Full text: Hessenland (1.1887)

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Es ruft mir entgegen: „Wachaus, wach auf," 
Es naht der Frühling in eiligem Lauf! 
Laß sein dein ewig Träumen: 
Laß leben die Liede, laß leben den Wein, 
Es könnte dein letzter Frühling sein — 
Willst diesen du versäumen? 
Htavi Mevev. 
Ans alter und neuer Jett. 
Der 90. Geburtstag des deutschen Kaisers 
Wilhelm, des jetzigen Landesherrn des ehemaligen 
Kurstaates Hessen, ist allerorts in unserem engeren 
Vaterlande auf das Feierlichste begangen worden. 
* ^ * 
Nekrolog e. Am 16. März d. I. endete ein 
plötzlicher Tod das Leben desOberlaudesgerichts- 
RathsEduardKöhler, eines hochbegabten, durch 
seine juristischen Kenutniße hervorragenden und durch sein 
freundliches, liebenswürdiges Wesen allgemein be 
liebten Mannes, eines echten Sohnes "es Hessen 
landes, welcher vor einigen Jahren eine ihm ange 
botene höhere Dienststellung außerhalb Hessens und 
ihm dadurch in Aussicht gestellte weitere Auszeich 
nungen und Beförderungen nicht annahm, sondern es 
vorzog, seine Dienste dem von ihm so geliebten 
rngeren Baterlande bis an sein, leider so frühes Lebens 
ende zu widmen. Wie schwer von dem Kollegium der 
Verlust eines durch unermüdeten Fleiß, scharfen Verstand 
und umfassende Kenntnisse ausgezeichneten Mitgliedes, 
empfunden wurde, von welchem bei anscheinend voller 
Gesundheit und Rüstigkeit sich noch eine lange segens 
reiche Thätigkeit in seinem Beruf erwarten ließ, zeigt 
der von jenem dem Andenken des Verstorbenen in 
den Blättern gewidmete, warme Nachruf. Groß 
ist aber auch die Zahl derer, welche in ihm den 
Verlust eines ihnen stets treuen und wahren 
Freundes beweinen und ihm in ihren Herzen ein 
bleibendes Andenken bewahren werden. R.-K. 
Am 25. März starb zu Hers selb nach langen 
und schwerem Leiden im 44. Lebensjahre der Gymnasial- 
vberlehrer Bruno Berlit, ein ausgezeichneter Ge 
lehrter und anerkannt tüchtiger Schulmann. In den 
letzten Jahren seines Lebens ist er für die Errichtung 
des Hutten-Sickingen-Denkmals eifrigst bemüht gewesen 
und das Zustandekommen desselben dürfte vornehmlich 
seiner Thätigkeit zuzuschreiben sein. 
* * 
Dre Jägertruppe in Hessen zuerst er- 
wähnt. Bis zum Jahre 1631 war Hessen-Kassel 
nicht am 30 jährigen Kriege betheiligt, hatte aber 
'durch die längere Einlagerung des zügellosen Tilly'schen 
Heeres alle Schrecken eines Krieges auszuhalten. 
Erst als im genannten Jahre Landgraf Wilhelm V. 
sich unter schweren Gefahren persönlich zu Gustav 
Adolf von Schweden in das Lager von Werben be- 
-gab und dort ein folgenschweres Schutz- und Trutz- 
bündniß mit ihm abschloß, war es Hessen beschieden, 
in dem großen Kriege eine einflußreiche Rolle zu 
Ipielen. Bon diesem Zeitpunkt an datirt die Er 
richtung des ersten stehenden Heeres in Hessen, da 
sich Landgraf Wilhelm verpflichtet hatte, 12000 
später 15000 Mann zu dem Heere des Königs 
stoßen zu lassen. Unter den zuerst errichteten Truppen 
finden wir auch drei Jäger-Compagnien genannt, 
welche mit Büchsen, d. h. gezogenen Gewehren, be 
waffnet waren und zu deren Formation das hessische 
Forstpersonal benutzt wurde. Diese Jägertruppe ist 
die älteste in Deutschland, fand aber bald Nach 
ahmung; so in Bayern, wo 1645 Kurfürst Maximilian 
drei Jäger-Regimenter errichtete, so in Brandenburg, 
wo der große Kurfürst im Rheinfeldzug 1674 den 
Infanterie-Compagnien einige „Scharfschützen" zu 
theilte. Zu nennenswerthen Formationen der Jäger- 
truppe kam es in Preußen erst unter Friedrich demGroßen. 
In den Nachrichten über das hessische Heer im 
30 jährigen Kriege verschwinden die Jäger bald; das 
Theatrum Europaeum erzählt nur im II. Band von 
der Theilnahme der Jäger-Compagnien an dem 
Sturm auf Fritzlar im August 1631 und an dem 
Sturm auf Volkmarsen, wo für den Ueberfall des 
hessischen Korps unter General von Uslar am 
17. Juni 1632 Rache genommen wurde, ohne sie später 
nochmals zu erwähnen. Der Ersatz durch geeignete 
Forstleute oder, wie wir heute sagen würden, von 
gelernten Jägern scheint bei den starken Verlusten 
auf Schwierigkeiten gestoßen zu sein. Allem Anscheine 
nach wurden dre Jäger-Kompagnien nicht zu den größeren 
Feldzügen, wie am Rhein und Main 1631, heran 
gezogen, sondern blieben zum Schutze des Landes 
zurück, wo sie bei Aufhebung von Marodeuren oder 
kleineren Streifschaaren geeignete Verwendung fanden. 
Vielleicht sind die bald darauf in wechselnder Zahl 
vorkommenden Frei-Compagnien, auch neue Compagnien 
genannt, als eine Fortsetzung der ersten Jäger- 
Compagnien zu betrachten, jedenfalls scheinen diese 
Compagnien den Dienst der leichten Truppe versehen 
zu haben. M. 
* * 
In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde in der 
Haupt- und Residenzstadt Kassel ein bürgerliches 
Schützen-Korps errichtet, welches unter dem 
Gouvernement stand und für das am 1. April 1594 
eine besondere Ordnung, ein Exercierreglement er 
lassen wurde, wie die Schützen, namentlich Sonntags, 
zum rechten Gebrauch ihrer Wehren abgerichtet werden 
sollen. Die Uebungen im Schießen wurden durch 
den D r i l l m e i st e r geleitet. Die Schützenkompagnien 
bestanden bis zur westfälischen Zeit, wo sie als 
Schützenbataitton der Nationalgarde einverleibt wurden. 
Durch Kurfürst Wilhelm I. nach seiner Rückkehr in 
sein Stammland wieder hergestellt, gingen sie 1830 
in der Bürgergarde auf, für welche am 23. Juni 1832 
das Bürgergarde-Gesetz erlassen wurde, bis auch die 
Bürgergarde durch Verordnung vom 19. Dezember 
1854 aufgehoben wurde. Der gegenwärtig hier 
blühende „Kasseler Schützenverein" verdankt seine 
Gründung dem am 11. Juli 1861 in Gotha unter 
dem Präsidium des Herzogs Ernst von Sachsen- 
Coburg-Gotha abgehaltenen Schützenlage, auf welchem 
der „Deutsche Schützenbund" gegründet wurde.
        

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