Volltext: Hessenland (1.1887)

— 85 
Niemand ahnte es, daß ein so berühmter j 
Mann die ärmliche Wohnung in der Wilhelms- ! 
höher Allee aufgesucht hatte, um bei der einsamen ! 
vergessenen, einst so hart getadelten Doktorin 
Dicde zu verweile»; selbst die wenigen Bekannten, 
die sie noch in Kassel besaß, erfnhren nichts da 
von. Ebenso verborgen hielt sie ihr theures 
Briefgeheimniß; erst nach Humboldts Tode ent- ■ 
hüllte sie es, weil sie es für Pflicht hielt den 
reichen Geistesschatz nicht eigennützig für sich 
allein zu behalten, sondern ihn der Mit- und 
Nachwelt zu überliefern, , 
Mit Elfer ging die Freundin an die Heraus 
gabe von Humboldts Brrefen, beinah zu ängstlich 
entfernte sie daraus jedes llrtheil über andere. 
Eine damals junge Literatur, Therese von Bacha 
racht, geborene Struve, war ihr bei. der Arbeit 
behülflich und erhielt dieselbe als eine Art Schenkung 
für ihr früher gewährte llnterstützungen. 
Diese liebliche Therese war eine frische Rose 
in dem verdorrten Lebenskranz der armen alten 
Frau. Den Namen Therese hatte sie als Pathen- 
kind von der einst berühmten Schriftstellerin 
Therese Huber erhalten, mit welcher ihr Vater 
als russischer Gesandte in Stuttgart nah be 
freundet war. Die reizende junge Therese wurde 
dadurch gewissermaßen zur Schriftstellerin prä 
destiniert. Sie lernte die Doktorin Diede als 
Lehrerin kennen und begeisterte sich für die geist- > 
volle Dulderin in wahrhaft liebenswürdiger Weise. 
Leider traten später Zwistigkeiten zwischen Beiden 
ein, denn der Lebenswandel Theresens erregte 
die Mißbilligung der streng moralisch gewordenen 
und moralisirenden Doktorin Diede. Bekanntlich j 
ließ sich Therese.von ihren Manne scheiden und ; 
wurde Gutzkows Geliebte. Aus diesem Ver 
hältniß erlöste sie später ein Herr von Lützow, 
der sie heirathete und nach Japan führte, wo 
sie bald nachher gestorben ist. * 
Es ist zu beklagen, daß die Briefe der Doktorin 
Diede an Humboldt, auf ihren eigenen Wunsch, 
verbrannt worden sind; einzelne ihrer Aussprüche, 
die als Bruchstücke gedruckt wurden, erinnern an 
den Geistreichthum von Rahel und Bettina. 
Die Doktorin Diede gerieth nach Humboldts 
Tode wieder in Nahrungssorgen, weil das Jahr 
gehalt des Freundes aufhörte. Es ist unbe 
greiflich, daß die reiche Familie desselben sie 
darben ließ: Alexander von Humboldt soll sich 
sogar in sarkastischer Weise über die alte Frau 
geäußert haben „die Pfarrerstochter von Tauben 
heim", nannte er sie und meinte, sein Bruder 
hätte ihr weniger schreiben und mehr geben sollen. 
In ihrer Noth bekam die Doktorin Diede wieder 
einen rettenden Einfall; sie sendete das wohl 
geordnete Manuskript der schönen Briefe von 
Humboldt au den König Friedrich Wilhelm den 
Vierten, den sie mit Recht für den echten Schirm 
herr« des „Wahren, Guten und Schönen" er 
kannt hatte, aber ihr Vertrauen wurde auf eine 
harte Probe gestellt; sie erhielt keine Antwort! 
Monatelang harrte sie vergebens darauf, sie 
mußte fürchten, daß die kostbaren Briefe verloren 
seien! Da entschloß sie sich noch einmal zu 
schreiben und richtete einen flehenden Brief an die 
Königin Elisabeth; diese Wohlthäterin für alle 
Leidenden antwortete sogleich und sendete eine 
reiche Geldspende, versicherte auch, daß der König 
mit wahrhafter Begeisterung Humboldts Briefe 
gelesen habe und dieselben umgehend zurücksenden 
würde. Ein Jahrgehalt wurde der Dulderin 
aus der Königlichen Chatoulle zugesichert und 
die bekannte Verlagsbuchhandlung von Brockhaus 
übernahm es, Humboldts Briefe heraus zu geben. 
So schien das Glück noch ihren Lebensabend zu 
verschönern zu wollen, — aber leider sollte sie 
es nicht lange genießen, sie starb in Folge eines 
Beinbruchs, den sie in ihrem eigenen Stübchen 
erlitt, am 16. Juli 1846, dem sechzigsten Jahres 
tage ihrer Begegnung mit Humboldt. — 
— - ShhS 
Krieg int Frieden. 
ffitu Genrebild ans der RococoM von Joseph Grinean. 
f m Residenzschlosse zu Fulda liefen die 
Lakaien hin und her und raunten einander 
scheu in die Ohren: „Seiner hochfürstlichen 
Gnaden steht der Busch." 
Als der dienstthuende Kammerherr, aus den. 
Cabinet des Fürsten kommend, in einem Corri- i 
dor dem Hofmarschall begegnete, da blinzelte er j 
bedeutungsvoll und strich sich zugleich mit einer- 
seltsamen Handbewegung über den Kopf. 
„Steht der Busch?" fragte erschrocken der 
Hofmarschall. „Aus welcher Veranlassung." 
Der Kammerherr flüsterte: „Muß wohl mit 
einem Briefe znjammenhängen, der heute früh 
von Wien eingetroffen ist."
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.