ungestümen 
Drängen der Nationaleitelkeit.*) 
Was das sogenannte Wohllebeu des Gefang 
enen betraf, von dem die Zeitungsschreiber in 
Ermangelung anderen Stoffes, so viel gefabelt 
haben, so beschränkte sich dies nur auf eine 
etikettenmäßige Bewirthung, wie sie von einem 
so hohen Gastgeber wie König Wilhelm es war, 
*) Obige Ansichten über Napoleon III. dürften denn doch bei einem 
großen Theile der Leser unserer Zeitschrift auf Widerspruch stoßen. D. R.
	        

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