Full text: Hessenland (1.1887)

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niedergelegt. Anch Schlosser drückt sich so aus, 
und im Besitze der Rothschilds soll sich ein Bild 
befinden, auf welchem der Kurfürst in das Roth- 
schild'sche Haus in der Judengasse eintretend dem 
Amschel Rothschild eine ganze Anzahl Geldsässer 
überweist. Nur soviel ist gewiß, die Judengasse 
wäre nicht groß genug gewesen, die Wagen auf 
zunehmen, welche zum Transport der kurfürstlichen 
Schätze in Silber nöthig gewesen wären. Nun 
ist zwar richtig, daß, was die Beurtheilung von 
Rothschild's Handlungsweise betrifft, es ganz 
gleichgültig ist, wieviel ihm der Kurfürst anver 
traute; es ist jedoch bezeichnend, daß man Roth 
schild, weil er so handelte, wie man es von jedem 
ehrlichen Manne erwarten darf, so gepriesen hat und 
noch preist. Die Nachkommen hätten das, richtig an 
gesehen, als Beleidigung aufnehmen müssen. Wir 
wollen seinem Andenken als eines ehrlichen Mannes 
nicht zu nahe treten, aber er könnte sich die Sache 
Loch auch als Kaufmann überlegt haben. Wollte 
er die Sache den Franzosen und zwar in der 
Hoffnung verrathen, einen erheblichen Theil des 
Kapitals nachgelassen zu erhalten, so konnte diese 
Hoffnung doch täuschen. Sein guter Ruf als 
Geschäftsmann wäre auf immer vernichtet gewesen, 
und endlich konnte er mit dem Gelde des Kur 
fürsten, der sicherlich nicht mehr als drei Prozent 
erhielt, während er selbst fünzehn damitverdiente, eben 
mehr verdienen, als die Franzosen ihm nachgelassen 
hätten, was doch noch gar nicht feststand. Napo 
leon konnte auch das Ganze und sofort verlangen. 
Wir wollen wie gesagt, das Lob des alten 
Rothschild, es war der Vater der fünf Brüder, 
das er sich erworben, uicht schmälern, zumal er 
ehrlicher und verständiger handelte, als manche 
Schuldner des Kurfürsten, denen das Prädikat 
Durchlaucht zukam, wir wollten nur darlegen, 
daß er die Schätze des Kurfürsten nicht ge 
rettet haben kann. Daß dennoch an der einmal 
angenommenen Mythe festgehalten werden wird, 
davon sind wir im Voraus überzeugt. — 
Wir haben bereits erwähnt, daß der Kurfürst 
einen Betrag von 30 oder 33 Millionen Francs 
in Deutschland verliehen hatte, und daß es nicht 
möglich gewesen, diese Kapitalbestände vor den 
französischen Räubern zu retten. Die Hoffnung, 
diese würden von den betreffenden Schuldver 
hältnissen nichts erfahren, ging nicht in Erfüll 
ung. Es fand sich in Kassel, die nähere» Um 
stände sind nicht bekannt geworden, ein fast voll 
ständiges Verzeichniß der vom Kurfürsten ausge 
liehenen Kapitalien. Schwerlich ist von den 
Franzosen das Kabinetsarchiv durchforscht worden. 
Ein Berräther wird das Verzeichniß den Franzosen 
ausgehändigt haben. 
Von archivalischer Thätigkeit der Fran 
zosen in Kassel ist, nebenbei bemerkt, nichts be 
kannt geworden, als daß die silbernen Siegel 
kapseln an den kaiserlichen Lehnbriefen fehlten, 
als 1813 die hessischen Beamten das Archiv 
wieder übernahmen. Die Richtigkeit dieser Mit 
theilung wird ja leicht zu konstatiren sein. 
Napoleon erklärte die Kapitalien für Bestand- 
theile des domaine extraordinaire, d. h. für 
Privatvermögen seines kaiserlichen Hauses, wobei 
er wenigstens von der richtigen Ansicht ausging, 
daß diese Vermögensobjekte mit dem Staate nichts 
zu thun hätten. Die Schuldner wurden nun zur 
Zahlung aufgefordert, die Mahnungen wurden 
namentlich noch dem Rückzug von Moskau immer 
dringender, hatten aber wohl in keinem Falle 
vollständigen Erfolg. Abgesehen von den Fällen, 
in denen nicht einmal Zinsen bezahlt werden 
konnten, versuchte ein Theil der Schuldner da 
durch der Schuld ledig zu werden, daß sie einen 
Theil derselben bezahlten, sich aber über das 
Ganze quittiren ließen. Kurz die ganze Sache 
gewährte das unerfreuliche Bild einer Anzahl 
theils halb bankerotter, theils schachernder und 
mäkelnder Schuldner, welche den rechtmäßigen 
Gläubiger, dessen gutes Geld sie erhalten, und 
der sie aus Noth und Verlegenheit gerissen, uin 
das Seinige bringen wollen. Das wurde nun 
mit dem Abzug der Franzosen durchaus nicht 
anders. Im Gegentheil, das Gebühren vieler 
Schuldner wurde noch auffallender, als nun der 
Kurfürst sein Geld forderte. Es entstand eine 
Anzahl von Prozessen. In mehrfacher, nament 
lich juristischer Beziehung wäre es nicht uninter 
essant, eine aktenmäßige Darstellung dieser Hän 
del zu besitzen. Hier soll nur von einem 
solchen erzählt werden. Der Kurfürst hatte etwa 
im Jahre 1802 der badenschen Regierung ein 
Kapital von 1,200,000 Fl. in der Weise vorge 
schossen, daß für diesen Betrag Papiere auf den 
Inhaber angefertigt, und diese sämmtlich dem 
Kurfürsten ausgehändigt wurden. Die badensche 
Regierung wird diese Summe gewiß nutzbringend 
angelegt haben. Es liegt die Vermuthung nahe, 
daß auch dieses Geld zu den Bestechungen in 
Paris verwendet worden ist (bekanntlich war 
Talleyrand ein Hauptnehmer), von denen der 
badensche Minister von Edelsheim sagte, das 
Geld zu diesen unsaubern Transaktionen sei 
frachtwagenweise nach Paris gesandt worden. Die 
Generaldirektion des dömaine extraordinaire 
wird nun die badensche Regierung ebenfalls zur 
Zahlung aufgefordert haben, wenn nicht auch 
hiervon wegen der nahen Verwandtschaft der 
Zähringer mit den Bonaparte Abstand genommen
	        

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