Full text: Hessenland (1.1887)

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Hand führt. Auf der inneren Seite der geöff 
neten Flügelthüren sehen wir vier Heilige, zwei 
männliche und zwei weibliche, nämlich rechts St. 
Valentinus, dem Krankenheiler, zu seinen Füßen 
einen siechen Mann, unverhältnißmäßig klein 
dargestellt, vermuthlich um auch bildlich den 
großen Abstand zwischen dem heiligen Mann und 
einem gewöhnlichen Menschenkind anzudeuten, 
und St. Margarethe, zur Linken St. Sebastian 
von vielen Pfeilen dur vbohrt und St. Katha 
rina. Katharina wird gewöhnlich mit einem 
anderen Marterwerkzeug, dem mit Messer» ver 
sehenen Rade dargestellt. Hier trägt sie das 
Schwert, mit dem sie zuletzt hingerichtet wurde. 
Schließen wir sodann die Flügel, so erblicken 
Mir auf der Außenseite die Verkündigung Marias 
mit zwei Heiligengestalten, rechts St. Georg mit 
dem Drachen, links St. Nikolaus, den Kinder 
freund. Sämmtliche Figuren sind auf Goldgrund 
gemalt, um die himmlische Glorie anzudeuten, 
welche die Heiligen durch ihr Leben und Leiden 
errungen haben. 
Der Namen des schon oben erwähnten Meisters 
sowie die Zahl der Jahre, welche er zur Voll 
endung dieser Bilder brauchte, verkünden zwei 
Distichen, welche wir hier in möglichst wortge 
treuer Uebersetzung folgen lassen: 
Ban der Jungfrau Geburt verflossen fünfzehn der Jahre 
Ms zum heutigen Tage, Jubel war damals im Land 
Ws der Maler dies Werk vollendete. Nikolaus hieß er, 
Schil benamet dabei, Meister der löblichen Kunst. 
Das Bild des hl. Sebastian führt folgende 
Umschrift: 
Heiliger Sebastian, du einzige Hoffnung der Kranken, 
Tapferer Streiter des Herrn, Märchrerherrlich an Ruhm, 
Der dein 'Erycius gleich die schrecklichen Pfeile der Seuche 
Blick uns Elende an, wir flehens, mit freundliche» Augen 
Steh' als mächtiger Schutz uns den Sterblichen bei. 
Treibe die Pest hinweg und wende schädliche Krankheit 
Und in jener Welt spende uns Hülfe und Trost. 
Um das der hl. Katharina heißt es so : 
Jungfrau aus Königs Stamm, Katharina leuchtend vor 
Allen 
Durch der Tugenden Zahl, keusche Verlobte des Herr«, 
Die du nach manchem Triumph als Siegerin, früge 
Jungfrau, 
Jetzt ohne Ende und Ziel himmlische Chöre bewohnst. 
Siehe wir flehen dich an bei deinen Martern und Strasen» 
Die dn für Christum erlittst, schaffe uns Friede mit Gatt. 
Lenk uns und hilf uns, o laß uns leben reichliche Jahre, 
Selige Jungfrau, und gib einst uns dem Himmel zurück. 
Das Gebet an St. Valentinus tarnet: 
Valentinus, dy Held des Höchsten und mächtiger 
Schutzherr. 
Dem der allmächtige Gott reichliche Aemter verliehe 
Dem er besonders vergönnt zu vertreiben die schrecklich, 
Fallsucht, 
Der mit seinem Verdienst bringet die Seuche zur Flucht, 
Deine mächtige Wacht, sic schütze und helfe, wir Äpmcn 
Rasen dich flehend an, uns io gefährlicher Seit, 
Daß die scheußliche Pest nicht vecherbe die Männer des 
Volkes, , 
Gieß, o Seiger, vor Gott, "gieß deine Bitten uns aus. 
Das Bild der hl. Margaretha endlich umgarn 
folgende Verse: 
O im hciligeMagd, durch Verdienste glänzend, die größten, 
Margaretha, des Lammes herrkrch gezierete Graut, 
Die als Siegerin nun nach den eitlen Kämpfen des Lebens 
Änd als Märtyrin dort himmlische Freude» genießt, 
Christusträgerin du, die geeint mit andcrenZmHfrauen 
Leuchtende Kränze trägt, rosengeflochtene auch, 
Gib, o Jungfran, auch Ms den Drachen, welchen du 
bändigst, 
Daß wir ihn zwingen, und einst steigen zumHimmel empor. 
(Schluß folgt). 
Mn Kesnch irr Michelrnshöhe. 
*Ms war ein lachend schöner Herbsttag iu dem 
Jfl denkwürdigen Jahr 1870, die Blätterfülle 
" in der Aue leuchtete schau im rothgoldenen 
Farbevspiel, und die Wilhelmshöher Allee wurde 
durch welke Aesle uud staubige» Rasen entstellt. 
Eis Getümmel von Wagen und Fußgängern 
drängte sich darin zu einem wirren, wilden 
Knäuel zusammen. Man konnte es als eine 
Befreiung ansehen, wen» man am Fuß des 
Berges anlangte, wo ei» kundiger Wanderer sehr 
bald einen der vielen Fußpfade zu beuatzev ver 
stand, die in einigen Minuten in die kühle staub- 
lofe Waldeinsamkeit führe«. Das Rauschen der 
Bäume und das Girren der wilden Tauben 
unterbrachen allein die köstliche Stille. Die bal 
samische Waldluft einathmevd, stieg ich nur sehr 
langsam zur Höhe hinaus. Mt Ueberraschung 
vnd Bewunderung erblickte ich auf derselben end 
lich das herrliche Schloß, welches auf der sam- 
metgrünev Rasenfläche sich erhebt und pon schön 
stem Mumenparterre umgeben ist. 
Dort oben hatten sich neugierige Zuschauer in 
großer Menge eingefuoden, wie Ameisenschwärme 
bedeckten sie alle Zuginge des Parkes, den» sie 
wollten das historische Wunder ansehen, den 
Kaiser der Franzosen als Kriegsgefangenen auf
        

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