Full text: Hessenland (1.1887)

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Prächtig schallte es durch die grüne Einsamkeit, 
und siehe, da erschien auch wirklich jetzt im dunklen 
Fensterrahmen ein liebreizender Mädchenkops, 
der erglühend und mit leuchtenden Augen heraus 
spähte. 
„Nanderl!" jauchzte Kilian, und mit einem 
Satz stand er umer dem niedrigen Fenster, um 
sein Lieb zu begrüßen, sie aber machte ihm ein 
abwehrendes Zeichen und zog sich blitzschnell 
wieder zurück. 
Er sollte nicht im Zweifel über ihr sonder 
bares Benehmen bleiben, denn in demselben 
Augenblicke hatte ihn eine unsanfte Hand von 
hinten am Kragen, und der Alte aus dem Wild 
park schrie ihm in die Ohren: „Treibt sich denn 
der unverschämte Landstreicher noch hier herum? 
Ich hab's Ihm schon einmal gesagt: hier ist kein 
Wirthshaus, und wenn Er sich nicht augenblick 
lich von der Stelle packt, so hetz' ich ihm die 
Hunde auf den Balg." 
Kilian schüttelte die derbe Faust ab und schlug 
einen Fußpfad ein, der von dem Fahrwege ab 
zweigend, durch dichtverschlungenes Gebüsch sich 
wand. 
Er war glücklich, daß er endlich Nanderl's 
Aufenthalt entdeckt hatte; weit aber wollte er 
sich nicht davon entfernen, vielleicht konnte sie 
ihrem grimmen Hüter heute doch noch einmal 
entschlüpfen und war dann ungestört zu sprechen. 
„Wenn mich nur der verwünschte Hunger 
nicht so quälte in dieser Wildniß!" seufzte 
Kilian, und er versuchte das gesunde Verlangen 
nach Speise mit Bucheckern, die er unter den 
Bäumen auflas, zu befriedigen, aber das war 
doch eigentlich nur eine Kost für Eichhörnchen. 
Da öffnete sich mit einem Male eine Lichtung, 
und von jähem Bergeskegel grüßte ein stolzes 
Schloß herab. Dort oben konnte er vielleicht 
etwas zu essen finden! Er stieg die steile Höhe 
hinan, aber wie er auf dem Plateau angelangt 
war, da verwehrte ihm die aufgezogene Zug 
brücke den Eintritt in die befestigte Burg. Ent 
täuscht streifte er um die mit Schießscharten ver 
sehenen Mauern herum, aus denen die Münd 
ungen von schweren Geschützen drohend blickten, 
dann wandte er sich seitwärts nach einer kleinen 
Anhöhe, wo ein Mann im blauen Kittel am 
Boden saß und behaglich sein Vesperbrod ver 
zehrte; für einen Kreuzer überließ ihm dieser 
gern die Hälfte desselben. Aber lange rastete 
Kilian nicht dort oben, so sehr ihn auch der 
Ausblick entzückte in die sonnenbeglänzte Land 
schaft, in der sich so schöngeformte Berge zu 
sammen drängten; nachdem er ein Briestein ge 
schrieben, das er Nanderl heimlich zuzustellen 
hoffte, zog es ihn wieder hinab in den kühlen 
Waldesgrund, wo sie weilte. 
Voll Sehnsucht war er abermals dem vom 
Wipfelgrün überrauschten Hause nahe gekommen, 
aber — o weh! — da erschien auch schon wieder 
der alte Cerberus auf der Bildfläche. Um sich 
seinen Blicken zu entziehen, schritt Kilian ge 
schützt vom Dickicht des Unterholzes, rasch auf 
der schon früher betretenen breiten Straße fort, 
die nach einer kleinen Windung direkt in den 
runden Bogen eines überthürmten Thores ein 
führte. 
Von dem Thurme mußte man gewiß unbe 
schränkten Ausguck nach dem nahen Jägerhause 
halten können, deswegen stürmte er die enge, 
dunkle Wendeltreppe hinan und stieß oben eine 
Thüre auf, die klirrend hinter ihm in's Schloß 
zurück fiel. — 
Er schaute sich um in dem kleinen, runden 
Gemach; es war ganz leer, nur oben in der 
Mauer befand sich eine Fensterluke, durch die 
der Tagesschein auf die nackten, blos mit Spinn 
weben bedeckten Wände fiel. Behend schwang 
er sich zu dem breiten Simse auf; das Jäger 
haus war nicht sichtbar, aber statt dessen eröff 
nete sich eine märchenschöne Scenerie: Auf einer 
duftigen Wiese ruhte im Glanze der Nachmittags 
sonne ein behagliches, weißes Schlößchen und 
ein kleiner See blinkte davor, auf dem ein 
Schwanenpaar majestätisch stille Kreise zog. 
In tiefer, süßer Traumesruhe lag das Bild 
in seinem grünen Rahmen. Aber mit einem 
Male wurde ein seltsames Leben wach. Aus 
dem gegenüberliegenden Thore, — an das sich, 
wie am diesseitigen hohe, steile Laubwände gleich 
Coulissen anschlossen, — sprengte plötzlich eine 
glänzende Cavalcade: ein Häuflein kriegerischer 
Gestalten in prächtigen Husarenuuiformen, die 
in stolzer Haltung auf wohlgepflegten Pferden 
saßen. Ihnen folgte ein sechsspänniger reich 
vergoldeter Galawagen, dem dann noch eine statt 
liche Reihe anderer Wagen über den gepflasterten 
Thorweg nachrasselte. 
Bor dem Schlößchen machte der Zug halt. 
Die in Gold und Sammt starrenden Cavaliere 
stiegen aus und verschwanden Einer nach dem 
Anderen hinter dem wappengeschmückten Portale, 
während die Husaren ihre Thiere in einem gegen 
überliegenden Stallgebäude unterbrachten. 
Doch war die frühere Traumversunkenheit 
nun verflogen. Lakaien und Heiducken in 
farbenbunten Livreen rannten hin und her, und 
der abgeschiedene Ort wurde von einer kleinen 
Hofwelt belebt, auf die Kilian mit weitgeöffneten 
Augen herabschaute. (Fortsetzung folgt).
        

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