Full text: Hessenland (8.1894)

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dauernden, besonders durch Hunger und Pest ver 
ursachten Elend am 13. Juni 1636 zu erlösen, 
welche That nicht bloß heute noch in unserm 
Lamboyfest gefeiert wird, sondern auch Veranlassung 
wurde, daß ein Jahrhundert später Hanau au 
das Haus Hessen-Kassel fiel (am 18. Mürz 
1736). Amalie Elisabeth tritt auch hernach als 
Regentin von Hessen in bemerkenswerther und 
ehrenvoller Weise in der Geschichte auf. 
Als erbberechtigten Nachfolger hinterließ Philipp 
Ludwig seinen erst siebenjährigen Sohn Philipp 
Moritz, so daß auch jetzt wieder eine vormund 
schaftliche Regierung eingesetzt werden mußte. 
Ein tragisches Verhängnis; waltete über dem 
Geschlecht der Grafen von Hanau-Münzen- 
berg während der 200 Jahre ihrer Regierung. 
Nur einer derselben erreichte das Alter von 
51 Jahren, alle andern starben viel früher, die 
meisten in den dreißiger und zwanziger Jahren 
mit Hinterlassung von minderjährigen Nachfolgern, 
so daß ein beständiger Wechsel von vormund 
schaftlicher und erbberechtigter Regierung statt 
fand. Dennoch wird noch lange nach dem Er 
löschen des Geschlechts die Regierung der hanauischen 
Lande unter der Münzenberger Linie als eine 
gute und väterliche bezeichnet. Wenn dies besonders 
auch bezüglich der Zeit nach Philipp Ludwig 
und unter der Noth schwerer Bedrängnisse hervor 
gehoben wird, so darf man dies wohl zum Theil 
als eine Folge der Aufnahme der Niederländer 
betrachten. Diese, durch gewerbliche und Welt 
bildung hervorragend, von ernst religiösem Geiste 
durchdrungen und beseelt von einer durch widrige 
Schicksale gestählten Willenskraft, waren mit ihren 
Nachkommen Bürger einer freien Stadt ge 
worden, die mit ihrem Fürsten in einem Vertrags 
verhältniß lebte, wie es die damalige Zeit sonst 
nicht kannte, — mußte dies nicht in ihnen jenes 
auf Selbstachtung beruhende Ehrgefühl erzeugen, 
das beschworene Pflichten treu zu erfüllen, aber 
auch erworbene Rechte eifersüchtig festzuhalten 
sucht? Und mußte dies nicht zurückwirken auf die 
Regierung des Landes? 
Denn die Geschichte lehrt, daß mit seltenen 
Ausnahmen einem Volke diejenige Regierung zu 
Theil wird, die es verdient. 
Die schwarze Mühle. 
Eine Dorfgeschichte aus der Rhön von A. Weidenmüller. 
§ mein Heimaththal, wie schön bist Du! Ich 
sehe Dich wieder vor mir liegen, wie in den 
Tagen, da Du noch meine ganze Welt warst, 
und wieder saßt mich Dein Zauber an. Sage 
Niemand, das sei kein Wunder, eine liebe Heimath 
behalte ihren Reiz, so lange man lebe, was ich 
meine Heimath nenne, zeigt mir keine Liebe mehr, 
begehrt keine Liebe mehr von mir. Denn die 
alten bekannten Gesichter sind daraus verschwunden, 
die ehrwürdigen Bäume darin gefällt, selbst an 
den Häusern hat die nimmer rastende Fluth der 
Zeit gespült und gewühlt und hat viele mit 
genommen, von denen ich meinte, sie müßten ewig 
stehen. Auch die Mühle im Herrengrund ist 
dahingegangen. Einige kahle Mauern deuten die 
Stelle an, auf der sie gestanden hat, einige ver 
kohlte Balken das Loos, das ihr beschieden gewesen 
ist, der Mühlbach nur ist sich gleich geblieben. 
Der rauscht noch ganz wie einst und wie ich so 
an seinem Rande sitze und in die blauen Augen 
der Vergißmeinnicht hineinsehe, die unter den 
Weiden hervorlugen, da weiß ich ans einmal, 
woher cs kommt, daß mir die fremd gewordene 
Heimath doch theuer und vertraut erscheint; der 
Bach singt mir alle ihre alten Lieder. Wie die 
tönen, wie die klingen! Die Gletscherbäche wissen 
viel Geheimnißvolles zu erzählen, die Ströme 
haben Wunderdinge von Ländern und Menschen 
zu berichten, der Ozean ist eine ganze Welt 
erhabenen Gesanges, aber so deutlich wie die 
Welle des Heimathbaches sprach nie eine zu mir. 
Verstehst Du auch mich wohl noch, alter lieber 
Geselle? lind kannst Du mir eine Bitte erfüllen? 
Du erinnerst Dich gewiß noch der Geschichte von 
dem Julian unb der Engelburg, der alten merk 
würdigen Geschichte, die ich immer so gern hörte. 
Könntest Du mir die wohl einmal wieder erzählen? 
In dem Rennen und Jagen da draußen habe 
ich so manches ans ihr vergessen, Du weißt 
gewiß noch alles und weißt es ganz genau, warst 
Du doch Augen- und Ohrenzeuge fast aller ihrer 
Kapitel. 
Ich mußte über mich selber lachen, als ich dem 
Bach meine Bitte vorgetragen hatte. Wie sollte 
er sie mir denn erfüllen? Aber der gute alte 
Freund war viel klüger, als ich dachte. Er konnte 
zwar nichts als rauschen, rauschen, rauschen, aber 
die Art und Weise, in der er dies that lind in
        

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