Full text: Hessenland (1.1887)

„Und hat man keine Ahnung von dem Inhalt 
dieses Schreibens?" forschte gespannt der Andere. 
Der Kammerherr zuckte die Achseln: „Ein 
Geheimniß der Diplomatie." Damit eilte er 
geschäftig weiter. 
Doch war seine Vermuthung richtig gewesen, j 
Am Morgen hatte ein Courier einen großen 
Staatsbrief abgegeben an den hochwürdigsten 
Fürsten und Herrn, Herrn Amandus, Bischof 
und Abtcn zu Fulda, des heil. Röm. Reichs 
Fürste», Ihrer Majestät der Röm. Kaiserin Erz 
kanzler, durch Germanien und Gallien Primaten; 
und als den der hohe Adressat mit erregter 
Miene durchgelesen, da war er sich mehrmals 
mit einem energischen Strich durch die mächtige 
Perrücke gefahren, so daß der Puder m einer 
Wolke davon gewirbelt war und die Haare sich 
kerzengerade in die Höhe gesträubt hatten. Dieses 
Zeichen aber kannte Jeder bei Hofe: es war der 
erklärte Ausdruck einer allerhöchsten Mißlaune 
und Verstimmung. 
Nachdem der Fürst einige Male hastig im 
Gemache auf- und abgeschritten, hatte er befoh 
len: „Eine Stasfette eile sogleich auf die Feste 
Bieberstein und entbiete den Hauptmann 
Lindenau zu Uns." 
Der Hauptmann und in Kriegssachen bestellte 
Rath — wie sein voller Titel lautete — war 
der Mann, der im höchsten Grade das fürstliche 
Vertrauen genoß, vorab seitdem ihm die bedeut 
same Aufgabe zugefallen war, das hochgelegene 
Jagdschloß Bieberstein kriegerisch zu befesti 
gen, denn Am and von Buseck wollte auch in 
seinem Ländchen eine Festung haben. Er hatte 
es erlangt, daß die reichsunmittclbare gefürstete 
Abtei Fulda von Papst Benedict XIV. zum 
Bisthum erhoben worden war, nun galt es 
natürlich, die erhöhte Machistellung auch nach 
Außen zu repräsentiren; — dazu aber war ein 
bischen kriegerische Ausrüstung unerläßlich. Bei 
den geistlichen und weltlichen Reichsfürsten des 
18. Jahrhunderts waren ja solche harmlose mili 
tärische Spielereien Mode, sie gehörten zum 
Glanze eines Hofes, und wenn der Markgraf 
von Bayreuth zu der bizarren Grille sich ver 
stieg, Kriegsschiffe en miniature auf einem 
kleinen See, nächst seiner Residenz zu halten, 
— warum sollte da der Fürstbischof von Fulda 
sich mcht den Luxus einer Festung gestatten? 
Ani Mittag sprengte der Hauptmann Linken- 
au auf schaumbedecktem Rosse durch das Peters 
thor und ließ sich, nackdem er am Schlosse ab 
gestiegen, sogleich anmelden. 
Es war ein Männchen wie ein Nußknacker, 
das da in eigenthümlich strammer Haltung in's 
Cabinet des Fürsten trat. Die gewaltige, bc- 
puderte Perrücke und der lange, pechschwarz ge 
wichste Schnurrbart kontrastirten so auffallend 
mit der zierlichen Gestalt in Galauniform, daß 
l man sich kauin eine Figur von mehr komisch- 
| groteskem Aussehen denken konnte. 
„Mein lieber Lindenau, wie steht es mit den 
Festungswerken?" fragte der Fürst lebhaft. 
„Vortrefflich, hochfürstliche Gnaden", rappor- 
tirte der Hauptmann. „Die erbauten Kasse 
matten sind fest wie Ziegenhain und die schweren 
Geschütze sind nun aufgestellt. Auch haben wir 
bereits mit den Erdarbciten am Kuhlberg be 
gonnen, die Sternschanze soll ein Meisterwerk, 
der Glanzpunkt der Fortifikation, werden und 
für einen Kriegsfall" — 
„Triumphiren Sie nicht zu sehr," unterbrach 
ihn der Fürst wehmüthig. „Wir müssen unsere 
Feste schleifen." 
„Schleifen?" rief der Hauptmann aus, indem 
er unwillkürlich an seinen Degen faßte. „Nimmer 
mehr, sie wird in Kriegsgefahr jedem Angriffe 
siegreich widerstehen." Und seine kleinen schwarzen 
Augen leuchteten ordentlich vor Heldenmuth bei 
diesen Worten. 
Der Fürst wandte sich jetzt schweigend zu 
seinem, auf vergoldeten Löwenklauen ruhenden 
Schreibtische und ergriff einen großen Brief, den 
er dem Kriegshelden überreichte. „Mein lieber 
Lindenau, ich eröffne Ihnen hiermit ein Staats 
geheimniß — Sie müssen schweigen gegen Jeder 
mann. 
Der Hauptmann legte feierlich betheuernd die 
Hand auf die Brust und verneigte sich tief. 
„Vom Reichshofrath zu Wien?" entfuhr es 
ihm staunend, als er das große Siegel ange 
blickt, dann entfaltete er das Schreiben, um es 
mit hochaufgezogcnen Brauen zu durchlesen. 
Ja, es war eine Ordre vom Reichshofrathe, 
die den Fürsten von Fulda zwar vertraulich, 
aber immerhin sehr nachdrucksvoll bedeutete, 
seinen Festungsbau einzustellen, da die angrenzen 
den Reichsfürsten, der Landgraf von Hessen und 
der Fürstbischof von Würzburg, entschieden da 
gegen protestirt hätten. 
„Unerhört!" stieß der Hauptmann zwischen 
den Zähnen hervor, als er den verhängnißvollen 
Brief zu Ende gelesen. 
„Jawohl, unerhört", wiederholte Amandus in 
dem er sich wieder heftig durch die Perrücke 
fuhr. 
„Diese anmaßenden Nachbarn, die doch selbst 
so stolze Festungen besitzen und stets mit scheelen 
Blicken nach Uns sehen, wagen es, gegen die 
Ausführung unserer Lieblingsidce Einsprache zu
	        

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