Full text: Hessenland (1.1887)

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Kenz. 
Hast du, wärmende Lenzessonne, 
Heißen Abschiedskuß auf das silberhaarige. 
Sterbende Haupt 
Greisen Winters gedrückt 
Und bei Zephyrs Gesang durch helle, 
Gold'ne Strahlen Blumen und Gräser, Wiesen und 
Auen und Hag 
Langem Schlummer erweckt; 
Dann entsprießet des Dichters Busen 
;>.aanches Lied von minnigem Gruß, und sehnende 
Liebe entquillt 
Ueberströmend der Brust. 
Still! die Nachtigall jubelt. Hörst du, 
Wie der Abendwind in den Bäumen lispelt und 
Flüstert und raunt? 
Hörst du, hörst du es wohl? 
Und da drunten im Thäte einsam 
Ruht und träumt beim Ton der Schalmei der 
fröhliche 
Hirte, nur dich, 
Dich im Herzen, Natur! 
Johann KerrraUev. 
Aphorismen. 
Wenn wir immer nur dem Verstände folgen 
wollten, so würde manche schöne und edle That 
ungeschehen bleiben. Auch die Stimme des 
Herzens weist uns oft auf den rechten Weg, 
räth uns was wir zu thun oder zu lassen haben 
und leitet uns als sicherkundiger Führer zum 
Ziele. 
* * 
* 
Die Thorheit liebt zu schwatzen, die Weisheit 
aber kargt mit Worten, werk ihr diese als Ver 
mittler von Gedanken gelten. 
* * 
* 
Wer Null und Nichts zu verbinden sucht, wird 
immer einen glatten Rechnungsabschluß haben, 
ein Facit, das an Klarheit nichts zu wünschen 
übrig läßt. 
* * 
* 
Drei Dinge sind, die jedem Manne zur Zierde 
gereichen. Nur selten von sich selbst, von den 
Verdiensten Anderer mit rückhaltloser Anerkennung 
und niemals um des Redens selbst willen zu 
reden. 
Wie auch das klarste Bild in erkrankten Augen 
getrübt oder verzerrt erscheint, so gerathen in 
konfusen Köpfe» selbst die einfachsten Wahrheiten 
in Verwirrung, verwandeln sich in Seltsamkeiten 
oder Marotten, die besonders da bedenklich werden, 
wo sie Anspruch aus eine ernste Würdigung er 
heben. 
* # 
* , 
Aller Gesänge mächtigsten nenne ich Dich, ur- 
ewiger Dreigesäng der Zeittöchter, deren die 
älteste vom Gewesenen, die andere von dem was 
ist und mit tiefherabgezogenem Schleier die dritte 
vom Zukünftigen fingt; — inhaltlich verschiedene, 
aber in gleichen Rhythmus tönende, sich gegen 
seitig ergänzende und erklärende Strophen, wie 
die dreigestaltige Mutter sie lehrte, die eud- 
und anfanglose. Alles bewältigende, den Willen 
der Menschen und Götter zwingende Zeit. 
* * 
Um den Weg zum wahren Glücke finden zu 
können, müssen uns zwei Gefährten zur Seite 
gehen, zur linken die Liebe und zur rechten die 
Freundschaft. 
* * 
* 
Ein kluger Musiker stimmt erst sein Instrument, 
ehe er seine Weisen spielt, und ein Verständiger 
bedenkt und prüft zuvor, was er sagen und ge 
hört wissen möchte. 
Aus alter und «euer Zeit. 
Nekrolog. Wenige Wochen sind verflossen, seil wir 
das Hinscheiden eines rühmlichst bekannten hessischen 
Künstlers, des Geheimen Hofraths Ludwig Sigismund- 
Ruhl, des ehemaligen Direktors der hiesigen Akademie 
der bildenden Künste, zu melden hatten, heute liegt 
uns die Pflicht ob, einem seiner hervorragendsten 
Schüler den Nachruf zu widmen. Am 31. März 
starb zu Düsseldorf an Herzlähmung der Land- 
schafts- und Genremaler August Lev in von 
Wille. Derselbe wur 1829 zu Kassel geboren, wo 
sein Vater als Konsistorialdirektor wirkte. Seine 
Mutter, eine geborene v. Hachenberg, war vom Land 
graf Friedrich II. über die Taufe gehalten, worden, 
nnd seine Großmutter versah die Funktionen einer 
Hofdame bei der Landgräfin Philippine. Schon 
frühzeitig zeigte A. L. v. Wille Neigung nnd Talent 
für die Malerei. Sich für diesen Beruf vorzube 
reiten und auszubilden, hatte er an der kurfürstlichen 
Akademie der bildenden Künste die beste Gelegenheit. 
Sein specieller Lehrer wurde der noch lebende hoch 
betagte, als Künstler Lehrerund Schriftsteller gleich aus 
gezeichnete Professor Friedrich Müller. Nachdem Wille 
seiner — als Künstler einjährigen — Militärpflicht 
bei dem hessischen Jäger-Bataillon genügt, wandte
        

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