Full text: Hessenland (8.1894)

92 
deihlichsten aber werde für Förderung der Kirche 
ohne Zweifel durch die Erziehung der Jugend, 
überhaupt durch Gründling und Erhaltung guter 
Schulen gesorgt, die ja die Aufgaben hätten, die 
blühende angehende Jugend der Kirche einzupflanzen 
und zu festen Säulen des geistlichen und welt 
lichen Regiments heranzubilden. Daher fühle er 
sich veranlaßt, in der vornehmsten Stadt seiner 
Grafschaft eine gute Schule zu gründen und nicht 
allein tüchtige Lehrer an derselben anzustellen, 
sondern auch unbemittelten, aber talentvollen 
Schülern, die Llist zum Stlldiren hätten, die 
Gelegenheit zu akademischer Vorbildung zu ge 
währen. U. s. Ui." Zunächst wurde die frühere 
Stadtschule zu einer höheren lateinischen Schlile 
(Gymnasium) erweitert, worin der Unterricht von 
sechs Lehrern ertheilt wurde. Die Erweiterung 
dieser Anstalt zu einem Gymnasium illustre 
sowie den Ausbau des Schulgebäudes erlebte der 
Graf nicht mehr; beides, durch lvidrige Ver 
hältnisse insbesondere durch den traurigen dreißig 
jährigen Krieg verzögert, kam erst 1665 zur 
Vollendung, und die Erinnerung an die Feier des 
200 jährigen Jubiläums dieser Ereignisse vor elf 
Jahren wird wohl noch in Vielen von uns 
lebendig sein. 
Es dürfte hier die passende Stelle sein, einen 
Blick auf die Geistesrichtung der Zeit zu werfen, 
von welcher Philipp Ludwig ein so würdiger 
Repräsentant war. Seine Geburtsstunde lag der 
Zeit nicht fern, die man als die Grenze des 
Mittelalters und der neuen Zeit zu bezeichnen 
pflegt, sie lag noch innerhalb der Vibrationen, 
welche die refvrmatorische Thätigkeit Luthcr's 
in allen kultivirten Ländern hervorgerufen hatte. 
Aber diese kirchlich-reformntvrische Bewegung war 
nur eine besondere, freilich die am lautesten 
hervortretende Erscheinung jener Zeit. Allgemeiner 
kann ihr Charakter als Kampf gegen die 
Fesseln der Tradition bezeichnet werden. 
Im Mittelalter wurden alle Lebensverhältnisse 
und alles Denken durch die Traditio» beherrscht, 
und diese gab für alle Stände und Berufsarten 
bestimmte Regeln, feste Ideale, welche allen den 
Weg wiesen, den sic zu wandeln hatten. Die 
mittelalterliche Welt betrachtete die Dinge nicht 
in ihrer Wirklichkeit, sondern wie sie ihr von der 
Kirche überliefert waren, ihr galt daher die Ver 
herrlichung der Kirche und die Heiligung der 
Seelen so sehr als der allein wahrhaft wesentliche 
Zweck der Welt und des Daseins, daß vor ihm 
die ganze Natur zu einem an sich gleichgültigen 
Mittel herabsank, das man nur deshalb einer 
Aufmerksamkeit würdigte, weil es dem Menschen 
Nahrung, Kleidung und Arzneimittel gab. 
„Nicht aus Unkenntuiß dieser Dinge," sagt 
Eusebius, der Vater der Kirchengeschichte, von 
den Naturwissenschaften, „sondern aus Verachtung 
ist es, daß wir so klein von diesen Sachen denken 
und unsern Geist zu bessern Gegenständen wenden." 
Und wie sehr noch in der Blüthe des Mittel 
alters das Interesse der Forschung von der 
wirklichen Natur und der irdischen Welt ab- und 
der künftigen zugewandt war, sieht mau aus den 
wissenschaftlichen Hauptwerken jener Zeit. Unter 
den hunderten von Kapiteln sind nur wenige, 
welche, „von der natürlichen Wirkung der Dinge" 
überschrieben, die Naturwissenschaft umfassen, aber 
sehr viele, welche von der Rangordnung der ver 
schiedenen Himmel, von der Natur der Engel, 
von ihrer Nahrung, Verdauung und ihrem Schlafe 
nhadeln. Diese Dinge wurden mit Ausführlichkeit 
und Gründlichkeit durchgesprochen, behauptet und 
widerlegt und bildeten die Gegenstände heftiger 
ernsthafter Debatten. Die Physiologie der Engel 
war ein würdiger Gegenstand der Forschung, aber 
die Physiologie des menschlichen Körpers, dieses 
traurigen hinfälligen Kerkers der Seele, verdiente 
keine Beachtung. — Bei dieser Nichtbeachtung der 
Natur und der Gesetzmäßigkeit, die darin waltet, — 
kann man sich wundern, daß am Ende des 
Mittelalters durch Vermischung mit orientalisch 
mystischen Elementen eine wüste und abergläubische 
Naturansicht sich bildete, in welcher alles in 
Magie, Zauber- und Wünderkram sich auflöste, 
daß Zauberer und Hexen vom Staat wie von 
der Kirche verfolgt wurden und zahlreiche Hexen- 
prvzcsse noch tief in's vorige Jahrhundert hinein 
reichten? Und schlagen einzelne verspätete Nach 
klänge aus jener Zeit nicht auch heute noch au 
unser Ohr? 
Aber allmälig machte sich am Ende des 
Mittelalters der Einfluß der alten römischen und 
griechischen Klassiker geltend, die nach Be 
ruhigung der Völkerfluthen und nach Abstumpfung 
des schwärmerischen Interesses au der Eroberung 
des heiligen Landes wieder an's Tageslicht ge 
kommen und zuerst in die Einsamkeit der Klöster, 
dann aber durch Gutteuberg's Erfindung auch 
in weitere Kreise gelangt waren. Besonders die 
einfache praktische Lebensweisheit der alten Griechen 
war von tiefgreifendem Einfluß. Sie eröffnete 
eine ganz neue Welt von Gedanken und Ideen 
und weckte die schlummernden Kräfte nach allen 
Richtungen des Geistes. Neben den philosophischen 
und historischen Schriften der Alten machte damals 
auch die Mathematik der Griechen einen so 
tiefen Eindruck, wie wir ihn jetzt kaum erklären 
können. Hier sah man einen reichen Inhalt von 
Wahrheiten, der nur Folgerungen der Vernunft
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.