Volltext: Hessenland (8.1894)

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der er mich dabei anglitzcrte, hatte etwas merk 
würdig Erweckliches. Es dauerte gar nicht lange, 
da hatte ich die Geschichte vom Julian und der 
Engclburg wieder vollständig im Sinn. Hier ist 
sie, und wenn sie dem einen vder dem andern 
lückenhaft, ungereimt oder unwahrscheinlich 
vorkommt, so versetze er sich im Geist an ein ihm 
wohlbekanntes fließendes Gewässer und lasse sich 
von dem das beste Lied dazu singen, das er je 
von ihm gehört hat. Dann werden alle Lücken 
vergehen, alle Ungereimtheiten und Unwahr 
scheinlichkeiten verschwinden, er wird hören, wie 
ich hörte, glauben, wie ich glaubte und vielleicht 
auch, und das wäre eine große Freude für mich, 
wenn die Geschichte zu Ende ist, bewegt sein, wie 
ich bewegt war, als ich durch die Wiesen des 
Herrengrundes davon wanderte, weltwärts, der 
Poststraße, dem Eisenbahugeleise, den Telegraphen 
drähten zu. — 
Der Julian und die Engelburg waren natürlich 
ein Liebespaar. Aber sie waren nicht eins von 
denen, die der Sturm zusammenwirbelt, ihn vom 
hohen Norden herunter, sie von: sonnigen Süden 
herauf, und auch nicht eins von denen, an welchen 
die ganze Verwandtschaft, ja das ganze Dorf 
seine Lust sieht, sie kannten sich vielmehr von 
frühester Jugend auf, und weit und breit war 
nicht ein Mensch, der ihnen Glück zu ihrem 
Herzensbund gewünscht hätte. Das kam daher. 
Der Julian war der älteste Sohn des tief 
verschuldeten Herrenmüllers und als solcher moralisch 
verpflichtet, ein reiches Mädchen zu heirathen, und 
die Engelburg war die jüngste Schwester eines 
armen Kleinbauern und hatte weniger Eigenes als 
eine Magd. Denn eine Magd kann fordern und 
wenn nicht anders mit gerichtlicher Hülfe zum 
Lohn für ihre Arbeit kommen, sie kannte ihres 
Bruders Geldnoth zu genau, uni ihm etwas ab 
verlangen zu können, sie liebte seine Kinder zu 
sehr, um sie noch ärmer zu machen als sie schon 
waren. Und daß sie trotzdem nicht von dem 
Julian ließ und daß trotzdem der Julian nach 
keinem Mädchen fragte als nach ihr, das ärgerte 
alle, die den Herrenmüller kannten und alle, die 
es gut mit der schönen Eugelburg meinten. Aergerte 
in Folge dessen die ganze Gegend, denn in der 
ganzen Gegend war Niemand, der nicht ein Lied 
von den Schulden des Herrenmüllers zu singen 
gewußt, Niemand, der der schönen Engelburg etwas 
Böses gegönnt hätte. Aber was half alles Aergern, 
alles Warnen, alles Rathen? Der König selber 
hätte kommen und sagen dürfen: Das Wohl des 
Landes verlangt, daß ihr euch nicht länger gut 
seid, es wäre ihnen nicht möglich gewesen, sich 
anders als freundlich anzusehen. Es war ja auch 
gar nicht anders denkbar, als daß sie sich lieb 
hatten. 
Als der Julian fein erstes Mühlrädchen ge 
schnitzelt und in deu Bach gesetzt hatte, wer war 
da mit ihm bemüht gewesen, einen kleinen Damm 
zu errichten, damit das Wasser das kleine Machwerk 
nicht fortreiße? Die kaum sechsjährige Engelburg. 
Und als die Engelburg zum ersten Mal mit iu's 
Kornschneiden mußte, wer war es da, der ihr 
die Sichel kunstgerecht schürfte? Der Julian. 
Solche erste Dienste vergessen sich nicht, auch wenn 
der, welcher sie leistet, alles andere eher als 
begehrenswerth ist; wie sollten sie da vergessen 
werden, wenn sie ein schlankes Mädchen mit nuß 
braunem, krausem Haar »ud lachenden blauen 
Augen, vder wenn sie ein Jüngling erweist, der 
alle andern Burschen des Dorfes an Körperkraft 
und trotzigem Muth überragt? Auch waren diese 
Dienste nicht die einzige Verbindung geblieben, 
welche zwischen den beiden bestand, cs war kein 
Fastnacht-, kein Kirmeßtanz gewesen, von der Zeit 
an, wo Eugelburg tanzsähig war, an dem nicht 
der eine oder andere Fremde die Frage gestellt 
hätte: „Wer ist denn jenes Paar dort im Saal? 
Das sieht ja aus wie aus einem Stück gedrechselt", 
und ihm darauf der Bescheid geworden wäre: 
„Das ist Herrenmüllers Julian und die Eugelburg 
vom Mauerhof. Die zwei thun, als wäre Niemand 
wie sie unter der Linde, aber heirathen können 
sie sich in Ewigkeit nicht." 
In Ewigkeit nicht! Warum begriffen die zwei 
nur nicht, so lange es noch Zeit war, daß dies 
Wort kein leerer Schall, daß es vielmehr von 
bitterernster Bedeutung für sie war? Warum 
drückten sie nur die Flamme ihrer Liebe nicht 
aus, als sie noch auszudrücken war? Es wäre 
ihnen vielleicht doch noch möglich gewesen, voll 
einander zu lassen, damals, als der Herrenmüller 
zum ersten Mal sagte: „Julian, bilde Dir nicht 
ein, daß Du die Eugelburg zur Frau nehmen 
könntest, die mit ihren drei Batzen kann uns nicht 
aus der Noth reißen", und als der Mauerhofer 
zum ersten Mal warnend den Finger erhob: 
„Engclburg, Du bist doch sonst so gescheit, wie 
bringst Du es fertig, den Julian zu Deinem 
Schatz zu machen? Er inuß Dich ja sitzen lassen, 
der lumpige Müllerssohn!" 
Aber da lachten sie beide bloß: „Wir denken 
ja gar nicht an's Heirathen!" und trafen sich 
Abends am Mühlbach, eigentlich nur, um sich zu 
sehen und ein wenig zu necken. 
Nun hatte es keine rechte Art mehr mit dem 
Scheiden. Nun mußten niit ihrem Liebesband 
auch ihre Herzen in Stücke reißen. Denn der 
Tag, welcher sie unerbittlich von einander trennte,
        

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