Full text: Hessenland (1.1887)

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Eben so mißbilligte er auch, daß man begehrte, 
der Kurfürst solle 24,000 Alaun ins Feld stellen, 
und meinte 15—18000 seien das Richtige, doch 
Humboldt beredete den Herrn, mich zu Ersteren 
zu autorisiren. Mehr als 21,000 Mann zu 
sammenzubringen, war jedoch unmöglich, obwohl 
man eine Anzahl verheiratheter Männer vom 
Pfluge und aus der Werkstatt riß. 
So oft ich in dieser Zeit dem Minister aufwartete, 
war er artig und freundlich gegen mich, dessen 
sich nicht Jedermann rühmen konnte. 
Späterhin hatte ich jedoch eine heftige Scene 
mit ihm, deren günstiger Ausgang den Beweis 
gab, welches Rechtsgefühl ihn belebte. 
Als im Herbst 1806 alle Rheiu-Bunds-Mit- 
glieder über die unmittelbare Reichsritterschaft 
herfielen, hatte auch der Kurfürst, obwohl dem 
Rheinbünde fremd, vier theils in seinen Staaten 
enklavirte, theils angrenzende ritterschaftliche 
Orte in Besitz genommen, und als Bestandtheile 
von Hessen waren sie erst unter französische 
Administration, dann 1807 zum Königreich West- 
phalen gekommen. 
Weil es fuldaische Lehen waren, hatte das 
französische Gouvernement von Fulda sie reklamirt, 
indessen nach langem Streit hatte Napoleon schon 
im Jahre 1810 entschieden, duß sie zu Westphalen 
gehörten. Als daher im Spätherbst 1813 der 
Kurfürst zurückkehrte, wurden auch diese Orte 
iu Besitz genommen, die waffenfähige Mannschaft 
den Linientruppen und der Landwehr einverleibt, 
Steuern erhoben u. s. w. Plötzlich im Mai 
1814 erschien dort ein Commissarius desCentral- 
Berwaltungs - Departements und nahm sie im 
Namen der alliirten Mächte in Besitz. Ich that 
damals Kammerhrrrndienste und hatte mit inneren 
Angelegenheiten nichts zu schaffen, erfuhr also 
von obigem Vorgang nichts. Da ließ mich eines 
Tags mein Herr eilig rufen. Stellen Sie sich 
vor, redete er mich an, der Minister Stein hat 
mir vier Dörfer weggenommen, da müssen Sie 
gleich zu ihm nach Frankfurt, damit er sie wieder 
heraus und mir Satisfaktion giebt. Das ist 
ein kitzliger Auftrag, entgegnete ich, denn Stein 
thut nichts ohne Gründe. 
Erlauben E. K. D., daß ich mich auf dem 
Ministerium genau aus den Akten unterrichte, 
finde ich darin, daß Höchstdero Recht wirklich 
gekränkt ist und ich das aktenmäßig zu erweisen 
vermag, so übernehme ich den Auftrag, sonst 
nicht, denn der Minister Stein weicht nur Rechts 
gründen. 
Die Akten waren wirklich befriedigend und so 
reiste ich wohlgemuth ad. In Frankfurt ver 
nahm ich, daß Stein auf etliche Tage nach Naffau 
gegangen sei und reiste dahin. Mit sehr grausem 
Gesicht empfing er mich, wie kommen Sie hier 
her'? fragte er. In Auftrag des Kurfürsten, 
meines Herrn, erwiderte ich. So? das ist mir 
gerade recht, was treibt der Kurfürst für Zeug? 
setzt wohlverdiente Leute ab, läßt Wittwen und 
Waisen verhungern, eignet sich Dinge zu, die 
ihm nicht gehören, depossedirt ehrliche Käufer, 
nimmt der katholischen Gemeinde iu Hanau ihren 
Seelsorger, und so gings in einem fort, 
bis ihm der Athem ausging. Exellenz, hub ich nun 
an, reden da von Dingen, die mir zum Theil 
ganz unbekannt sind, worüber ich also Auskunft 
zu geben nicht vermag. Wegen der vier ritter- 
schaftlichen Orte bin ich geschickt, und da ist 
meinem Herrn Unrecht geschehen. Wie können 
Sie das zu behaupten wagen? schrie er, wer 
hat ihm das Recht gegeben, sie sich zuzueignen? 
meint er, daß die alliirten Mächte sich das 
werden gefallen lassen? und so gings wieder 
fort. Als er ausgetobt hatte begann ich: Ich 
habe Ew. Excellenz ausreden lassen, ohne Sie 
zu unterbrechen, nun aber muß ich bitten, inich 
auch ruhig anzuhören. Im voraus will ich be 
merken, daß, wenn Sie nach demjenigen, was 
ich vortragen und beweisen werde, auf Ihrer 
Ansicht beharren, der Kurfürst sich beruhigen 
wird, allein, hier erhob ich meine Stimme, das 
können und werden Sie nicht. Hoho, erwiderte 
er, Sie reden sehr anmaßend; im Gefühle des 
guten Rechts, versetzte ich fest. Nun so setzen 
Sie sich und erzählen Sie. 
Kaum hatte ich den Thatbestand vorzutragen 
angefangen, unterbrach er mich: das ist unrichtig; 
es ist nicht unrichtig, Ew. Excellenz sehen Sie 
hier den Beweis, und damit legte ich ein Akten 
stück vor, hm, hm, murmelte er,-nun fahren Sie 
fort, das ist wieder falsch, unterbrach er mich 
bald wieder; es ist keineswegs falsch, hier der 
Beweis, so gings noch öfters, mit jedem Be 
weise eines angeblichen Irrthums wurde er 
ruhiger und freundlicher. Als ich vollendet hatte, 
fragte er, können Sie mir den Aktenfascikel da 
lassen? Mit Vergnügen. Nun so kominen Sie 
zu Mittag wieder zu mir, dann wollen wir 
überlegen, wie die Sache beizulegen ist. 
Als ich mich wieder einstellte, war er ein ganz 
anderer Mann. Hören Sie, sagte er sehr ver 
bindlich, ich habe mich überzeugt, daß ich durch 
falsche Berichte des Commissarius in Fulda zu 
einer Verfügung verleitet worden bin, die ich 
nicht getroffen haben würde, wenn ich die wahre 
Sachlage gewußt hätte. 
Sie werden einsehen, daß ich mir oder viel 
mehr den alliirten Monarchen kein offenes
        

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