Full text: Hessenland (1.1887)

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ternden Haupthaares, stürmte sie, einer zornigen 
Kriegsjungfrau gleich, heran. 
Ein von oben geschleudeter Feucrbrand traf 
ihre Füße, und sie fiel nieder aufs Angesicht. 
Die Männer sprangen auf sie zu, und ehe sie ! 
sich wieder erheben konnte, entriß ihr Einer die i 
Axt, während ein Anderer mit dem Schwerte ; 
zum Schlage ausholte. 
„Halt! Tödtet sie nicht" tönte scharfer Be 
fehlsruf aus der Römerschaar unten, und eilig 
stieg ein Centurio den Hügel hinan. 
„Wolnoth! Wolnoth!" hallte Theuda's Stimme, | 
„in den Wald! In den Wald!" Der rathlose j 
Knabe, der schon im Begriff war, der Mutter ! 
nachzueilen — stand einen Augenblick wie un 
entschlossen und verschwand dann mit langem j 
Sprung im Dunkel. Ein Römerspeer sauste 
ihm nach, ohne ihn zu treffen. 
„Wer entfloh?" fragte der Centurio. 
„Ein Knabe." 
„Laßt ihn, Verfolgung ist fruchtlos." 
Der Centurio stand neben Theuda, welche 
ihren immer noch bewußtlosen Mann umklammert 
hielt, um ihn versammelten sich die Träger der 
Brände. 
„Tödtet Niemand! Wir brauchen das Volk ! 
als Wegweiser. Wer ist der Todte?" ! 
„Es ist der Führer", antwortete einer der- l 
jenige», welche mit dem Gefallenen vom Hügel 
herabgekommen waren," der uns den geheimen | 
Pfad wies. Ein Pfeilschuß hat ihn getödtet." 
„Umsomehr müssen diese leben." Er betrachtete ; 
Merwig, der regungslos lag, das Haupt, von 
dem Blut floß, im Schooße seines Weibes. Eif 
rig war diese bemüht, es zu stillen. Der Cen 
turio untersuchte die Wunde, fühlte nach dem 
Herzen, und sagte dann: „Der Mauu lebt, er i 
ist nur betäubt, badet ihm das Haupt mit Wasser." 
Unter einem Jubelschrei Theuda's holte der 
Wächter tief Athem, regte sich und schlug die 
Augen auf. Der Centurio hatte sich der Sprache 
Latiums bedient, einer seiner Begleiter in Ger 
manentracht rief senw Worte in wohlverständ 
licher Mundart der Tenkterer Theuda zu. , 
Langsam richtete sich Merwig auf, und sein 
verstörter Blick fiel von dem Römer auf den 
Holzstoß und haftete dann an Theuda. 
Er betastete sein Haupt und sagte langsam: 
„Es ist Nichts." 
Sorgfälrig leiteten Theuda und zwei der 
Männer den Verwundeten und seiner Sinne noch 
immer nicht ganz Mächtigen zum Quell bei der 
Hütte. Dort badete ihm sein Weib das Haupt 
im hellen Wasser. Plötzlich schrie Merwig auf: 
„Das Feuerzeichen!" und erhob sich mit wilder 
Kraft. Die beiden Krieger warfen sich bei der 
jähen Bewegung auf ihn, andere eilten herzu, 
auch der Centurio: „Bindet ihn, bindet ihn fest. 
Es sind Wölfe, diese Germanen." Und mit 
langen Riemen banden sie dem nach furchtbarem 
Ringen Ueberwältigten die Glieder. 
„Bindet das Weib! Die ist gefährlich wie 
der Mann," und auch diese wurde gebunden. 
„Zerstreuet den Holzstoß! und rasch rissen die 
Legionäre die Scheite auseinander und warfen 
sie mit dein Reisig in den Abhang hinunter. 
Dann sainmelten sich die Krieger um den 
Centurio. „Das wäre gelungen, Gefährten 
sprach dieser, „hoffentlich sind die Unseren an den 
anderen Schluchten eben so glücklich als wir. 
Die Legionen sollen ins Chattenland fallen, wie 
Wölfe in eine Schafheerde." 
„Befiehlst Du, daß wir weiter ziehen, o Cen 
turio?" wandte sich ein alter, narbiger Krieger 
an diesen. 
„Wir müssen den Primipilar erwarten, Sejus, 
er kommt selbst mit der ersten Kohorte. Nimm 
Deine Dekurie, stelle einen Mann auf den Hügel 
hin, sich nach Feuerzeichen umzuschauen, die 
klebrigen vertheile die Schlucht entlang, wir 
müssen auf Ueberfall Bedacht nehmen; dem Pri 
mipilar sende einen der germanischen Hunde ent 
gegen, damit er erfahre, daß sein Befehl aus 
geführt ist. 
„Wie Du befiehlst." Und der Dckurio ver 
schwand mit seinen Kriegern. 
„Zündet Feuer an, es ist kalt." Der Befehl 
war bald ausgeführt und die Legionäre lagerten 
sich, während ihr Befehlshaber die Hütte des 
Wächters aufsuchte,
        

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