Full text: Hessenland (1.1887)

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erinnern, welche vielleicht die großen Bilder und 
Ereignisse Ihres Leben längst verwischt und aus 
gelöscht haben werden. Im weiblichen Gemüth 
sind solche Eindrücke tiefer und unwandelbar, 
um so mehr, wenn es (welche Bedenklichkeit könnte 
mich zurückhalten, Ihnen nach sechsundzwanzig 
Jahren diesen Beweis von Verehrung zu geben), 
die ersten ungekannten Regungen erster erwachender 
Liebe waren, so geistiger Art, wie sie wohl bei 
der edleren Jugend immer sind. Für die weib 
liche Jugend und die Entwickelung des Charakters 
aber ist es von höchster Wichtigkeit, für welchen 
Gegenstand die ersten Gefühle erwachen. Die 
Gefühle wandelt die Zeit; das tief ins Gemüth 
gesenkte Bild aber erbleicht nie. An dies ge 
liebte Bild, das höher und immer höher erschien, 
lehnte sich fortan mein Ideal van Männerwerth 
und Hoheit. Hier ruhte ich aus, wenn ich unter 
dem schweren Leben am Erliegen war, hier 
richtete sich mein Muth auf, wenn mein Glaube 
an die Menschheit schwankte! Glauben Sie mir, 
ewig geliebter Freund, (Sie verzeihen dem Herzen 
diese Benennung), ich bin gereift unter großen 
Schmerzen, aber nicht entadelt, noch je durch 
unwürdige Empfindungen entweiht." 
So hatte denn dies arme Wesen doch noch 
dis Liebesgefühl sich klar eingestanden, welches 
sie damals in den schönen Tagen von Pyrmont 
beseligte, und welches sie ein Vierteljahrthundert 
verschwiegen hatte. Man kann wohl fragen, 
was wäre geschehen, wenn sie sich früher dem 
Erwählten ihres Herzens mitgetheilt hätte, anstatt 
einem ungeliebten Manne anzuhören. Höchst 
wahrscheinlich würde Humboldt dem holden Ge- 
sländniß Gehör geschenkt haben und Charlotte 
wäre gewiß ,eine Gattin geworden. Er hat sich 
erst drei Jahre später als diese vermält mit dem 
Fräulein vvL Oacheröden, einer reichen Erbin; 
sie ward als geistvolle Schönheit, obwohl etwas 
verwachsen, von vielen Männern bewundert, 
namentlich yuldigte ihr der Baron von Burgs 
dorf, Tieck's genialer Freund und auch ein Baron 
Scnft-Pilsach. Varnhagen schrieb über diese Ehe: 
„Niemals war Jemand unmuthiger verheirathet 
als Humboldt, jede Freiheit gern gebend und 
nehmend." Jedoch ist dies Wort wohl voll 
kommen widerlegt durch Humboldt selbst, denn 
er sprach von seiner Frau stets mit der größten 
Achtung und Liebe; sie schenkte ihm zwei Söhne 
Söhne und drei Töchter und führte ein har 
monisches glückliches Familienleben mit ihm. 
Auf den rührenden Brief, den die arme Blumen 
macherin mit ihrem Herzblut geschrieben hatte, 
antwortete der vielbeschästige Mann noch am 
selben Tage, da er ihn erhielt. Er war tief 
i ergriffen von dieser Jugenderinnerung, gewiß 
zog wohl auch ein leises Bedauern durch seine 
Seele, daß so liebliche Rosen der Müdchenliebe 
j ungekannt und ungeahnt von ihm einsam dahin 
j welken mußten. Zugleich fühlte er die Ber- 
! pflichtung, einem unglücklichen Wesen, das auf 
' ihn vertraute wie auf die Vorsehung, wirklich 
' ein Erretter zu werden. Er schrieb ihr mit 
! herzlicher Theilnahme und edlem Zartgefühl, 
i bat sie, sich vorläufig ganz seiner Fürsorge zu 
! überlassen und übersendete ihr eine ansehnliche 
Summe Geldes, um sie von den peinvollen 
Nahrungssorgen zu befreien. Sie ging auf 
Humboldts Wunsch nach Göttingen, ivcil sie 
dort von den Jngenderinnernngen zehren sollte, 
die der geliebte Freund dort hegte. Später zog 
sie jedoch nach Kassel zurück und begann ihre 
mühsame Blumenarbcit. Nur auf dringendes 
Bitten von Humboldt überwand sie ihren Stolz 
und nahm eine kleine Pension von ihm an, 
welche ihr den Broderwerb wesentlich erleichterte. 
Aber eine andere Gabe des Freundes gab ihr 
wahres Lebensbrod, unvergängliche Seelenspeise, 
nämlich die Briese, die er ununterbrochen mehr 
als zwanzig Jahre au sie richtete. Sie sind 
jetzt Eigenthum der ganzen gebildeten Welt ge 
worden, ja ein Trostbuch für alle, die in ihr 
vereinsamten! Wer kennt nicht Humboldts Briefe 
an eine Freundin? 
Mit einer rührend liebenswürdigen Ritterlichkeit 
und warmer Theilnahme schrieb der Gelehrte an 
die einsame alte Frau, der er wahren Trost 
spendete, ja noch mehr als das, er gab ihr auch 
wirkliche Freude, denn er regte sie zu geistiger 
Thätigkeit an, indem er Alles mit ihr besprach, 
was in den Kreis seines eigenen Dichtens und 
Trachtens kam. 
Man hat den edlen Briefschreiber lächerlich zu 
machen versucht wegen dieser freundlichen Hin 
gabe an eine einsame arme Frau. Man wollte 
den Beweggrund dazu in der Eitelkeit und Selbst 
überschätzung suchen; es ist jedoch ganz unzweifel- 
haft, daß Humboldt dar schöne Bewußtsein hatte, 
der einzige Lichtpunkt in dem dunklen Leven 
seiner vereinsamten Freundin zu sein. Wie wahr 
ist der Ausspruch der Gräfin Hahn-Hahn: „Nichts 
fesselt den Menschen so innig an einen anderen, 
als das Bewußtsein, denselben bis ins Herz zu 
beglücken." Zweimal machte Humboldt der Ein 
samen auch die große Freude, ihr von Angesichr 
zu Angesicht gegenüber zu treten; die beiden 
alten Herzen genossen wehmüthig die verblichenen 
Erinnerungen ihrer Jugend zusammen, und der 
briefliche Verkehr wurde nach diesem mündlichen 
nur noch inniger.
	        

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