Full text: Hessenland (1.1887)

„Der ist sicher in der Nacht," lachte der 
Wächter, „es leben Wenige, die ihn bei Tage 
finden, und der Einzige, der ihn außer mir im 
Dunkel zurücklegen kann, der vom Volke ausge 
stoßene Schurke Maldra, ist fern. 
„Heil Dir, Merwig, ich sagte die Botschaft", 
mit diesen Worten wollte der Bote von dannen 
eilen, doch der Wächter hielt ihn zurück, deutete 
auf die Hütte und sagte: „Ruhe aus, Sohn 
Boewolffs". 
„Kann nicht, muß zum Wächter am Stein", 
und der Bote schickte sich von Neuem an zu 
gehen, als ein greller Ausruf Merwigs ihn stehen 
machte. 
„Bei Hel, der Bleichen!" rief dieser und stierte 
die Schlucht hinab, die ins Land der Tenkterer 
führte. 
Kaum bemerkbar zeigten höhere Aeste weit 
unten leichten Schein, das Falkenauge des Wäch 
ters vermochte ihn allein zu erspähen. Den Kopf 
vorgeneigt, lauschte er, aber das Rauschen des 
Windes in den Blättern verschlang jeden fremden 
Laut. Der Bote starrte wie der Wächter, die 
nur geübten Jägeraugen bei dem wechselnden 
Sternenlicht wahrnehmbare Schlucht hinab. 
Frau und Knabe drängten herzu — lautlos 
stand die Gruppe. 
„Wirf den Spahn fort, Mathgis." flüsterte 
Merwig, und der Bote warf ihn fort und löschte 
ihn mit dem Fuße. 
Gleich einer Wildkatze stand der Wächter 
lauschend auf dem Ansprung und suchte mit 
seinen Augen die Finsterniß zn durchdringen. 
Der Schein, der weit hinab noch die Aeste be 
strahlte, wurde wahrnehmbarer, und den geübten 
Sinnen der Männer schien es, als mische sich 
dumpfes Waffenklirren in das Rauschen der 
Zweige. 
Da fiel ein leichter Strahl auf den Fels an 
der Biegung des Weges, jetzt erschien ein Licht 
funke und hinter ihm glitzerte es gleich Erz. 
„Der Feind! rief der Wächter hastig." „In 
den Wald, Theuda, Wolnoth!" Er stürzte in 
die Hütte, riß einen Brand aus der Feuers- 
gluth, und ihn ums Haupt schwingend, sprang 
er mit gewaltigen Sätzen den Hügel hinan 
dem Holzstoß zu. Schon nahete er dek Spitze 
des Hügels, als hinter dem gethürmte« Holz 
hervor drei bewaffnete Männer sprangen, nur 
schattenhaft wahrnehmbar beim Lichte des lo 
henden Scheites. 
Einen furchtbaren Schrei stieß Merwig aus, 
und mit Riesenkraft schleuderte er den Brand 
nach dem Hylzstoß. 
Doch einer der Männer warf gewandt dett 
großen Schild vor, der den Brand auffing, so 
daß er ohne sein Ziel zu erreichen, zu Boden 
fiel. Aus dem geheimen Wäldpfade eilten römische 
Krieger brennende Kienspähue tragend und Waffen 
schwingend herzu. 
Vorwärts, den Speer hebend, sprang 
Merwig: „Maldra! Hundesohn — Du?" rief 
er und stürzte auf einen der Männer, die vor 
dem Holzstoß standen, zu. Da traf ihn die 
Keule, die der Angerufene warf, am Haupte und 
streckte ihn nieder. Ueber ihn beugte sich der 
Werfer. 
Ein langer Pfeil von Wolnoths Bogen, der 
an seiner Mutter Seite dem Vorgang mit Ent 
setzen zugesehen, zischte durch die Luft, und fuhr 
dem sich über den Vater Neigenden, der, von 
Fackelgluth jetzt beleuchtet, ein gutes Ziel bot, 
tief in den Hals, sodaß er todesröchelnd nieder 
stürzte. 
„In den Wald," rief Mathgis der Läufer 
Theuda zu, „rettet Euch! Ich muß weg zum 
Wächter am Stein, das Äriegsfeuer muß lodern," 
und eilig verschwand er im Walde. 
Theuda stand einen Augenblick wie gebannt, 
als so die Ereignisse sich drängten; dann stürzte 
sie, die Axt, welche sie in erster Ueberraschung 
von der Wand gerissen hatte, schwingend, den 
Hügel hinan, zn ihrem Manne. „Merwig! 
Merwig!" tönte es verzweiflnngsvoll von ihrem 
Munde. 
Fackelgluth drang jetzt die Schlucht herauf, 
und in eiligem Laufe nahte eine aufgelöste Schaar 
römischer Krieger, von denen ein Theil brennende 
Hvlzstücke trug. 
Theuda nahete sich der Gruppe, welche um 
ihren dahingestreckten Mann stand, das Gewand 
hoch aufgeschürzt, die Axt erhoben, wild flat
	        

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