Full text: Hessenland (1.1887)

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jetzt vor ein Kriegsgericht gestellt werden und 
das wird ihm den Hals brechen — aber sei Sie 
nur ruhig, ich will Sie schon trösten." 
Und er leckte sich die Lippen, indem er zugleich 
mit der aus dem Korbe blickenden Flasche lieb 
äugelte. — 
Eine Stunde später saß der Hauptmann Lindenau 
bei dem Fürsten in dem kleinen Kabinet mit den 
hübschen Gobelinstapeten, denn wieder wurde 
Kriegsrath gehalten. 
„Ja mein lieber Lindenau, nun sitzen wir 
gründlich in der Patsche," seufzte Amandus, den 
lockenumwogten Kopf in die schwellenden Polster 
des Fauteuils zurücklegend. „Der Bursche scheint 
wahrhaftig ganz unschuldig. Nichts haben sie 
bei ihm gefunden als einen harmlosen Liebes- 
Brief an die Nichte des Wildmeisters, die auch 
eine Würzburgerin ist. Das junge Frauenzimmer 
hat mir sogar eine Scene gemacht und betheuert, 
daß er nur ihretwegen hergekommen. Wir werden 
ihn jetzt wieder auf freien Fuß setzen müssen, 
aber in Würzburg werden sie nun erst recht ihren 
Spott haben." 
„Hochfürstliche Gnaden wollen doch den Ver 
dächtigen nicht ziehen lassen, ohne ihn vor ein 
Kriegsgericht gestellt zuhaben?" warf der Haupt 
mann erschrocken ein. „Bei so schwerwiegenden 
Verdachtsgründen wird man chn gewiß schuldig 
befinden können, um nach allen Formen Rechtens 
zu verfahren und ein Exempel —7" 
„Was nützt es?" unterbrach ihn der Fürst, 
indem er langsam das Haupt schüttelte. „Hätten 
wir ihn doch gleich entkommen lassen! — Es 
hätte ja einen so herrlichen Vorwand geboten, 
um die Befestigung aufzustecken, denn das hätte 
Niemand im Lande bezweifelt, daß ich die Freude 
verloren an einem Plane, der an Würzburg ver 
rathen sei." 
„Aber hochfürstliche Gnaden, dieser Ausweg 
bleibt uns ja immer noch; wenn wir den Kriegs 
gefangenen entschlüpfen lassen." 
„Ah — Sie meinen, man solle ihn vor den 
Augen des Hofes festsetzen und dann heimlich 
wieder entschlüpfen lassen? Ein famoser Vor 
schlag, mein lieber Lindenau, denn so bliebe aller 
dings der Schein glänzend gewahrt." 
Und Amandus klingelte und befahl, den Ge 
fangenen vorzuführen. 
Ueberrascht ruhten seine Augen auf dem wohl- 
gewächsenen jungen Mann, der mit Fesseln an 
den Händen und etwas vernachlässigt in Kleidung 
— der, Aufenthalt in der staubigen Thurmzelle 
war nicht,ohne Spuren geblieben — aber mit 
fester Haltung und freier unerschrockener Miene 
in das luxuriöse Gemach eintrat. 
„Lindenau, stellen Sie das Verhör an," sagte 
der Fürst, und der kleine Offizier bemühte sich, 
eine recht imponireude Stellung anzunehmen. 
Nachdem er sich erst wieder ordentlich geräuspert, 
begann er in strengem Tone: 
„Wie heißt Er?" 
„Kilian Frank." 
„Woher gebürtig?" 
„Aus Hammelburg." 
„Was? — Aus Hammelburg — unsrer lieben 
und getreuen Stadt?" rief Amandus aus seinem 
Fauteuil lebhaft dazwischen. „Ich meine, Er 
sei aus Würzburg." 
„Also ein Vaterlandsverräther!" betonte schwer 
der Hauptmann. 
Der Gefangene aber wandte sein lebhaftes 
offenes Gesicht nun deut Fürsten zu und antwortete 
frisch und ohne Zagen: „Hochfürstliche Gnaden, 
in Würzburg studire ich dermalen die Rechte, 
doch gebürtig bin ich aus der fuldaischen Stadt 
Hammelburg." 
„Und da will Er wohl auch in Würzburg eine 
Anstellung suchen?" fragte der Fürst aufmerksam 
weiter. 
„Nein, hochfürstliche Gnaden, meine Dienste 
gehören meinem Vaterland," versetzte der junge 
Mann, indem er mit Selbstbewußtsein den hübschert 
Kopf zurück warf. 
„Patriotisch gedacht," nickte der Fürst beifällig. 
„Aber meint Er nicht, da er unsere Alma 
mater verschmäht, man könne im Fürstenthum 
Fulda auch Seiner und seiner Kenntnisse ent- 
rathen?" 
„Ich vertraue ans den Erfolg meiner Studien 
und auf den Gerechtigkeitssinn meines Fürsten 
und Herrn," klang es kühn und zuversichtlich 
zurück. 
„Ah, Er scheint ja seiner Sache sehr sicher — 
nous verrons!" lächelte Amandus nicht eben 
ungnädig, denn er liebte solche freimüthige Art, 
und der junge Bursche, der in allen Wirrsalen 
den Kopf so keck oben behielt, gefiel ihm immer 
besser. 
„Aber hochfürstliche Gnaden, es sollte ja kon- 
statirt werden —" warf der kleine Hauptmanu 
bedenklich ein, denn ganz erstaunt hatte er mit 
angehört, welche sonderbare Wendung das „Kriegs 
gericht" nahm. 
„Ja so, nun so verhören Sie ihn weiter, ob 
Sie etwas heraus bringen," sagte der Fürst, sich- 
wieder in seinem Fauteuil zurücklehnend. 
Der Hauptmann machte die größten An 
strengungen, um ein befriedigendes Geständniß von 
Kilian zu erpressen, aber sicher und unbefangen 
glitt der Letztere über die verfänglichsten Kreuz- und
	        

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