Full text: Hessenland (1.1887)

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Querfragen hin, indem er ehrlich und frisch von 
der Leber weg die volle Wahrheit erzählte. 
„Lassen Sie es gut sein, Lindenau," sagte 
endlich der Fürst. „Der Bursche ist kein Ver- 
räther, aber er ist ein arger Schelm, sonst hätte 
er uns nicht Alle genarrt und nicht gewagt, sich 
ohne Permission über dem Thore einzuquartieren; 
ja, er hat sogar die Keckheit so weit getrieben, 
ohne Permission ein schmetterndes Viktoria zu 
meinem Kegelglück zu blasen und das sind doch 
schwere Vergehen wider die Schloßordnung. 
Lindenau, wir müssen ihm eine strenge Strafe 
zudiktiren." 
„Zu Befehl, hochfürstliche Guaden," schnarrte 
der. Hauptmann im Tone voller Befriedigung. 
Amandus hatte sich ein wenig vorgeneigt und 
blickte mit einem leisen Lächeln um die Lippen 
nach dem Studiosus, der jetzt wie ein armer 
Sünder den Kopf auf die Brust hängen ließ, 
um stumm sein Urtheil zu erwarten. 
„Kilian Frank" hub der Fürst mit scheinbarer 
Strenge an, „für seine Ungebührlichkeiten soll 
Er die Verließe unserer Festung kennen lernen 
und achtundvierzig Stunden bei Wasser und Brod 
dort im Arrest bleiben; dann aber hat Er sich 
unverzüglich aus dieser Gegend zu entfernen und 
nach Würzburg zurück zu begeben, ohne jetzt oder 
später je ein Sterbenswörtchen von Allem, was 
sich hier zugetragen, zu erzählen. Gelobt Er 
dieses?" 
„Auf mein Ehrenwort," versetzte Kilian und 
athmete auf, wie von einer Centnerlast erleichtert. 
„Und weil Ihm unsere Haupt- und Residenz 
stadt Fulda nicht gut genug war, um an der 
alma Adolphiana daselbst das corpus juris zu 
erlernen, so soll Er sich nicht unterstehen, je einen 
Fuß hinein zu setzen oder auch in deren Nähe 
sich sehen zu lassen, es sei denn, daß ich selbst 
Ihm dieses gestatten würde." 
„Hat er aber in Würzburg seine Studio ouw 
laude absolvirt, wie Er dieses so prahlerisch er 
klärt," fuhr nach einer kleinen Pause der Fürst 
fort, „und hat Er Alles genau beobachtet, was 
ich Ihm befohlen habe, dann werde ich nicht an 
stehen — seine Bestellung zum Amtsvogt zu 
verfügen." 
„Hochfürstliche Gnaden" — stammelte der 
junge Mann, seine freudig leuchtenden Augen 
voll Dank zu dem etwas schalkhaft dreinsehenden 
Fürsten erhebend. 
„Halt, noch eine Bedingung;" rief Amandus 
rasch, „daß Er mir das junge Frauenzimmer, 
das so fest auf Seine Treue baut, nicht — sitzen 
läßt!" 
„Das Nanderl!" entfuhr es Kilian, der im 
glücklichsten Uebermulhe für einen Augenblick so 
gar die hohe Gegenwart des Fürsten vergaß, 
aber sogleich stieg ihm die Röthe der Verlegenheit 
in sein intelligentes Gesicht. Amandus aber 
lächelte: „Mein lieber Lindenau, führen Sie ihn 
nun ab auf die Festung." 
Nachdem die Hofgesellschaft das ebenso seltene 
r e interessante Schauspiel genossen, einen ge 
fährlichen Spion unterer sicherer Bedeckung der 
fürstlichen Leibhusaren gefesselt auf die Feste 
Bieberstein transportirt zu sehen, kündigte Amandus 
plötzlich den Aufbruch an zur Rückkehr in die 
Residenz. Keinem aber fiel es auf, daß Seine 
hochfürstliche Gnaden heute so sehr froh gelaunt 
erschienen; — war doch eine große Gefahr vom 
Vaterland glücklich abgewandt. 
Aber o Schrecken! — einige Tage später, 
nachdem der Hauptmann Lindenau wieder einmal 
eine geheime Audienz gehabt, verbreitete sich 
plötzlich das Gerücht, der verwegene Gefangene, 
der ein Bursche von der schlimmsten Sorte, sei 
dennoch entkommen, da der Einsturz einer Kase 
matte ihm die Flucht ermöglicht habe. Kein 
Wunder, daß da dem Fürsten die kriegerische 
Befestigung total verleidet wurde und er Bieber 
stein nun nichts Anderes mehr sein lassen wollte, 
als wozu es dessen Erbauer Adalbert I. bestimmt: 
ein behagliches Jagdschloß! 
Die Kanonen aber, die Amand in seinem 
kriegerischen Eifer hatte aufstellen lassen, blieben 
dort, bis sie im Jahre 1807 von den Franzosen 
weggeführt wurden; sie hatten durchaus friedlichen 
Zwecken gedient, denn nur bei fröhlichen Gelagen 
waren sie abgefeuert worden, um der animirten 
Stimmung recht lauten Ausdruck zu geben. Ja 
wohl, es wurden frohe Feste dort gefeiert und 
nicht umsonst hieß es.damals im Stiftsländchen: 
„Wer geht nach Bietzrrstein 
Und trinst den fulder Wein, 
Kehrt selten Züchtern heim!" 
Als Amand von Buseck todt war, fand man 
in seinem Schreibtisch den Brief vom Reichs 
hofrath zu Wien, und nun erst erkannten die 
Fuldaer den wahren Grund, der den Fürsten 
gezwungen, von der Ausführung seines Festungs 
planes abzustehen, wovon Niemand eine Ahnung 
gehabt hatte. — 
Das stattliche Bergschloß blickt noch heute von 
seiner stolzen Höhe weit hinaus über lieblich 
grüne Wälder und Auen hin, doch von dem kleinen 
Schlößchen unten ist kein Stein mehr übrig; es 
wurde im Anfang Dieses Jahrhunderts auf Ab- 
bruch verkauft. Nur das lange Stallgebäude In 
dem die schmucken Rosse der Leibhusaren einst
        

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