Volltext: Hessenland (1.1887)

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Georg Ferdinand Freiherr n. Kepel. 
(1779—1873.) 
(Schluß). 
Anhang. 
II. 
Meine KeKamtschalt und Nkrhandlungru mit dem 
Minister Freiherr« non «nd M Stein. 
ls nach dem Allianzvertrag von Kalisch 
die vereinigte russische und preußische 
Heeresmacht nach dem Königreich Sachsen 
vorrückte, verfügte sich auch der Freiherr von 
Stein, welcher an die Spitze des Verwaltungs 
Departements der besetzten Länder gestellt worden 
war, nach Dresden. Von dort ließ er durch den 
eben dahin gekommenen nassauischen Minister 
Freiherrn v. Gagern, meinem Herrn, dem Kur 
fürsten, schreiben beziehungsweise fragen: ob er 
denn ganz unthätig bleiben und abwarten werde, 
daß ihm die Alliirten sein verlorenes Land wieder 
eroberten? 
Dieser hatte kurz zuvor in Breslau den alliir 
ten Monarchen aufgewartet und seine Interesse 
empfohlen; der Gagernsche Brief setzte ihn jetzt 
in Verlegenheit, denn was konnte er von Prag 
aus, wo er seit 1808 unter österreichischem 
Schutz lebte, thun? Er schickte mich also am 
21. April 1813 nach Dresden, um direkt oder 
indirekt zu erfahren, welche Thätigkeit man denn 
von ihm begehre? und diese Mission brachte 
mich dann in Bekanntschaft mit dem berühmten 
Mann. Durch Gagern vom Zweck meiner 
Mission unterrichtet, ging er sogleich auf die 
Sache ein. Der Kurfürst solle Truppen an 
werben, Waffen anschaffen und vor Allem Geld 
zur gemeinschaftlichen Kriegs-Kasse zahlen, das 
war sein Begehren. Auf meine Vorstellung von 
der Unmöglichkeit der Truppenwerbung, so lange 
Oesterreich noch nicht der Allianz beigetreten 
sey, abstrahirte er davon, desto mehr aber be 
stand er auf den Geldleistungen, und ohnge- 
achtet der Remonstration, daß meinem Herrn, 
der seit länger als sechs Jahren von dem Wenigen, 
was er gerettet, sich und seine ganze Familie 
unterhalten müsse, keine bedeutenden Mittel zu 
Gebote ständen, fertigte er mich mit einer Ant 
wort zurück, worin er begehrte, der Kurfürst 
solle unter der Hand Gewehre und sonstige Ar 
matur anzukaufen suchen und bis zur Wieder 
besetzung von Hessen monatlich 50,000 Thaler 
zu den Kriegskosten beitragen. 
Nicht gering war der Schrecken meines Herrn 
über diese Anforderung, indessen auf mein dringen 
des Zureden, wobei mich seine Suite unterstützte, 
wurde ich schon in den letzten Tagen des Aprils 
mit der Erklärung wieder nach Dresden geschickt, 
daß er zwar nicht versprechen könne, auf längere 
Dauer so ansehnliche Beiträge aufzubringen, daß 
er aber innerhalb sechs Wochen 200,000 Thaler 
in die Kriegs-Kasse einzahlen wolle. Höchlich 
erfreut war Stein über diese Botschaft. Wie 
haben Sie es nur angefangen, den geizigen Herrn 
so schnell zu einer solchen Verwilligung zu 
bringen? rief er; nimmermehr hätte ich das er 
wartet, es ist mehr als ich erwarten konnte, 
denn offen gestanden, ich hatte etwas viel be 
gehrt, um nicht zu wenig zu erlangen, denn 
Geld ist uns vor Allem nöthig. In 4 Monaten 
sind wir hoffentlich in Kassel und dann kann er 
mehr thun; danken Sie ihm aber recht sehr in 
meinem Namen. 
Ich war angewiesen, im Hauptquartier zu 
bleiben, als aber nach der Schlacht bei Lützen 
die Armee genöthigt wurde, die Elbe zu ver 
lassen, ließ mich Stein rufen. Die Schlacht ist 
zwar nicht eigentlich verloren, sprach er, allein 
so viel hat sich doch ergeben, daß die französi 
schen Streitkräfte den unsrigen, namentlich an 
Infanterie, überlegen sind; die russische Armee 
ist viel schwächer, als man vermuthete, freilich 
sind bedeutende Verstärkungen unterwegs, sowie 
auch die Truppen aus Preußen anrücken, vor 
der Hand aber fühlt matt sich nicht stark genug 
zu einer zweiten Schlacht und geht zurück, wie 
weit? weiß man noch nicht, das hängt von Um 
ständen ab; was wollen Sie im Hauptquartier 
machen ? Kehren Sie lieber nach Prag zurück, 
trösten und beruhigen Sie Ihren alten Herrn,
        

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