Full text: Hessenland (1.1887)

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Stieren Blickes lag der gefesselte Merwig an 
einem Baum, an seiner Seite sein Weib, die 
gramvoll in des Gatten finsteres Antlitz schaute. 
„Wo ist Wolnoth ?" entrang es sich dem Munde 
Merwigs. 
„Im Walde." 
„Dank, Heervater!" Er starrte wieder vor 
sich hin, stumm und finster. So eng umschnürten 
ihn die Riemen, daß er kein Glied rühren konnte. 
Die Zeit verrann, Mitternacht mochte es den 
Sternen nach sein, und die Römerkrieger hatte« 
in ihrer Wachsamkeit nachgelassen, viele schliefen, 
selbst den Wachen sank das Haupt ans die Brust. 
Die Feuer waren fast nieder gebrannt. 
Leise zischte es jetzt hinter dem Baume, an 
welchem Merwig und sein Weib lagen. Fun 
kelnden Blickes hob er das Haupt bei dem Laute, 
und ein nur in nächster Nähe vernehmbarer Zisch 
laut fuhr auch ihm über die Lippe. 
„Atta", flüsterte es leise aus dem Dunkel 
hinter ihm, „hörst Du?" 
„Ich höre, sprich," klang es nahe leise zurück, 
während Merwig's Auge spähend über die 
lagernden Römer hinfuhr. 
Theuda lauschte, wie er, den leisen Lauten 
erregt. „Es ist der Knabe," sprach sie, und Mut 
ter glückstrahlte aus dem Angesicht. 
Hinter dein Baume lag im tiefen Schatten, 
gleich einer Schlange lautlos heran gekrochen, 
Wolnoth. . 
„Ich will Dich frei machen, Atta, Dich und 
die Mutter." 
„Vergeblich ist's Kind. Wir liegen in Banden 
unzerreißbar und dort stehen die Wächter." 
„Was soll ich thun?" 
Eine kurze Weile sah Merwig vor sich hin, 
und in seinen rauhen Zügen zuckte es. 
Dann neigte er sich zu seines Weibes Ohr 
und flüsterte: „Er muß es thun, Theuda!". 
Diese fuhr zusammen und stammelte: „Es ist 
der Tod, Merwig." - 
Der Mann neigte das Haupt und athmete schwer. 
Nach einer Weile fuhr er fort: „Soll das 
Chattenvolk sagen, der Wächter am kahlen Hügel 
schlief als der Feind kam? Soll Merwig's 
Name entehrt sein für alle Zeit? Schmach auf 
seinem Sohne lasten? Soll ich zu Hel ins 
Nebelreich hinab, befleckt mit dem Blute derer, 
welche durch meine Schuld dem Römerschwerte 
fallen? Willst Du das, Weib? Sprich!" 
Die Frau zitterte, wollte sprechen und vermochte 
es nicht, endlich flüsterte sie tonlos noch einmal: 
„Es ist der Tod, Merwig." 
„Und ist's der Tod, so geht er zu Walhall 
und erwartet seinen Vater dort unter Einherien. 
Er soll nicht lange harren." 
Stumm blieb Theuda, ihre Seele rang in 
gewaltigem Schmerz. Da sprach Merwig: „Es 
muß sein, Theuda, es ist für's Chattenland." 
Da nickte die Frau und hob dann die ge 
fesselten Hände vor das Antlitz. „Wolnoth", 
flüsterte Merwig, sich langsam nach der Seite 
des Baumes neigend, wo der Knabe lag, „höre!" 
„Wolnoth hört", flüsterte dieser. 
„Dort an der Hütte der Wächter, der beim 
Feuer schläft, leise schleiche zu ihm." 
„Ja Atta." 
„Du kennst die Fichte neben dem großen Stein, 
ihre Aeste reichen bis zur Erde. Hörst Du? 
„Ich höre." 
„Oben im Wipfel liege» Reisig und Kienspahn, 
ich und Deine Mutter wissen es allein. Hörst Du?" 
„Ich höre. 
„Nimm ans dem Feuer dort Gluth, verbirg 
sie unter Deinein Gewand, doch so, daß sie nicht 
erlischt, schleiche zur Fichte wie der Fuchs, so 
lange Dich Niemand bemerkt, entdeckt man Dich, 
springe wie der Hirsch, klettere empor und fache 
die Flamme an." 
Es verging Zeit ehe der Knabe antwortete. 
„Nun, Wolnoth? 
„Sie werden mich tödten, Vater." 
Theuda stöhnte. 
„Der Feind ist da. Soll das Chattenvolk 
zu Grunde gehen, dein Vater in Schmach sterben, 
Sohn Merwigs?" 
Ein Windstoß fuhr durch die Bäunie; zwischen 
den zerissenen Wolken leuchtete ein glänzender 
Stern hernieder. 
Leise klang des Knaben Stimme: „Ich will 
es thun, Vater." 
„Es halte Heervater seinen Speer vor Dir."
        

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