Full text: Hessenland (1.1887)

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ganz verschlossen wurden. Wie sich diese un 
sinnige Maaßregel gerächt, wie der Münzendieb 
stahl im Museum, der wohl noch in aller Ge 
dächtniß ist, nur dadurch möglich war, bewies 
schließlich der immer mehr zu Tage tretende 
Verfall der Knnst-Anstalt. 
Niemand in der Umgebung des Fürsten scheint 
den Muth gehabt zu haben, Vorstellungen zu 
machen gegen das Verbot, die Gemäldcgallerie 
dem Publikum und dem Studium offen zu halten, 
trotzdem es unserer Stadt empfindlich schadete. 
Uns Schülern der Akademie war es nur in 
langen Pausen gestattet, unter Führung des In 
spektors, einen flüchtigen Blick auf die Meister 
werke zu werfen, ohne den geringsten Nutzen von 
diesen Besuchen zu haben. — Ueberdies waren 
die Lokalitäten der Akademie (im Hannsch'schen 
Hause) durchaus ungenügend und die Lehrkräfte 
mochten auch durch die allgemeine Gleichgültig 
keit mürbe gemacht, Lust und Energie verloren 
haben, um hier Wandel zu schaffen. Es wurde 
wenig gelehrt und noch weniger gelernt. 
Die damalige Direktion der Akademie hatte 
sicherlich den besten Willen, die Eleven zu bilden 
und den Studiengang zu regeln, befand sich aber 
in beständiger Meinungsverschiedenheit mit dem 
Leiter der Malklasse. Wir Schüler dieser Klaffe 
fühlten uns lebhaft angezogen durch das stets 
freundliche und geistvolle Wesen unseres Lehrers, 
des als Künstler wie als Schriftsteller rühmlichst 
bekannten Professors FriedrichMüller,fürden 
wir eifrig Partei nahmen, gegenüber dem vornehm 
zugeknöpften Auftreten des Direktors, wenn 
auch, wie wir nicht verkennen wollen, die Ab 
sichten des Letzteren nur gut gemeint sein mochten. 
Es war dies der kürzlich verstorbene Geh. Hofrath 
'S. R u h l, ein hervorragender Künstler, der gleich 
falls als Schriftsteller mit Erfolg thätig war. 
Sein erstes Schaffen fällt noch in die Zeit der 
romantischen Richtung der 30er Jahre, später 
wandte er sich der Geschichtsmalerei zu und zeigte 
sich besonders in der Wahl seiner Stoffe als geist 
vollen Künstler. 
Trotz aller dieser wenig erfreulichen Zustände 
war Kassel nahe daran, in den vierziger Jahren 
eine Kunststadt zu werden. Schon lange hatte 
unsere herrliche Waldlandschaft Künstler in unsere 
Nähe gezogen, um Studien zu machen und 
Düsseldorfer Maler füllten ihre Mappen und 
Skizzenbücher mit Darstellungen hessischen Bauern 
lebens. Unter diesen, und an ihrer Spitze kein 
Geringerer als Louis Knaus, entstand der 
Gedanke, nach Kassel überzusiedeln und noch 
andere namhafte Genossen mitzubringen. Nach 
eingehenderen Erkundigungen über hiesige Ver 
hältnisse, nachdem man erfahren, daß in Kassel 
kein einziges Maleratelier zu finden sei und 
the last not least, nach dem, was von den 
höheren Ortes herrschenden Eigenthümlichkeiten 
verlautete, beschloß man zu Hause zu bleiben. 
Bon Malern, welche um jene Zeit 'in Kassel 
thätig waren, erfreute sich keiner größerer Be 
liebtheit, als A u g u st v o n d e r E m b d e. Er 
war so recht der Maler, um dem großen Publi 
kum zu gefallen, seine rosigen Kindergesichtchen 
mit den lachenden Augen, seine reinlichen Bauern 
mädchen wurden in überschwenglicher Weise ge 
lobt und als Portraitmaler war er lange Zeit 
der gesuchteste. Heute freilich würde selbst das 
große Publikum sich kühler gegen seine Malerei 
verhalten. 
Eine künstlerische Persönlichkeit eigener Art 
war der vor einigen Jahren verstorbene G l i n z e r. 
Er hatte in jüngeren Jahren noch die strenge 
französische Schule von Gros genossen und Stu 
dien nach dem Leben von seltener Vortrefflichkeit 
gemacht. Er war vielleicht der einzige Kolorist, 
den Kassel zu jener Zeit besaß, kam aber nie 
zu einer ruhigen Ausnützung seines Talentes 
und zersplitterte sich in allen möglichen Versuchen 
auf Gebieten, die ihm fern lagen. 
Unter allen hiesigen Malern war aber keiner 
bekannter, als F r i e d r i ch M ü l l e r, der „rothe 
Müller" genannt, ebenso hoch begabt alsLandschafter, 
wie gesucht als geistvoller und witziger Gesellschafter. 
Er hatte eine Reihe von Jahren in Italien ge 
lebt und sich durch seine meisterhaften Studien 
nach der dortigen Natur rühmlichst hervorgethan, 
und hatte wohl das Zeug dazu, einer der ersten 
Landschaftsmaler unserer Zeit zu werden. Leider 
fehlte ihm der Ernst und die Stetigkeit bei der Ar 
beit. In seiner besten Zeit malte er wirkungs 
volle Waldbilder (den heiligen Hubertus) und 
seine Studien mochten es wohl erklären, daß er 
ein leidenschaftlicher Jäger wurde. Sein scharfer 
Witz und sein Sarkasmus zeigten sich in glänzend 
ster Weise in den Karrikaturen fast aller be 
kannten Persönlichkeiten der Stadt, sie sind in ihrer 
Art nie erreicht, geschweige denn übertroffen 
worden. Müller starb 1859 in München. 
Ein glückliches Künstlerdasein wurde L o u is D e s 
Coudres zu Theil, der durch eisernen Fleiß 
und strenges Studium sich einen geachteten Namen 
erwarb. Zu seinen Gemälden historischen In 
halts machte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit 
eine Masse von Studien nach der Natur, so daß 
dann dem ausgeführten Bilde in der Regel die 
ursprüngliche Wärme abging. Er ging, als Pro 
fessor berufen, nach Karlsruhe, wo er 1878 starb.
        

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