Full text: Hessenland (1.1887)

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Korr den Schützen des alten Kurfürsten. 
on den Schätzen des Kurfürsten Wilhelm I. 
von Hessen wollen Sie erzählen? Der hatte 
ja keine Schätze, überhaupt nichts; war, um 
nicht einen andern Ausdruck zu gebrauchen, ein 
armer Mann." 
„„Wie kommen Sie zu einer solchen absonder 
lichen Meinung?"" 
„Ja, das ist die Ansicht, Welche in einer in 
dem Prozesse gegen die Philippsthaler Agnaten 
eingereichten Denkschrift verfochten worden ist, in 
welcher es ausdrücklich heißt, es sei nur eine 
Phrase, von einem reichen hessischen Fürstenhause 
zu sprechen." 
„„Darauf habe ich Ihnen zu entgegnen, daß 
einzelne Prozeßschriften eine höchst unzuverlässige 
Geschichtsquelle sind, daß bekanntlich, wer zuviel 
beweist, nichts beweist, nnd daß ich über die 
betreffenden thatsächlichen und rechtlichen Ver 
hältnisse besser unterrichtet bin, als der Verfasser 
der Denkschrift, mag nun die Abfassung dieses 
Opus an der Fulda oder an der Spree entstanden 
sein."" — 
Der alte Kurfürst besaß, namentlich wenn 
man den damaligen Werth des Geldes ver 
anschlagt, vor der französischen Occupation ein 
enormes Vermögen, insbesondere auch baare 
Mittel. Allerdings war er nicht Eigenthümer 
aller dieser Schätze. Ein großer Theil, die sog. 
Kriegskaffe, gehörte dem Lande, d. h. der alten 
Landgrasschaft Hessen; Schaumburg und Hanau 
hatten daran kein Recht, wohl aber die niedere 
Grafschaft Katzenellenbogen, Kasseler Antheils. 
Der Landesherr konnte über die Revenuen der 
Kriegskasse, wenn auch keineswegs nach Willkür, 
verfügen. Im Jahr 1806 belief sich der Be 
stand derselben auf rund 52 Millionen jetzigen 
Geldes. 
Der Kurfürst besaß nun aber weiter ein sehr 
bedeutendes Kapitalvermögen, welches er zum bei 
weitem größten Theile während seiner zwanzig 
jährigen Regierung erworben hatte, und worüber 
er frei unter Lebenden und von Todeswegen ver 
fügen konnte, nur den kleineren von seinem Vater 
bereits ererbten Theil war er seinem Rxgierungs- 
nachfolger zu hinterlassen schuldig. Ohne Nach 
forschung in den Archiven wird sich der Bestand 
dieses Vermögens, des ererbten sowie des er 
worbenen, nicht ermitteln lassen; daß derselbe 
sich jedoch auf mehr als 30 Millionen Mark be 
laufen hat, ergiebt sich daraus, daß die Franzosen 
einen Kapitalbestand von 30 oder 33 Millionen 
Francs erbeuteten. 
Bezüglich der Schätze des Kurfürsten hat sich 
nun die Mythe gebildet, dieser habe sieim Jahr 1806 
dem alten Rothschild, der damals noch in der Juden- 
gasse zu Frankfurt wohnte, zur Aufbewahrung über 
geben, und dieser habe sie 1813 dem Kurfürsten 
nebst inmittels gelaufener Zinsen ehrlich und 
prompt restiluirt. So ist die Sache aber nichk 
gewesen. Allerdings bestand schon eine alte Ver 
bindung zwischen, wie die Rothschilds sich auszu 
drücken belieben, den Häusern Hessen und Roth 
schild. Der alte Amschel halte als hessen 
kasselscher Schutzjude vom frankfurter Senat die 
Permission erlangt, in Frankfurt zu wohnen. 
Er mochte schon mannigfache Geschäfte mit der 
Kammerkasse in Hanau gemacht haben, aber ein 
so unvorsichtiger Mann war der Kurfürst nicht, 
daß er sein ganzes Kapitalvermögen einem zu 
jener Zeit noch ziemlich unbedeutendem Geschäfts 
manne in einem so exponirten Ort wie Frankfurt 
anvertraut haben sollte. Der wahre Hergang, 
war vielmehr folgender. Die Kriegskasse, fast 
gänzlich aus englischen Jnhaberpapieren bestehend, 
wurde noch rechtzeitig über die Elbe nach Itzehoe 
gerettet. Später nahm sie der Kurfürst mit nach 
Prag, und benutzte 1813 die durch Verpfändung 
der Papiere erhaltenen Summen, wie erzählt 
wird, zur Unterstützung Preußens, welchem ein 
Darlehn von 13 Millionen Thaler zu geben, er 
sich noch in Kalisch anheischig gemacht haben soll. 
Die Kriegskasse war also bei Rothschild nicht 
hinterlegt. Ebensowenig war dieses mit dem 
größten Theile der Kapitalien der Fall, die dem 
Kurfürsten auch dem Eigenthume nach zustanden. 
Dieser Theil 30 oder 33 Millionen Franken war 
zinstragend an deutsche Fürsten, Reichsgrafen, 
Reichsstädte und an reichsritterschaftliche Kor 
porationen verliehen. Nun war cs im Jahre 
1806 unmöglich, diese Kapitalien flüssig zu machen. 
Nach der Occupation mußte man sich damit 
trösten, daß diese Schuldverhältnisse den Franzose» 
nicht bekannt werden würden, worüber unten noch 
einiges gesagt werden soll. Hier genügt die 
Darlegung, daß dieser weitere erhebliche Theil 
des kurfürstlichen Kapitalvermögens bei Roth 
schild nicht hinterlegt sein kann. Das ganze, 
diesem anvertraute Kapital wird sich kaum auf 
einige Millionen Mark belaufen haben. Der 
Kurfürst Wilhelm I. war ein viel zu guter Haus 
halter, um große Baarbcstände nutzlos liegen 
zu lassen. Dessenungeachtet hat sich die Mythe 
gebildet und wird hartnäckig festgehalten, der 
Kurfürst habe seine Schätze bei Rothschild'
	        

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