Full text: Hessenland (1.1887)

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er sich nach Düsseldorf, um auf der dortigen Akade 
mie seine künstlerische Ausbildung zu vollenden. Daß 
schon das, was er an Arbeiten mit nach Düsseldorf 
brachte, höchst beachtenswerth war, beweist der Um 
stand, daß jüngeren Schülern seine Landschaften zum 
Kopiren übergeben wurden. Abgesehen von einer 
Unterbrechung von wenigen Jahren, die er in Wei 
mar verbrachte, hat Wille bis zu seinem Tode in 
Düsseldorf gewirkt und ist selbst als einer der her 
vorragendsten Vertreter der nach dieser Stadt be 
nannten alten Schule anzusehen. Mit reichem tech 
nischen Können verband der Verewigte eine warme 
poetische Auffassung. Mit besonderer Vorliebe be 
handelte er romantische Vorwürfe. Zuerst zeichnete 
er u. A. phantastische Park-Kompositionen. Zu 
prächtigen Mondscheinlandschaften suchte er die Sujets 
am Rhein und an der Mosel auf und versah sie oft 
mit mittelalterlicher Staffage. Auch in seinen^späte- 
ren figürlichen Werken ist er dem ihm von Jugend 
auf eigen gewesenen Zug der Romantik treu geblieben. 
Kräftige Farbe und musterhaft sorgfältige Zeichnung 
sind besondere Vorzüge seiner sehr zahlreichen Arbei 
ten, von denen auch eine sich im Besitz des Kunst 
vereins zu Kassel befindet. Von seinen Werken 
wollen wir hier die folgenden besonders hervorheben: 
Der Elisabeth-Brunneu auf der Wartburg, das Wart 
burgthor, Hundefütterung, (Genrebild), Waldland- 
^chaft mit Jagdstaffage, der innere Hof der Wartburg 
mit Luthers Ankunft, Wirthshausleben im 17ten 
Jahrhundert, Luther in Haft gebracht, Besuch im 
Kloster, Straße in Marburg bei Mondschein und 
Brand der Düsseldorfer Akademie. A. L. v. Wille 
war auch von Charakter ein edler liebenswürdiger 
Mensch. Seine ihm schon längere Zeit im Tod vor 
ausgegangene Gattin — die bekannte Thiermalerin 
Clara v. 'Böttcher — beschenkte ihn mit drei Kindern, 
zwei Söhnen und einer Tochter. Die letztere starb 
in noch sehr jugendlichem Alter und der älteste Sohn, 
welcher Offizier war, wurde vor mehreren Jahren im 
Pistolen-Duell getödtet, welcher Schicksalsschlag den 
Vater auf das Schmerzlichste traf. Der ihn überlebende 
Sohn ist ebenfalls Maler und dürfte eine bedeutende 
Zukunft haben. Z. 
* * 
* 
Ueber die Rathhäuser der Stadt Kassel. 
Die in einer der letzten Sitzungen des Bürger-Aus 
schusses vorgekommene Besprechung der Rathhaus- 
Frage giebt Veranlassung, die Geschichte der Rath 
häuser in unserer Stadt zu erörtern. Bekanntlich 
hatte jeder der beiden älteren Stadttheile: Altstadt 
And Unterneustadt, sein besonderes Rathhaus, und 
mit Erhebung des dritten Stadttheils, der sog. Freiheit, 
um das Jahr 1330 unter Landgraf Heinrich II., dem 
Eisernen, kam noch ein drittes hinzu. In Folge der 
-einige Jahrzehnte später ausgebrochenen Unruhen wurde 
nach deren Beilegung durch Vertrag der bisherige 
-reifüche Rath der Stadt Kassel abgeschafft und be 
stimmt, dciß künftig nur ein Rath sein solle(1378). 
Folgeweise bedurfte es nunmehr auch nur eines Rath- 
hauses, und dies war denn das Rathhaus der Alt 
stadt auf dem Allmarkt. Dasselbe befand fich an 
der Stelle, wo jetzt das Haus des Kaufmanns Lorentz 
ist, Nr. 29 Altmarkt am Eingänge der unteren Markt 
gasse. Von diesem ältesten Rathhause der Stadt ist 
aus der Geschichte nur bekannt, daß daselbst im 
Jahre 1375, also noch zur Zeit der obigen Unruhen 
eine Versammlung von Bürgermeistern und Abge 
ordneten der Städte Hessens „diesseits des Spießes", 
also der niederhessischen Städte tagte, um über die 
vom Landgrafen gestellte Forderung eines allgemeinen 
Ungelds auf Lebensbedürfnisse einen Beschluß zu 
fassen, welcher natürlich dem Landesherrn nicht zu 
sagte. 
Im Jahre 1408 wurde ein neues Rathhaus nicht 
weit vom alten in der Fischgasse aufgeführt, welches 
bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts bestand, 
wo es zur Verbreiterung der Straße abgerissen wurde. 
Seitdem wird das ursprünglich nur für die Ober 
neustadt bestimmt gewesene und dazu auch genügende 
Rathhaus als solches für die ganze Stadt benutzt. 
Die von Vielen gehegte Hoffnung, ein den Verhältnissen 
entsprechendes, auch durch seine äußere Schönheit her 
vorragendes Gebäude mitten in der Stadt zu erschauen, 
ist leider bis jetzt nicht erfüllt worden, obgleich sich 
manche kleine Städte eines derartigen Schmucks er 
freuen. 
Der Zweck dieser Zeilen ist: 
1, Näheres über das erwähnte älteste Rathhaus 
der Altstadt, sowie über die Lage der Rathhäuser 
der Unterneustadt und der Freiheit zu erfahren; 
2. Die Anlegung eines Rathhauses in der Mitte 
der Stadt, etwa durch Benutzung und Ausbau des 
derselben für Aufgebung des Einquartierungs-Frei- 
heits-Privilegs überlassenen bisherigen Regierungs- 
gebäudes anzuregen. K. U. 
* . * 
* 
Am 1. d. M. schied aus dem Amte der Direktor 
des Gymnasiums zu Ko bürg, Oberschulrath Dr. 
Karl Weismann. Nach einer über 30jährigenreich 
gesegneten Wirksamkeit in unserem Hessenlande folgte 
derselbe dem ehrenvollen Rufe als Direktor an das 
Gymnasium illustre zu Koburg. Am 9. November 
1885 feierte er unter allgemeinster Theilnahme seiner 
früheren Schüler das fünfzigjährige Dienstjubiläum. 
Seine letzten Schüler brachten ihrem hochverdienten 
und geliebten Direktor an dem Tage seiner Amts 
niederlegung einen imposanten Fackelzug, welchem sich 
ein Kommers anschloß. Möge dem hochverehrten 
Manne als Lohn für sein der Erziehung und Bildung 
der Jugend geweihtes, arbeitsreiches Leben ein heiteres 
Alter in rüstiger Gesundheit und ungetrübter Geistes 
frische beschieden sein. A. 
* 4r * 
Mit dem 1. April ist der Präsident der Justiz 
prüfungskommission und vortragende Rath im Justiz 
ministerium Dr. Adolf Stölzel zum ordentlichen 
Honorarprofessor in der juristischen Fakultät der 
Universität Berlin ernannt worden. An der Berliner 
Universität ist diese unserem Landsmanne zu Theil 
gewordene Auszeichnung eine seltene. Seit Errichtung 
der Universität wurden bis jetzt nur 9 Gelehrte zu
	        

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