Full text: Hessenland (8.1894)

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enthielt, ohne Wunder und Willkür, ohne Zweck 
und Absicht, und diese reine Nothwendigkeit der 
Vernunstwahrheiten war sür jene Zeit eine neue 
Entdeckung. 
An die Wiederauflebung der Wissenschaften 
knüpften sich bald Folgen von der größten Be 
deutung. Köpernikus und Kepler wagten 
es, ihre Entdeckungen und ihre der herrschenden 
Meinung widersprechenden Lehren über die Stellung 
unserer Erde im Universum zu veröffentlichen, 
Galilei begründete durch seine Experimente die 
heutige Physik, und Luther konnte die reinere 
Lehre des Evangeliums wieder zur Geltung bringen 
und durch seine unübertreffliche Bibelübersetzung 
die Herzen der Nation gewinnen. 
In hellen Haufen kamen die Helfer zu diesen! 
Reformationswerk und unter diesen als einer der 
hervorragendsten der gelehrte Melauchthvn, 
der besonders die Reform der Schulen in's Auge 
faßte. Er selbst sagt, die Reinigung aller Wissen 
schaften und Unterrichtsweisen auf hohen und 
niedern Schulen vermittelst eines zweckmäßigen 
Studiums der Alten und einer gesunden Philosophie 
sei die Aufgabe seines Lebens. In diesem Sinne 
hat er selbst viele Lehrbücher und darunter auch 
eine Bearbeitung des griechischen Mathematikers 
Euklid sür Schulen verfaßt, und seine erfolg 
reiche Wirksamkeit, der man die Lebensprinzipien 
der heutigen Gymnasien und die Gründung vieler 
solcher Anstalten zu jener Zeit verdankt, hat ihm 
den Ehrentitel: prasosptor Germaniae eingetragen. 
Dieser Zeit hoher geistiger Bewegung lag die 
Geburt und Erziehung Philipp Ludwig's nahe. 
War es nicht selbstverständlich, daß der fromme 
und hochgebildete Graf auch an seinem Theil den 
neuen Geist zu fördern suchte, der in Kirche und 
Wissenschaft gedrungen war, der aber leideren 
Folge des zerstörenden dreißigjährigen Kriegs dem 
deutschen Volke erst spät die Früchte trug, welche 
die begeisterten Reformatoren von ihrer Arbeit 
hoffen durften?! Ich kehre zum Faden der ge 
schichtlichen Erzählung zurück. 
Philipp Ludwig ließ 1605 jenen stattlichen 
alle andere Thürme der Stadt überragenden 
Schloßthurm bauen, dessen sich noch viele von 
uns erinnern, der aber in den letzten Rcgierungs- 
tagen des Kurfürsten Wilhelm II. dessen wunder 
licher Baulust zum Opfer fiel. Auch das Markt 
schiff, das noch in unseren Tagen unter Bein's 
umsichtiger Leitung in drei Stunden nach Frank 
furt und in fünf Stunden wieder zurückfuhr, 
war zu jener Zeit eine dankbar anerkannte 
Schöpfung unseres Grafen, die ihn indessen in 
ernste erst durch ein Urtheil des Reichskammer 
gerichts beendigte Streitigkeiten mit engherzig 
partikularistisch gesinnten Nachbarn verwickelte. 
Kaiser Rudolph II., der die gediegene Kenntnisse 
Philipp Ludwig's und seine seltene Einsicht 
in Staatssachen kennen gelernt hatte, ernannte 
ihn 1608 zu seinem Rath, berief ihn in wichtigen 
Angelegenheiten an seinen Hof nach Prag und 
trug ihin die ersten Würden des Königreichs 
Böhmen an, er lehnte indessen im Gefühle seiner 
Pflichten gegen sein Land und seine Familie 
dieses ehrenvolle Anerbieten ab. Jni Jahre 1608 
ging er mit ansehnlichem Gefolge nach London, 
um die Tochter des Königs Jakob I., Prinzessin 
Elisabeth, für den Kurfürsten Friedrich von der 
Pfalz, den nachherigen unglücklichen König von 
Böhmen, als Gemahlin zu werben. Nach glück 
licher Erledigung dieses Auftrags reiste er durch 
Holland nach Paris, wo er von Ludwig XIII. 
und dessen Mutter sehr ehrenvoll aufgenommen 
und mit Glückwünschen an den neu gewählten 
Kaiser Matthias beauftragt wurde. Von Nürnberg, 
wo er den Kaiser getroffen hatte, nach Hanau 
zurückgekehrt, endigte er kaum einen Monat später 
seine Lebenstage am 9. August 1612 im 36. Jahre, 
leider zu früh für die Seinigen und sein Land. 
Der Geschichtschreiber der hanauischen Grafen 
sagt von ihm im vorigen Jahrhundert: „Philipp 
Ludwig, von allen, die ihn kannten, ge 
schätzt und von seinem Lande geehrt, wurde 
wegen seines so frühen Absterbens als Freund, 
Gemahl, Vater und Landesherr vermißt und 
bedauert. Jede seinem frühen Grabe nachgeweinte 
Thräne war ein Opfer der Erkenntlichkeit für das, 
was er zum Besten so Vieler gewirkt hatte. 
Noch jetzt nennt man seinen Namen nicht ohne 
besondere Achtung und dankbare Erinnerung an 
die von ihm herrührenden Stiftungen, die eben 
so viel redende Zeugen von seiner Klugheit, Güte 
und Fürsorge sind." 
Sein Leichnam wurde unter zahlreichem Gefolge, 
worunter Kurfürsten und Fürsten, in der Marien- 
Magdalenenkirche am 23. September beigesetzt. 
Dort wurde ihm auch ein Denkmal von künst 
lerischem Werth errichtet, dem leider bei der letzten 
Restauration dieser Kirche eine nicht recht passende 
Stelle angewiesen wurde. Eine erst kürzlich wieder 
zum Vorschein gekommene, wahrscheinlich nach 
einer Todtenmaske hergestellte Büste desselben steht 
vor Ihnen. 
Er hinterließ acht Kinder, wovon hier besonders 
erwähnt werden möge Amalie Elisabeth, 
die, mit dem Landgrafen Wilhelm V. von Hessen 
vermählt, diesen bewog, unserer durch den kaiser 
lichen General Lamboy belagerten Stadt zu 
Hülfe zu kommen und sie von ihrem viele Monate
        

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