Full text: Hessenland (1.1887)

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für Kassel und alle Hessen, welche jemals ihre Residenz 
stadt und deren Hoftheater besuchten, die beliebteste 
Künstlerpersönlichkeit. Seine Darstellungskunst sprach 
unmittelbar zum Herzen, weil sie sich nur an die 
Narur anlehnte. Sein Humor war liebenswürdig 
und herzlich, daher der Schwerpnnkt seines schau 
spielerischen Talentes auch in komischen Rollen lag. 
Namentlich waren es Benedix'sche Frguren, in deren 
Verkörperung er unübertroffen sein dürfte. Spielte 
er ernste Episoden, so war es vor Allen der herzlich 
gewinnende Ton, mit dem er außerordentliche Wirkungen 
erzielte. Seine weiche sympathische Baßstimme be 
fähigte ihn auch zur Uebernahme kleinerer Baßpartien 
in der Oper, in welcher er auch bis 1867 die Regie 
führte. Im Ganzen hat Karl Häser dem hiesigen 
Hoftheater 54 Jahre als Mitglied angehört. Die 
großartigsten Orvanonen wurden ihm gelegentlich seines 
50jährigen Bühnen-Jubiläums dargebracht. Damals 
war es auch, wo die deutschen Gesang-Vereine zur 
Gründung einer Häser-Stistung beitrugen, welche ihm 
ernen sorgenfreien Lebensabend sichern sollte. Schon 
als Kind kam Karl Häser mit seinen Eltern nach 
Kassel. Frühzeitig zeigte der Knabe musikalische Be 
gabung und wurde von Dr. Großheim unterrichtet. 
Trotzdem scheint man ihn für einen prosaischen Beruf 
berufener gehalten zu haben, indem man ihn bei Meister- 
Henkel als Blechschmied in die Lehre gab. Nachdem 
er aber ausgelernt, ließ er sich seine Vorliebe für die 
Bühne nicht mehr zurückdrängen. Zuerst gehörte er 
dem hiesigen Theater-Chor kurze Zeit an und begab sich 
sodann nach Stralsund, von wo aus er das Elend des 
Wanderbühnenlebcns kennen lernte. 1633 kam er 
wieder nach Kaffel, wo seinem Talente endlich die ver 
diente Anerkennung wurde. Wie allgemein die Liebe 
und Verehrung für den Künstler und Sänger Häser in 
der Bevölkerung Kassels, zu dessen populärsten 
Persönlichkeiten er gehörte, Platz gegriffen, zeigte am 
Besten die großartige Betheiligung an seinem Leichen- 
begängniß. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine 
Kränze", der treue Sänger aber wird mit seinen 
Liedern fortleben im Herzen seines Volkes. Molliter 
ossa cubeut!. M. M. 
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Bei der am 16. April stattgehabten Uhlandfeier 
in Tübingen hielt unser Landsmann, Universitäts 
professor Dr.-Sie Vers, die Festrede und feierte den 
großen Dichter als Forscher und Gelehrten. Professor 
Sievers ist der Sohn unseres Mitbürgers, des Herrn 
Münzverwalter a. D. Sievers. 
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* 
Kaiser Joseph II. berührt auf ein er Reise 
hessisches Gebiet. Wer in den Dillenburgischen 
Intelligenz-Nachrichten, einer Zeitung, welche vom 
Jahre 1773 an bis in das zweite Jahrzehnt unseres 
Jahrhunderts in Wochennummern zur Ausgabe ge 
langte, wichtige politische Nachrichten sucht, wird sich 
enttäuscht finden. Dagegen enthalten diese Blätter, 
dem damaligen Zeitungsgeschmack entsprechend, zahl 
reiche Lokal- und Personalnachrichten, die namentlich 
für die Geschichte des l.assau-oranischen Lande eine 
reiche Fundgrube bilden. Aber auch aus den an 
grenzenden Gebietstheilen enthalten sie manche inter 
essante Mittheilung, so z. B nachstehende, welche 
das in der damals hessischen Riedergrafschaft Katzen- 
ellnbogen gelegene Stäbchen Nastätten, als Quartier 
des Kaisers Joseph II. in der Nacht vom 29/30 Mai 
1781 bezeichnet: 
Dillenburgische Intelligenz - Nachrichten. XXIV. 
Stück. 16. Juni 1781. pag, 382. Dies ist der 
Auszug eines Schreibens von Nassau den 1. dieses 
Mon. Jun. „Vorgestern halten wir das Glück Jhro 
Röm. Kayserl. Majestät bei uns zu sehen, welche 
unter dem Namen eines Grafen von Fatkenstein, da 
hier durchreisten und die Post wechselten, nachdem 
Höchstdieselbe die Nacht zuvor zu Nastetten bei 
dem Herrn Hofkammerrath Recken logiret 
hatten. 
Jhro Majestät kamen schon früh Morgens vor 
7 Uhr in einer 6 spännigen Chaise, welcher noch 2 
dergleichen jede mit 2 Herrn besezzet und ein Küchen 
wagen folgeten. Der Kayser stunde in der Chaise und 
der' General Graf Tercy säße zur linken Hand neben 
ihm, er ließ sich vor und durch Nassau ganz sachte 
fahren, er sahe sich überall um, er war mit einem 
ganz simplen maußsarben tüchernen Rock und Weste, 
gelb ledernen Beinkleidern, gewächsten Stiefeln und 
silbernen Sporen, sodann einem rnnden schwarzen 
Hüthgen und einem hellgrauen Rockelor begleidet. 
In Nassau stieg er nicht' in dem Posthaus, sondern 
mitten in der Straße, wo solche über das Brückelchen 
nach Dammau zu gehet, aus der Chaise, und sein 
Herr Begleiter mit ihm. 
' Die Gesichtsbildrng des Kaisers ist länglich, und so 
herablassend und huldreich er gegen die geringsten 
Leute ist, so zeigt doch die Mine und der Blick die 
Größe der Kaiserlich-Menschen-freundlichen Seele. 
Sogar haben die Postillons, wo es Berg an gegangen, 
ganz sachte fahren müssen, um bei der großen Hitze 
der Pferde zu schonen. 
Zu Ems ist rhm der Minister Herr Graf von 
Metternich entgegen gekommen, mit dem er sich aus 
der Chaise kurz unterredet hat. Zu Coblenz ist er 
ohne daselbst zu verweilen durchgefahren." M. 
* * * 
In seiner „Chattischen Stammeskunde" theilt 
Hermann von Pfister verschiedene Urtheile und 
Aussprüche über die Chatten bezw. Hessen mit, von 
Johannes von Müller, Friedrich dem Großen, Ernst 
Moritz Arndt, W. H. Riehl. Ich möchte dieselben 
durch einen Ausspruch des alten Jahn ergänzen, 
der in seiner vorwortlichen „Erklärung" zum „Deut 
schen Volksthum" die Bedeutung der einzelnen deut 
schen Volksstämme erörtert und sagt: „Hessen, schon 
gegen Römer das Deutsche Voland, wäre wahr 
scheinlich auch in den Revolutionskriegsjahreu Deutsch 
lands 'Rettungsvolk geworden, hätte es so viele 
Millionen gezählt als Hunderttausende; oder nur 
zwischen Main und dem Westerwald, am Rhein eine 
feste Gränze gehabt." S. 
Zu dem in der letzten Nummer des „Hessenland" 
gebrachten Gedicht von Ernst Koch „das heimliche
        

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