Full text: Hessenland (1.1887)

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Die KrmstschiLtze der Geluhauser Sladtkrrche 
Bon 
F. M. Kirnghrrns. 
'MAie Stadtkirche zu Gelnhausen, jenes schöne 
J| Denkmal mittelalterlicher Baukunst, an 
^ welchem der Uebergang vom romanischen zum 
deutschen oder gothischen Baustyl so deutlich zu 
sehen ist, enthält im Innern eine Anzahl Kunst 
werke, die viel zu wenig bekannt sind. Es sind 
theils Holzschnitzereien, theils Gemälde, die mit 
den ersteren in harmonischer Vereinigung die 
Altäre zieren, theils Steinmetzarbeiten, womit 
Säulen und Wände geziert sind. Sie alle sind 
trotz hohen Alters gut erhalten, da merkwürdiger 
weise die Kirche weder in den Stürmen des 
dreißigjährigen Kriegs, von denen Gelnhausen so 
schwer heimgesucht wurde, noch bei den Durch 
zügen des siebenjährigen, noch endlich bei der 
Retirade des Jahres 1813 irgend wie beschädigt 
worden ist. 
Gelnhausen war bekanntlich bis zu den Zeiten des 
dreißigjährigen Kriegs, durch dessen Verwüstungen 
cs zu dem Rang eines elenden Landstädtchens 
herabsank, ein Ort von viel größerem Umfang, 
größerer Einwohnerzahl und größerem Reichthum, 
als es jetzt ist. Noch findet man in dem äußern 
Mauerring, den jetzt Gärten einnehmen, die 
Fundamente zahlreicher Gebäude, die damals in 
Asche sanken und nicht wieder aufgebaut wurden. 
Im 13. und 14. Jahrhundert war Gelnhansen 
eiu nicht unbedeutendes Glied der Bündnisse, 
welche die Städte der Wetterau und des Rhein 
landes mit einander abschlössen, um sich und 
ihren Handel in den Zeiten der Fehden und 
des Faustrechts gegen die Vergewaltigungen der 
benachbarten Ritter und Dynasten zu schützen. 
Seine Bewohner nährten sich theils von dem 
damals noch schwunghafter als jetzt be 
triebenen Weinbau, theils von dem Handel, dem 
anch die damals noch schiffbare Kinzig dienen 
mußte. Hieran erinnert das noch jetzt stehende 
Schiffthor, sowie die Thatsache, daß König Ruprecht 
von der Pfalz im Jahre 1404 bei der Belagerung 
der Burg Rückingen die dazu nöthigen Schiffe 
von Gelnhausen kommen ließ. 
Der durch Weinbau und Handel gewonnene 
Wohlstand seiner Bürger, der Reichthum der 
zahlreichen Adelgeschlechter, welche als kaiserliche 
Burgmannen zum Schutz der Kaiserburg in 
Gelnhausen wohnten, der fromme Sinn des Mittel 
alters, der um der Seelen Seligkeit willen stets 
bereit war Kirchen und Klöster mit den reichsten 
Schenkungen zu bedenken, sowie die reichen 
Opfer, welche die zu der bei der Kirche befind 
lichen Nachbildung des heiligen Grabes wall 
fahrenden Pilger dem Heiligthum darbrachten, 
setzten die Geistlichkeit der 1170 begonnenen und 
um 1260 vollendeten Kirche in den Stand, das 
Innere derselben mit allem Aufwand mittelalter 
licher Kunst auszuschmücken. 
Wer die Meister gewesen sind, welche die 
unser Auge entzückenden Kunstwerke der Malerei 
und Skulptur schufen, ist uns leider nicht be 
kannt. Nur die Gemälde auf den Flügelthüren 
des Hochaltars werden als das Werk des um 
1500 lebenden Meisters Nikolaus Schit bezeichnet. 
'Was die Skulpturen anbetrifft, so läßt die Aehn- 
lichkeit, welche dieselben mit den gleichen Bild 
werken in den Kirchen des alten Nürnberg haben, 
darauf schließen, daß sie wohl dort oder wenigstens 
von Meistern der Nürnberger Künstlerschulen, viel 
leicht von Schülern und Gehülfen des Michael 
Wohlgemuth (1434—1519) gefertigt worden sind, 
Professor Lübke hat daraus hingewiesen, daß in 
den Werkstätten dieses Meisters die Anfertigung 
von heiligen Bildern auf Bestellung in fabrik 
mäßiger Weise geschah und daß sich in denselben 
für die einzelnen Heiligen ein gewisser feststehender 
Typus bildete, welcher, wenn auch modificirt, immer 
wiederkehrt. 
Der Zweck dieser Zeilen ist der, die geehrten 
Leser und Leserinnen des „Hesscnlandes" auf 
die Kleinodien aufmerksam zu machen, welche die 
vor einigen Jahren so herrlich restaurirte „Frauen 
kirche" Gelnhausens birgt. Vielleicht daß da 
durch Einer oder der Andere bei rascher Fahrt 
durch das lachende Kinzigthal sich veranlaßt fühlt, 
auf ein Stündchen den Bahnzug zu verlassen, 
um sie einer liebevollen Betrachtung zu unter 
werfen. Wenn Sie es gestatten, so will ich den 
Führer machen. 
Wir beginne» mit dem in dem wundervollen 
Chor stehenden Haupt- oder Hochaltar. Derselbe 
bildet einen durch doppelte Flügelthüren geschlosse 
nen Schrein, über dem sich die Laterne für. das 
ewige Licht in Form eines gothischen Thürm- 
chens erhebt. Nach geöffneten Thüren zeigt uns 
derselbe die lebensgroße, vergoldete Statue Marias 
mit dem Kinde, zur Rechten der Evangelist Jo 
hannes, kenntlich an dem Schlangenkelch, sowie 
der Apostel Paulus, zur Linken Johannes der 
Täufer mit der Taufmuschel und Petrus, aus 
gezeichnet durch den Schlüssel, den er in der
        

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