Volltext: Hessenland (1.1887)

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gescharrt, steht noch jetzt und beherbergt zur 
Sommerzeit muntere Fohlen, welche unter staat 
licher Aufsicht im „Thiergarten" auf die Weide 
getrieben werden. - 
Es ist öde und einsam geworden in jenem 
Prächtigen Waldrevier, selbst die Damhirsche 
sind daraus verschwunden; der kleine Teich aber 
liegt schlummerstille und mag wohl träumen 
unter seiner grünen Binsendecke von stolzen, 
lebensfreudigen Gestalten, deren farbenheiteres 
Bild er einst zurück gestrahlt. — Uns aber 
klingen durch's Gemüth die Worte unserer größten 
Dichterin: 
„Dahin, dahin, die einst so gesund, 
So reich und mächtig, so arm und klein. 
Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein 
Liegt zerflossen auf deinem Grund!" — 
Klirvrrng. 
Gähren muß der Traubensaft, 
Soll der Most sich klären; 
Laßt nun drum die Jugendkraft 
Gleich dem Moste gähren. 
Aber tadelt nicht den Wein, 
Der nrcht Most geblieben: 
Scheltet nicht den Kieselstein, 
Der sich glatt gerieben. 
Lüstet's euch. nach trübem Gischt? 
Geht und sucht, euch einen! 
Wo für mich wird aufgetischt, 
Fordr' ich asten Reinen. 
A. Trnvert. 
Immer: meitee. 
Immer weiter, immer weiter, 
Schifflein, auf des Lebens Fluth, 
Ob es trüb ist oder heiter: 
Immer weiter, nie geruht. 
Glück und Wehe, Leid und Wonne 
Lösen ab sich fort und fort 
Heute Wolken, morgen Sonne, 
Freude hier und Trauer dort.. 
Schifflein, weiter, immer weiter, 
Sei's nun Ebbe oder Fluth, 
Leidig, freudig, trübe, heiter: 
Weiter, weiter, nie geruht! 
Aus altrr «ud ururr Zeit. 
Nekrologe. Am 14. April starb zu Marburg der 
Geh. Medizinalrath Prof. Dr. N a 1 h a n a e l Lieber 
kühn, Direktor des anatomischen Instituts, plötzlich in 
Folge eines Schlaganfalls. Geboren war derselbe am 
-8. Juli 1822 zu Barby im Regierungsbezirk Magde 
burg. Seit 20 Jahren war er an der Marburger 
Universität thätig und zählte zu den hervorragendsten 
Lehrern der medizinischen Fakultät. Vorher war 
er Professor und Protektor am anatonischen Institut 
zu Berlin. Die „Oberhessische Zeitung" widmet 
dem Verblichenen einen warmen Nachruf dem wir 
folgende Stelle entnehmen: 
„Lieberkühn war akademischer Lehrer in des Wortes 
vollster Bedeutung, ihm lag das Interesse seiner Zu 
hörer höher als alles Andere, keine Gelegenheit ließ 
er vorübergehen, dieses zu bethätigen. Er genoß da 
für aber auch im höchsten Grade die Anhänglichkeit 
und das Vertranen seiner Zuhörer und erfreute sich 
darum stets eines aufmerksamen und großen Zuhörer 
kreises. Er verfaßte mehrere hochwissenschaftliche 
Schriften und eine Reihe von Abhandlungen für die 
Sitzungsberichte der naturwissenschaftlichen Gesell 
schaft, welche letztere in Marburgern und in anderen 
wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen. Hohes 
wissenschaftliches Ansehen genoß er in seinen fach 
männischen Freundeskreisen, wie er denn auch nach 
Bennecke's Todt voy der Marburger „Naturwissen 
schaftlichen Gesellschaft" zum Vorsitzenden derselben 
gewählt wurde." 
Gleich seinen Vorgängern auf dem Lehrstuhle der 
Anatomie, den Professoren Bünger, dem Gründer des 
anatomischen Instituts in Marburg, Fick und Claudius 
hat er sich einen berühmten Namen in der wissen 
schaftlichen Welt erworben, der fortleben wird in den 
Annalen der alma mater Philippina. D, 
Wenn auch kein Hesse von Geburt, so doch ein 
hessischer Sänger ist am 16. April mit KarlHäs er 
aus dem Leben geschieden, denn hier in unserer 
Heimath, im Rauschen unserer Wälder entstanden 
seine herrlichen Lieder, ferne wundervollen stimmungs 
vollen Gesänge. Ein echtes deutsches Herz wohnte 
in seiner Brust, und tiefe Innigkeit des Gemüthes 
war ihm eigen, in seinen Kompositionen reden beide 
laut zu uns. Wer häte jemals das Lied: „Du 
Wald mit deinen duft'gen Zweigen" gehört und wäre 
nicht durch seine einfache aber warm empfundene Weise 
tief ergriffen wurde! „Seine Frühlingstoaste", „der 
Wanderer an das Vaterland", „Du lieber Engel 
wein", Ich komme bald", „Drum schau in's Auge 
Deinem Kind" und die Männerchöre „In vino veritas" 
werden gesungen so weit die deutsche Zunge klingt 
und wiederholen selbst fortwährend das Lob ihres 
Schöpfers, der im 78. Lebensjahre plötzlich schmerzlos 
noch inmitten seiner künstlerischen Thätigkeit abge* 
rufen wurde. Wie er als Liedersäuger sich einey 
weitberühmten Namen gemacht, so war er speciell
        

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