Full text: Hessenland (1.1887)

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Aber der in Kriegssachen bestellte Rath sah 
Loch weiter als sein Fürst und Herr. „Mit 
Verlaub, hochfürstliche Gnaden," versetzte er, 
„wenn die Würzburgischen, die uns ja stets feind 
lich gesinnt waren, den Stand unserer Opera 
tionen auskundschaften, so werden sie sofort nach 
Wien berichten, daß Ew. hochfürstliche Gnaden 
Len Weiterbau der Festung trotz der Ordre vom 
Reichshofrath nicht eingestellt hätten; um dieses 
aber zu vereiteln, darf der Kundschafter nicht 
zurückkehren, er muß fest gemacht werden." 
„Ja, er muß fest gemacht werden," wieder 
holte der Fürst, der die Kriegserfahrung seines 
„lieben Lindenau" sehr zu schätzen wußte. „Er 
muß fest gemacht weeden und sei es auch nur, 
um unseres Herrn Bruders Liebden in Würz 
burg zu zeigen, daß Wir Uns solche freche Spi 
onage nicht gefallen lassen. Wir wollen ein 
Exempel statuiren und damit documentiren, daß 
auf unserem Gebiete nur unser souveräner Wille 
gilt." 
Mit voller Herrscherwürde hatte Amandus 
diese Worte gesprochen, dann entließ er gnädig 
den Hauptmann, damit dieser Alles zur Ergrei 
fung des würzburgischen Spions aufbiete. 
Das aber war eine prächtige Gelegenheit für 
Len Hauptmann, sein Feldherrngenie in das 
hellste Licht zu stellen. Er zauderte dann auch 
nicht, sogleich einen kleinen fröhlichen Feldzug 
in Scene zu setzen; die fürstlichen Leibhusaren, 
die sich's gerade in der Wachtstube bequem ge 
macht und ihre trockene,» Reiterkehlen mit einem 
kühlen Trunk aus dem Hoskeller anfeuchten 
wollten, wurden plötzlich alarmirt und erhielten 
die Ordre, das ganze Waldgebiet abzustreifen 
und den landesgefährlichen Spion gefangen zu 
nehmen. Wer ihn ablieferte — todt oder lebendig 
— dem sollte eine Belohnung von zehn Gulden 
werden! 
Und um das Ereigniß noch ganz besonders 
effektvoll zu gestalten, wurden sogar die neuen 
Kanonen auf der Feste eingeweiht, deren Donner 
an den umgebenden Waldbergen ein vielfältig, 
dröhnendes Echo weckte. — Auf diese Weise 
sollte die Landbevölkerung von der Flucht in 
Kenntniß gesetzt werden. 
Doch siehe, alle Nachforschnngen blieben ver 
geblich. Und das war kein Wunder, saß doch 
der, dem sie galten, bereits in sicherem Gewahr 
sam, in dem er sich selber unfreiwillig festgesetzt 
hatte. 
Als nämlich Kilian, die schwere Thüre des 
Thurmgemaches hinter sich zugeworfen, da war 
-er Riegel an dem alten Thürschloß vorgesprungen, 
und wie er nun, — nachdem er genugsam Um 
schau von oben gehalten — wieder hinab wollte, 
war die Thür verschlossen und widerstand allen 
Kraftanstrengungen. Nachdem er lange gewalt 
sam daran gerüttelt und geschüttelt hatte, ergab 
er sich schließlich in sein Schicksal, das am Ende 
ja auch gar nicht so schlimm war, da es ihm 
wenigstens ein freies Nachtquartier gewährte; 
— am anderen Morgen wollte er sich schon be 
merkbar machen, da sollte sein Horn erschallen 
wie die Posaune von Jericho, damit sie ihn hör 
ten und aus seinem Gefängnisse befreiten. 
An Unterhaltung fehlte es ihm indessen nicht, 
wenn er sie auch nur aus der Vogelperspektive 
genoß. Unten hatte sich die glänzende Hofge 
sellschaft jetzt um eine Kegelbahn versammelt, 
die sich längs einer barock verschnittenen Taxus 
wand hinzog. Denn Amand von Buseck betrieb 
das Kegelschieben mit Leidenschaft und seine 
frohe Laune hob sich mehr und mehr, als er 
heute fast alle seine Cavaliere übertraf, und nach 
dem er geworfen, der aufstellende Lakai jedes Mal 
„Sieben Gnädige!" oder „Acht Gnädige!" 
ausrief. 
Aber der Meisterwurf sollte noch koinmen. 
Wieder flog die Kugel, geschleudert von der hohen 
Hand mit kraftvollem Schwung rappelnd in's 
Volle, und „Alle gnädige Neune!" ertönte 
es jubelnd und langgezogen vom Ende der Kegel 
bahn her. 
Mit tiefen Reverenzen beglückwünschten nun 
die Cavaliere den fürstlichen Sieger, aber die 
sich gesenkten Köpfe hoben sich verwundert, als 
plötzlich eine schmetternde Siegesfanfare geblasen 
wurde, die aus den Lüften — man wußte nicht 
woher? — zu kommen schien. — 
Doch vergaßen die Herren über ihrem Sporte 
auch nicht die großen Pokale, welche der Mund 
schenk mit köstlichem Naß gefüllt hatte; denn in 
in dieser Beziehung hätte es am Fuldaer Hös 
chen nicht besser bestellt sein können, und selbst 
die Würzburger mußten hierin die Segel strei 
chen; — so stolz diese auf ihren „Stein" und 
„Leisten" sein konnten, die Krone blieb doch 
Fulda: — der edle, edle Johannisberger! 
In mächtigen Stückfässern lag er in dem Keller 
des Schlößchens aufbewahrt und auch eine andere 
Sorte vvn höchster Vortrefflichkeit fand sich da 
neben: der Salecker, der gleichfalls ein 
vaterländisches Gewächs war. 
Als cs dunkel geworden, zogen sich die Zecher 
in's Schlößchen zurück, aus dem noch lange ihre 
fröhlichen Stimmen ertönten, nnd die Fenster 
hellen Schein warfen. 
Dann verlöschten die Lichter und tiefe Ruhe 
umfing den kleinen Bau. Nur in den Wipfeln
        

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