Full text: Hessenland (1.1887)

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worden ist. Jedenfalls war die badensche Regier 
ung, die Sache mochte liegen wie sie wollte, höchlichst 
dabei interessirt, die für die Schuld hingegebenen 
Jnhaberpapiere zn erlangen, und so erschien denn 
im Jahre 1812 in Prag ein Individuum, 
Namens Elkan Reutlinger, welches sich als 
Agent der -badenschen Regierung auswies, und 
mit dem Kurfürsten wegen Aushändigung der 
Papiere in Unterhandlung treten wollte. Auf 
fallender Weise ging man darauf ein, sich mit 
einem, seiner bürgerlichen Stellung nach unter 
geordneten Menschen einzulassen; rein unbegreif 
lich war es aber, daß die beiden kurfürstlichen 
Kommissare, Kabinetsrath Schminke und Kriegs 
rath Knatz, die Behauptung Reutlinger's, das 
Geld sei an Napoleon bezahlt, für baare Münze 
nahmen. Am 7. September 1812 (Schlacht bei 
Borodino), verständigte man sich schließlich da 
hin, daß eine verhältnißmäßig geringe Summe, 
irre ich nicht, 150,000 oder 250,000 Gulden 
von Baden bezahlt wurde, und dieses dafür die 
Papiere erhielt. 
Man hielt nun die Sache für abgemacht. 
Dem war aber nicht so. Im Jahre 1818 er 
schien Herr Elkan Reutlinger in Kassel und 
machte dort die Mittheilung, daß er damals in 
Prag gelogen, wenn er gesagt habe, das Geld 
sei an Napoleon bezahlt, »' d daß er, diese Un 
wahrheit vorzubringen, in Karlsruhe ausdrück 
lich instruirt worden sei. Baden habe an Napo 
leon keinen Heller bezahlt. Reutlinger war im- 
mittels in Konkurs gerathen, er glaubte, einen 
Anspruch darauf gehabt zu haben, daß die 
badensche Regierung seinen Vermögensverfall ab 
wende, wollte sich an derselben rächen, und rech 
nete wohl auch darauf, in Kassel eine ansehnliche 
Belohnung zu erhalten. Kurz er war keines 
wegs ein vollgültiger Zeuge, und es wäre des 
halb unbillig, hier das zu wiederholen, was er 
über die Person, welche ihn instruirt haben sollte, 
die erwähnte Lüge vorzubringen, aussagte. Die 
Sache gewann nun eine andere Gestalt. Selbst 
verständlich verlangte Hessen von Baden das 
Darlehn, abzüglich des in Prag gezahlten Be 
trags, zurück. In den deshalbigen Verhand 
lungen beharrte Baden bei "der Behauptung, an 
Napoleon Zahlung geleistet zu haben. Die 
Richtigkeit dieser Behauptung mußte festgestellt 
werden. Auch an die Bundesversammlung war 
die Sache durch den Antrag Kurhessens gediehen, 
ein Gericht zu bestimmen, welches die Sache 
entscheiden solle. So zog sich die Sache jahre 
lang hin, und es war schon Gnizot in Frank 
reich an die Spitze der Geschäfte gelangt, als 
der hessische Gesandte um Nachforschung in den 
Archiven darüber bat, ob die behauptete Zahlung 
stattgefunden. Gnizot schlug das unter der Mo- 
tivirung ab, daß er keinen Grund habe, Schritte 
zu unterstützen, die gegen Baden gerichtet seien. 
Der deshalbige Vorschlag des hessischen Ge 
sandten, sich nun der Hülfe eines zu verschiede 
nen Zeiten oft genannten, Mannes zu bedienen, 
wurde gebilligt. Dieser Mann war der von 
dem abgesetzten Herzog Karl von Braunschweig 
zum Staatsrath ernannte Herr Klindworth. 
Derselbe versprach die Herbeilchaffung der er 
forderlichen Nachweisungen Als nun der Ge 
sandte längere Zeit von Klindworth nichts hörte, 
und diesen deshalb interpellirte, antwortete der 
selbe das travailler pour le roi de Prusse sei 
seine Sache nicht, zunächst müsse bezahlt werden. 
Klindworth erhielt nun einige tausend Francs; 
es dauerte nun nur kurze Zeit, und er 
überbrachte' Dokumente, aus welchen sich die 
Unwahrheit der Zahlungseinrede unwiderleglich 
ergab. Die Sache wurde nun, jedoch erst, nach 
dem wieder Jahre verstrichen waren, was sich 
aus den damaligen Zeitverhältnissen, weuigstens 
zum Theil, erklärt, beim Bundestag wieder an 
geregt, oder genau genommen, der badenschen 
Regierung wurde erklärt, daß man dies in aller 
Kürze thun werde. Es wurden jetzt wieder 
Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen 
angeknüpft, die insofern zum Ziele führten, als 
Baden sich bereit erklärte, noch 200,000 fl. zn 
zahlen. Trotz des hier geschilderten Sachver 
halts kostete es dem damaligen Minister von 
Meysenbug Mühe, die Genehmigung der 2ten 
Kammer der badenschen Landstände zu diesem 
Vergleiche zu erlangen. Meysenbug erklärte 
bei dieser Gelegenheit in der Kammer, diese höchst 
fatale Sache müsse endlich aus der Welt ge 
schafft werden. Die gezahlten 200,000 fl. 
wurden zwischen Hans- und Staats-Schatz ge 
theilt. 
Auf die Anfrage, ob die Beilegung dieser 
Sache nicht Veranlassung zu einem Ordensaus 
tausch biete, welche Anfrage von badischer Seite 
erging, antwortete der Kurfürst Friedrich Wil 
helm, er verleihe seine Orden nicht dafür, dasi 
Kurhessen betrogen sei. Diese Antwort mag der 
hessische Gesandte wohl nicht wörtlich ausge 
richtet haben. — 
Ein anderes Bild als das vorstehekd entrollte, 
gewährt das Verhalten der freien und Hanse- 
Stadt Bremen. Auch diese hatte vom Kurfürsten 
Geld geliehen, ich weiß nicht mehr, ob es- 
40,000 Thaler Gold, oder 40,000 Louisdor 
waren. Die Anleihe muß kurz vor der Kata
	        

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