Full text: Hessenland (8.1894)

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Häuser, ganze Familien hatten aber ihr Mobiliar 
verlassen, viele Wohnungen mit den allerschönsten 
Hausgeräthen unter anderm. In diesem Lager 
logirten wir nebst dem Herrn Obristen in einem 
Hause, woselbst ein Prediger gewohnt, so unter 
die Rebellen gegangen. Es fand sich daselbst eine 
Bibliothek von schönen, meist englischen und 
lateinischen nebst etlichen wenigen deutschen Büchern. 
Hinter diesem Hause im Garten war ein Todtenhof, 
woselbst ein ganzer Kasten voll prächtiger silberner 
Gerüthc vergraben und in der Nacht von etlichen 
Engländern ausgegraben worden war. Ohnweit 
diesem Hause stand eine kleine Kirche, im Viereck 
gebanet; in der Mitte derselben an der Wand 
stand eine Kanzel, vor dieser der Predigerstand. 
Auf der Kanzel lagen, wie ich dies auch noch in 
mehreren Kirchen gefunden habe, etliche große 
Folianten Marterbücher, griechische und lateinische 
Beschreibungen derer Märtyrer, besonders der 
Apostel und eifriger Anhänger der Religion, 
woraus ich schließe, und nach der Hand eingezogene 
Nachrichten haben meine Muthmaßungen be 
wahrheitet, daß die Prediger ihre Gemeinden 
durch Vorstellung und Erläuterung jener Mord 
geschichten zu einer standhaften Verfechtung der 
Freiheit und dauerhaften Unabhängigkeit haben 
bewegen wollen. Ja selbst haben Prediger Rotten 
errichtet und ihre zusammengelesenen Heere an 
geführt. Wir hatten in diesem Lager verschiedene 
Unruhen, aber keine von Erheblichkeit. Den 28. 
rückten wir von da in die Gegend von . . . .*), 
von da wieder etliche Meilen in die Gegend 
Westchester (oonvio prima **), von da rückten 
wir nur einen kurzen Weg vor nach Kingsbridge. 
Hier standen wir nun vor dem Fort Washington, 
und es wurden unterstand Anstalten gemacht, den 
Feind zu begrüßen. Die Kommandos waren hier 
höchst gefährlich, es wurden unter der Hand, bem 
Feind vor der Nase Batterien aufgeworfen, woraus 
man schon muthmaßen konnte, was passiren sollte. 
Den 16. November des Morgens rückten sechs 
Regimenter, Knyphausen, Loßberg, Rall, 
Wutgenau, Huhne, Bünau, und ei» Grenadier 
bataillon aus und attaquirtcn jenes Fort unter 
dem Hauptkommando des Herrn Generals v. Knyp 
hausen, Brigaden kommandirten Herr General 
Schmidt, Oberst Rall und Oberst Huhne. 
Obschon einige Regimenter sehr viel erlitten an 
Todten und Blessirten und es fast unmöglich schien, 
dem Feind Schaden zu thun, so glückte dieser 
*) Hier hat die Handschrift eine Lücke bezüglich des 
Ortsnamens. 
**) b. h. hier wurde zum ersten Male Feldgottesdienst 
gehalten. 
große herzhafte Angriff so gut, daß binnen sehr 
kurzer Zeit das Fort übergeben werden mußte 
und bekam daher den Namen Fort Knyp 
hausen. Jeder Kenner bewundert die außer 
ordentlichen Verhacks und Verschanzungen dieser 
Festung, die schon dadurch fest war, daß sie auf 
einem hohen Berge lag, der von dem Fuß an 
mit Bäumen besetzt war, welche alle nieder in 
den Weg gehauen waren. Um die Festung herum 
waren sehr viele Batterien, Hütten, worin sie sich 
aufgehalten. Die Gefangenen, deren an 4000, 
wurden nach New-Iork gebracht, das Fort mit Schott- 
ländern beseht, und die hessischen Regimenter 
marschirten noch den Abend mit vielem Jauchzen 
in ihre Lager. Nun glaubten wir sogleich gute 
Winterquartiere beziehen zu wollen, allein die 
Regimenter marschirten zuvor wieder in's Lager, 
die Brigade des Herrn Obrist v. Huhne als 
Wutgenau, Huhne und Bünau marschirten 
in das Lager kurz hinter New-Pork, die Brigade 
des Herrn Obrist v. Loßberg als Leib- 
Regiment, Prinz Karl und Ditsurth 
stießen bei uns und blieben Hierselbst etliche Tage, 
bis wir Ordre erhielten, uns zum Embarquement 
parat zu halten. Den 25. des Morgens um 
9 Uhr marschirten die Regimenter en parade 
durch New-Pork und wurden nebst sechs Re 
gimentern Engländer, jedes Regiment aus drei 
Schiffe gebracht, ich und Herr Auditeur bei Herrn 
Kapitän Martin auf ein schottisches Schiff Clin- 
coeru. Vom 25. bis den 8. Dezember blieben wir 
auf dem Wasser und wurden auf Rhode-Jsland 
debarquirt. Es waren vor der Abfahrt von 
New-Pork alle Anstalten gemacht, um dieses Eiland 
mit Gewalt einzunehmen, allein die Rebellen 
hatten uns ohile viele Mühe Platz gemacht. Nur 
etliche Tage lagen die Regimenter noch im Lager, 
so marschirten sie in die Kantonnementsquartiere, 
der Kompagnie trug es höchstens fünf Häuser." 
Es mag hier eingeschaltet werden, daß nach einer 
Erzählung Kümmell's an anderer Stelle, auf der 
Jusel Loug-Jslaud ein großes hessisches Feld- 
lazareth errichtet worden war. „Den 26. November", 
fährt das Tagebuch fort, „rückten die sämmtlichen 
Regimenter in ihre Winterquartiere, die Loß- 
berg'sche Brigade liegt in der Stadt*) nebst 
zwei Brigaden Engländer. Diese ganze Insul 
wird in drei Gegenden oder Countrys eingetheilt, 
Town oder die Stadt, Mitteltown und Portsmouth; 
sie ist im Ganzen 15 englische Meilen lang und 
3 breit. Die Stadt, dabei ein schöner Hafen, 
*) Welche Stadt hiermit gemeint sein soll, ist leider 
nicht zu sagen, vermuthlich ist es New-Port, nach ander- 
weiten Bemerkungen zu schließen.
        

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