Full text: Hessenland (1.1887)

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erfuhren sie von einem des Weges kommenden 
Priester, daß die Hauptmasse des feindlichen 
Heeres schon wieder über den Strom zurück sei, 
die Herzöge selbst aber sich noch auf dem dies- 
seitigen (rechten) Ufer des Rheines befänden. 
Unverweilt brachen nun die beiden Grafen 
Udo und Konrad mit einer kleinen Schaar auf. 
Sie überraschten die Herzöge gerade, als sie 
nach gehaltener Mahlzeit sich beim Brettspiel 
unterhielten. Aufgeschreckt durch den unerwarteten 
Angriff, entfloh Giselbert nach dem Rhein, sprang 
in ein Boot, das aber von Flüchtlingen über- 
füllt im Strome umschlug, und ertrank. 
Eberhard dagegen setzte sich mannhaft zur 
Wehre, bis er endlich, von vielen Streichen 
getroffen, im ungleichen Kampfe erlag. Er 
starb ungebeugt und unbesiegt. Mit ihm aber 
brach auch die Vorherrschaft der Franken auf 
lange Jahre hinaus zusammen. 
Einen Herzog ernannte Otto, wenigstens für 
den ganzen Umfang des Stammes nicht mehr. 
Den fränkischen Heffengau erhielt Hermann 
von Schwaben, den Oberlahngau Udo, der fäch- 
sische scheint jetzt schon ganz losgetrennt worden 
zu sein. 
Muß man vom Standpunkte der allgemeinen 
Reichsgeschichte aus es natürlich begrüßen, daß 
Otto über die Herzöge triumphirte, so muß man 
andererseits bod) belettnen, baß (Sberljarb in 
feinem Kampfe gegen ben König den Stoben beS 
Rechts unter ben Füßen hatte; das Eine fehlte 
ihm, um in der Geschichte Recht zu behalten: 
der Erfolg. 
Dr. Hugo Brunner. 
— 
Wolnoth. 
Ein Bild aus unseres Volkes Vorzeit. 
von 
Franz Treller. 
Die Nacht war dunkel, Wolken zogen eilig 
über die Sterne hin und in den Bäumen 
sang der Wind sein eintönig Lieb. 
Da, beim nackten Hügel, der aus dem Wald 
hervorragte, beim schwachen Schimmer kaum er- 
kennbar, erhebt sich eine Hütte, rauh aus 
Blöcken aufgeführt. 
Es ist die Behausung Merwig’s des Grenz- 
wächters am Chattenlande, denn dicht bei dem 
Hügel führt in der Schlucht der Pfad herauf 
aus der Tenkterer Land, über den rauhen Wald 
in die Thäler der Chatten. 
Unruhig wars am Rhein und Main, denn 
ber Römer war mit Gewalt ins Land der 
Tankterer gefallen, hatte Männer erschlagen 
Frauen entehrt, den rothen Brand in manches 
Mannes heim geschleudert, und da wo der Main 
in den Rhein ftießt, nach seines Volkes Weise 
einen Steinwall gezogen, hinter dem geschützt, 
er feste Häuser baute und ausfallend von Zeit 
zu Zeit das Land schädigte. 
Auch chattiache Männern, die am Walde 
wohnten wo sich bie Länder scheiden, war Uebles 
geschehen, und der Chatten gewaltiger Herting 
hatte Boten an Roms Legaten gesandt, Sühne 
zu heischen für Frevel. 
Kluge Männer aber vom Rheine, wohl ge- 
sinnt dem Chattenvolke, ließen in Mattium 
künden, der Römer sammle die Legionen und 
sinne Böses dem Chattenlande. 
Wachsam mußten deßhalb die Wächter an der 
Grenze sein, da wo die Pfade ins Land führten, 
denn über Nacht konnte der Römer kommen.
        

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