Full text: Hessenland (1.1887)

101 
Die gewöhnlichen 0 beirr öde sind von 
weißer Leinewand — daher in niederhessischer 
Mundart des Knülles die Schwälmer neben 
„Weeßburen" auch „Wighßkirhrel" heißen — 
mit einer Reihe großer messingener, einge 
bogener Knöpfe. Sie werden auch in der Kirche 
getragen. I 
Der tuchene Sonntags-Rock ist dunkel- ; 
blau, ausgeziert wie Weste und Jacke; jedoch > 
gehen Knöpfe auf einer, Knopflöcher auf anderer ! 
Seite bis unten hinab. Hinten sind keine ! 
Knöpfe. l 
Der Abendmahls-Rock, als drittes Ge- j 
wand, ist schwarz, hat große schwarz besponnene j 
Knöpfe und zwar auch hinten zweie, sowie auf- , 
genährte Knopflöcher an beiden Seiten herab. 
Die Ermel sind umgeschlagen, mit Knöpfen und 
Knopflöchern. 
Das nahezu bei Allen gelbe Haar wird auf 
der Stirne nicht geschnitten. Gar stattlich sind 
die Gestalten, obwohl nicht so gewaltig als in 
manchen niederhessischen und buchischen Strichen 
(zumal in den Aemtern Wildungen und Großen- 
Lüder). Oft sitzt der Weißkittel auf hohem nack 
tem Rosse. — 
Hier noch ein älteres Zeugnis. Im Spät 
herbste des Jahres 1794 ward in ganz Hessen 
die „Landwehr zweites Standes" aufgeboten. — 
Auf den 6. November zur Eides-Leistung nach 
dem zwischen Ziegenhain und Traisa gelegenen 
Felde — liechte Eiche genannt — hinbeschieden, 
erschien sämtliche aufgebotene Mannschaft in 
bestem Feiertags-Anzüge; nur einige, aber ge 
hörig Entschuldigte ausgenommen. Namentlich 
waren die aus den vierzehen echten Schwäl 
mer Dörfern (mit Riebelsdorf) Ansgehobenen 
ganz gleichmäßig in weiße Oberröcke, kurze 
Hosen und lange Gamaschen gekleidet, auf dem 
Haupte ihre volkstümliche große Pudelmütze, 
die sie mit grünen Tannen-Reisern gleichwie 
mit Federbüschen geziert hatten. So bemerkte 
dann auch der Gouverneur von Ziegenhain: 
General-Lieutenant v. Douop, in seinem Berichte, 
man wäre versucht worden, die Leute nicht für 
einen Haufen Bauern, sondern für eine aus 
erlesene Grenadier-Schar zu halten. Ueber- 
nll der Ausdruck einer, des eigenen Werthes - 
bewußten Wolanständigkeit. Mit lautem Zu- ' 
rufe und Jauchzen begrüßte die Mannschaft die 
dem Regimente vom Landgrafen verliehenen 
Fahnen, u. s. w. 
Und heute l ? Gilt in dieser seichten verblaßten 
Gegenwart noch ein schwacher Abglanz einstiger 
-Gediegenheit und Schöne? Zerstörung altes 
hehren Bolkstumes, das heißet Menschen-Fort- 
schritt! Angetrunken, liederlich gekleidet, be 
schmutzt, so kömmt „jung-deutsche" Mannschaft 
zur Gestellung. Dank aufgeklärter Erziehung 
ist solche ja erhaben über Vorurtheile altväteri- 
scher Sitte. 
Die weibliche Tracht. 
Durchgängig eine Art von Mützen, unten 
mit sehr breitem seidenem Bande besetzt. Dieses 
ist zur Trauer allgemein schwarz; desgleichen 
Zeit Lebens bei Müttern, Hinwider bei Jung 
frauen und ungesegneten Gattinnen rot. Grund 
der Mütze ist braunes Glanzleinen, das über 
mit Zickzacken, Zweigen, Sternen und derlei in 
roter, oraniger, grüner Wolle bestickt ist. Ein 
Par breite Zubänder zum Schlunge um Hals 
befinden sich daran, die aber zur Arbeit über 
Rücken hangen. Zum Abeudmahle wird ein 
steifes Tuch über die Mütze gewickelt, so daß 
der Kopf wie in einer Wolke steckt. Auch grüne 
oder blaue Mützen kommen gelegentlich vor. 
Ein weißes Müeder mit Ermeln wird zur 
Arbeit wie in Niederhessen getragen. Das eigent 
liche Müeder ist von schwarzem Leinen, weit 
geöffnet und tief ansgeschnitten mit rothem ver- 
kreuztem Schnürbande. Darbei sehen entweder 
die Hemds-Ermel hervor, oder es sind hellblaue 
geschmaltete leinene Ermel angenähet. Diese 
sind aber kurz, oben und unten gepufft, in der 
Mitte gesteppt und gleichfarbig bestickt. Ein 
Stats-Müeder solcher Art ist von schwarzem 
Tuche mit Samte eingefaßt; und hierbei wird 
der kostbare Brustlatz getragen, von blauem 
rothem, grünem Samte und golden bestickt. Bon 
den Müedern unterschieden sie die Leiberchen 
— „Knöppdinger" genannt — aus schwarzem 
Tuche, mit schwarz - sammetnen gestickten Um- 
faßungs-Bändern. Borne sind solche herzförmig 
geschnitten, haben auch meistens keine Ermel. 
Die Knöpfe sind von blauem Glase, oder wollene 
bunte, mit Sternerchen übernähete; die Knopf 
löcher blau. Hinten haben die Leiberchen Zipfel. 
Das Abendmahls-Leibchen ist vott schwarzem 
Tuche, mit besticktem glattem Besätze Samtes 
vorne, in zwiefacher Reihe; übrigens einfach. 
Es wird zugehakt. — 
Um den Hals werden dicke bernsteinene oder 
glasperlene Schnüre getragen. Die Hals 
tücher sind von allen Farben und mancherlei 
Gewebe und Stoffe. Borne werden sie einge 
steckt; hinten mit daran befestigten Bändern zu 
sammen gebunden. Diese hangen den Rücken 
herab. Die Halstücher sind beinahe Hände 
breit, reich bestickt, auch mit Golde und Silber. 
Gerne sind sie von weißem Bildwerke oder grün
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.