Full text: Hessenland (1.1887)

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oder oranig; auch kommen schwarz-seidene Hals 
tücher vor, die hinten spitz herab hangen mit 
weißen und gelben Elnfaßungs-Strichen. — 
Die Röcke, die bei Mäderchen kürzer denn 
bei Verheirateten sind, werden meistens von 
schwarzem Leinen gemacht. Zur Arbeit werden 
auch viel blaue leinene getragen, mit vraniger 
Borte. An Sonntagen trägt man acht Röcke 
über einander alle mit andersfarbigen Borten, 
also daß man solche Anzahl auch gebürend 
wahrnehme. Im Reigen erscheint die Tanzende 
dann gleichsam als mit einem Regenbogen um- 
woben. 
Zum Abendmahle schickt sich nur ein schwarz 
tuchener Rock mit gleichfarber Borte. 
Die Schürzen, zum Abendmahle von 
schwarzem Damaste, sind sonst schwarz, weiß, 
blau leinene. Weiße gemeiniglich zur Arbeit, 
mit breiten oranigen Borten eingerahmt. Die 
Schürzen-Bänder sind wie die Rücken-Bänder. 
Besondere Auszeichnung aber sind beide vier 
eckige Blätterchen an oberen Enden, bunt gestickt; 
hier hat ein Tänzer die Hand ligen. 
Die Strümpfe sind weiße leinene, mit ein 
genäheten weißen Zwickeln. — 
Schuhe beider Geschlechter sind überein; 
zum Tanze gelten bei Mäderchen auch Klötz- 
schuhe. 
Noch ist wegen der Abendmahls-Tracht einiges 
anzuführen. Ueber die kurzen Ermel des Leib 
chens wird ein blauer leinener gezogen, der nur 
bis zu halbem Arme reicht; darüber kommen 
noch baumwollene, durchbrochen gestrickte Hand 
schuhe. Auch wird alsdann ein blaues leinenes, 
viereckiges, gestreiftes Tuch in die Hand ge 
nommen. — 
Schwälmerinnen machen all ihren Putz selbst, 
und sind namentlich gar geschickt im Sticken. — 
So schrieb also mein 87-jährig gewordener 
Vater vor nun bald 62 Jahren in sein Reise- 
Tagebuch durch unsere Gaue. Unser hessisches 
Volkstum, das Jahrtausenden getrotzt hatte, ist 
wesentlich der seit dem Jahre 1830 herein 
brechenden neuzeitlichen ungesunden Richtung er 
legen. — Was die Tracht angehet, so dürfte diejenige 
des weiblichen Geschlechtes sich .noch einiger 
Maßen, gegenüber städtischer Allfanzerei, doch 
behauptet haben. Ist ja das weibliche Geschlecht 
in allen Dingen doch zäher und bewahrsamer, 
in vielen Stücken gediegener, in mancher Hin 
sicht treuer denn das männliche. Obigen Auf 
satz wünschte ich aber wohl an der Schwalm ver 
breitet, damit er vielleicht erhalten helfe, was noch 
vorhanden ist. Die Toten möchten mahnend 
heute reden. 
V. *»ft|»esv 
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Krieg im Frieden. 
Gin Genrebild ans der Rocorozeit von Joseph Grinean. 
(Fortsetzung.) 
^Ws war der Lieblingsaufenthalt der Fuldaer 
J!f Fürsten des vorigen Jahrhunderts das kleine 
Schlößchen, das da wie ein Juwel so 
reizend versteckt in grüner Waldeshut, unterhalb 
des Jagdschlosses Bieberstein, lag. 
Als der Fürstabt Constantin von Butt 
lar den von Adalbert von Schleifras be 
gonnenen imposanten Viereckbau auf dem Berge 
vollendet, da hatte er zugleich das weit ausge 
dehnte Waldgebiet darunter, in das er ein aller 
liebstes Bauwerk gestellt, mit einem Plankenzaune 
befriedigt, um zahlreiches Edelwild dort zu hegen. 
Sein Nachfolger Adolf von Dalberg um 
gab den schönen Wildpark dann mit einer Mauer, 
und um diese auf billige Weise aufzuführen, 
hatte er die Gepflogenheit, jeglichem Bittsteller, 
der sich in immer welcher Angelegenheit an ihn 
wandte, nur dann willfährig zu sein, wenn der 
selbe ein Stück Parkmauer errichtet hatte. 
Auch Amand von Buseck, wenn er zur Sommer 
zeit einmal der schwülen Residenzluft entrinnen 
wollte, kehrte am liebsten im „Schlößchen" ein,, 
wohin er sich aber meistens ein ansehnliches Ge 
folge von Prälaten und Hofleuten mitnahm. 
Kaum war er heute angekommen, so ließ sich 
auch schon der Hauptmann Lindenau melden. 
Der Fürst empfing ihn in einem behaglichen 
kleinen Cabinet mit schönen Gobelinstapeten, wo 
er immer seinen „Kriegsrath" mit ihm pflog. 
Ganz aufgeregt berichtete der Hauptmann das 
bedeutsame Ereigniß, daß vor. ungefähr einer 
Slunde ein sehr verdächtiges Subjekt in die 
Außenwerke der Festung geschlichen sei, aller 
Wahrscheinlichkeit nach von den Würzburgischen 
ausgesandt, um den Plan auszukundschaften, und 
daß man deshalb Alles aufbieten müsse, den ge 
fährlichen Spion einzufangen. 
„Warum echaufsiren Sie sich so sehr", mein 
lieber Lindenau?" staunte der Fürst. „Der 
Festungsplan hat ja leider keine Bedentung mehr; 
— was liegt daran, wenn sie ihn in Würzburg 
kennen.
	        

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