Full text: Hessenland (1.1887)

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II. 
Derjenige, dem diese tolle Verfolgung galt, 
war unterdessen bergabwärts durch's Waldcs- 
dickicht geschritten. Es war ein junger Bursch, 
der so frei und fröhlich aus seinen braunen 
Augen in die Welt schaute, daß man ihm gar 
nicht zutrauen mochte, er trage sich mit kriegs 
gefährlichen Plänen. 
Und in Wahrheit fiel ihm solches auch gar 
nicht ein. Sein frischer, burschikoser Sinn war 
mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und wenn 
er auch wirklich von Würzburg gekommen war, 
so wollte er doch nichts Anderes auskundschaften, 
als einzig — wo sein herzlieber Schatz sich be 
finde. Ihr Vater hatte sie verbannt zu einem 
Onkel, der irgendwo in der Rhön in einem 
Jägerhause mitten im Wald wohnen sollte, denn 
der Alte wollte nichts von ihrem Liebesvcrhält- 
uiß wissen, weil er den Studenten nun einmal 
nicht grün war, und sie sammt und sonders für- 
lockere Zeisige hielt. Im Allgemeinen hatte er 
ja auch Recht, aber mau kann doch nicht gleich 
ein Mann von Rang und Würden sein; — die 
vorgeschriebenen Semester mußten doch der Alma 
mater geopfert werden! 
Und es war eigentlich Alles so ganz von selbst 
gekommen: Kilian Frank hatte in derselben Gasse 
mit dem schönen Nanderl gewohnt — und da 
hätte man doch einein flotten Burschen die Augen 
verbinden müssen, wenn er ein so reizendes 
Gegenüber nicht hätte wahrnehmen sollen. Und 
daß er, der so prächtig das Waldhorn blasen 
konnte, dann dem schönen Kinde zu Gefallen all 
abendlich seine einschmeichelndsten Weisen über 
die enge Gasse hin tönen ließ, — nun, das war 
doch auch natürlich, um so mehr, da der feinge 
formte Mädcheukopf dann jedes Mal an's offene 
Fenster gebannt blieb. Da mußten freilich die 
Klänge immer zarter, immer inniger, immer sehn 
suchtsvoller werden, so daß sie schon längst aus 
gesprochen hatten, was er mit Worten erst zu 
gestehen wagte, als er einmal in der Dämmer 
ung ihr begegnet und sie ein Stückchen Weges 
begleitet hatte. Von da an hatten sie sich öfters 
heimlich gesprochen, aber das junge Glück dauerte 
nicht lange, der Vater kam dahinter und machte 
ihm, wie gesagt, ein rasches Ende. 
Doch Kilian vergaß das Nanderl nicht; als 
die Sommerferien anbrachen, da machte er sich 
auf, um sein Lieb in der Rhön aufzusuchen. 
Das Waldhorn mit sich führend und ein 
grünes Reis am Hute, so war er auf gut Glück 
hineingewandert in die oft ganz unwegsame Berg- 
wildniß, über weite, kahle Hochflächen und wald 
bekrönte Höhen, durch stille Dörfer und einsame 
Schluchten. Aber schon wochenlang hatte er 
> diese Gebirgswelt durchstöbert, ohne eine Spur 
! von der Gesuchten zu entdecken. Da war er 
! endlich heute in eine bergumschlossene Waldein 
samkeit gerathen, wo er zwischen hohen, dicht 
stehenden Buchen jeden Pfad verloren hatte. Mit 
einem Male sah er durch die alten Stämme eine 
Mauer schimmern, mit keckem Wagen kletterte er 
hinüber und wurde am jenseitigen Boden von 
einem lieblichen Anblicke gefesselt: ein Rudel der 
stolzesten Damhirsche graste am Saume einer 
Lichtung innerhalb des umschlossenen Bezirkes. 
; Ganz vertieft in dieses Bild, hatte er nicht 
' wahrgenommen, wie ein ältlicher Mann in grüner 
Kleidung aus deu Büschen hervortrat, bis letzterer 
mit rauher Stimme fragte: 
' „Was will Er hier und wie ist Er hier her 
ein gekommen?" 
„Ueber die Mauer", sagte Kilian lakonisch, 
, indem er grüßend sein dreieckiges Hütlein zog. 
„Was? Ueber die Mauer?" wiederholte der 
Andere grimmig. „Wie kann Er sich unterstehen, 
hier einzudringen, wo Er gar nicht hingehört? 
Hier ist der Thiergarten!" 
„Verzeihen Sie, das wußte ich nicht; ich hatte 
mich verirrt. Aber ist vielleicht hier in der 
Nähe ein Jägerhaus?" 
i Das höfliche „Sie" hatte den Grünrock milder 
gestimmt. „Was soll's denn mit dem Jäger- 
: Haus? fragte er weniger barsch. 
„Nun, ich dachte, ich könnte dort ein bischen 
' rasten und vielleicht auch einen Imbiß finden, 
wenn ich einige Stückchen auf meinem Waldhorn 
vortragen würde." 
„Was ist Er verrückt?" schnaubte aber jetzt 
der Andere im Hellen Zorn. „Geh' Er nach 
K l e i n s a s s e n! dort führt der Weg hinaus; bei 
nnS ist kein Wirthshaus." Und er zeigte ge 
bieterisch nach einem Gitterthore, das zum Wild 
park hinaus auf einen Fahrweg führte. 
Der junge Mann war diesem Wege eine 
kleine Strecke gefolgt, als plötzlich, etwas ab 
seits, hinter den hohen Waldbäumen ein ein 
sames Haus auftauchte. Ein mächtiges Hirsch 
geweih über der grünangestrichenen Hausthüre 
verrieth dem Ueberraschten, daß es ein Jäger 
haus sei, und erfüllt von freudigster Ahnung, 
setzte er jetzt sein Waldhorn an, um die Geliebte, 
— wenn wirklich hier ihr Aufenthalt war — 
mit frohen Klängen herbei zu locken. 
Es war ihr Lieblingstied, das er zu blasen anhub: 
! „Und die Würzburger Glöckli 
Haben schönes Geläut', 
Und die Würzburger Müdli 
I- Sein kreuzbrave Leut'".
        

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