Full text: Hessenland (8.1894)

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ihm alsbald nach des Vaters Tod gehuldigt 
werden sollte. Bis zum Zeitpunkt seiner Allein 
regierung ordnete ihm der Landgras bewährte 
Räthe und Verwalter zu. Die bereits früher 
bestimmte Unveräußerlichkeit des Landes und der 
Kammergüter, der Stiftungen seines Vaters, be 
kräftigte er von Neuem. Seinen Sohn ermahnte 
er zur Ehrfurcht und zum Gehorsam gegen das 
Oberhaupt des Reiches, zur verfassungsmäßigen 
und brüderlichen Sorge für seine Schwestern. Die 
Vertheidigung und Erweiterung des Evangeliums 
legte er ihm dringend an's Herz, ebenso die Ver 
meidung von Streitigkeiten und Kriegshändeln. 
Für seine Beerdigung verbat er sich jegliches 
äußerliches Gepränge. Seinen Brüdern, Schwestern, 
Töchtern und Sohne vermachte er sein an einer 
goldenen Kette zu tragendes Brustbild. Dieses 
Testament (1586) war von 7 Zeugen, auf jeder 
Seite vom Landgrafen, als dem Testator, unter 
zeichnet. Dreißig Tage nach seinem Tode sollte 
dasselbe in Gegenwart des Landgrafen Moritz, 
der fürstlichen Brüder, sämmtlicher Hof- und 
Landräthe und Beamten eröffnet werden und zur 
unweigerlichen Befolgung der Nachfolger, die fürst 
lichen Brüder, die Ritter und Räthe ermahnt 
werden. 
Werfen wir nun zum Schluß noch einen Blick 
auf das innere Familienleben des Landgrafen 
Wilhelm. Seine Gemahlin, Sabina, älteste Tochter 
des Herzogs Christoph von Württemberg, lebte 
mit ihm in glücklicher fünfzehnjähriger Ehe. 
Dieselbe zeichnete sich durch große Mildthätigkeit 
aus. So errichtete sie die Stiftung der freien 
Hof-Arznei, nicht nur für Angehörige des Hofes 
und fürstlicher Gäste, sondern auch für alle Armen 
und Hülfsbedürftigen der Hauptstadt. Auf dem 
Schlosse zu Rotenburg starb sie in den Armen 
ihres Gemahls. Zeugniß von ihrer großen Be 
liebtheit gab der Trauerzug, in welchem ihr die 
Unterthanen des Landgrafen von Rotenburg bis 
zur St. Martinskirche in Kassel das Geleit gaben. 
Zum zweiten Male hatte sich der Landgraf in 
Folge eines gethanen Gelübdes nicht wieder ver- 
heirathet. Aus seiner Ehe entstammten elf Kinder; 
von diesen überlebten Wilhelm außer seinem 
Sohne Moritz vier Töchter, von denen die älteste, 
Anna Maria, an Ludwig von Nassau, die zweite, 
Hedwig, mit Ernst von Schaumburg lind die 
jüngste, Christine, mit Johann Ernst III. von 
Sachsen-Eisenach vermählt wurde, die dritte 
Tochter, Sophie, starb unvermählt. Während 
der Landgraf die Erziehung seines Sohnes selbst 
in die Hand nahm, übergab er seine Töchter 
einer kinderlosen Schwester der Landgräfin in 
Marburg zur Erziehung. Zum Lehrer seilles 
Sohnes wurde auf Vorschlag der Landesuniversität 
ein jlinger Rechtsgelehrter, Tobias Homberg, 
Sohn eines Bürgers zu Homberg, genommen. 
Hofmeister wurde Blirkard von Calenberg, nach 
diesem H. L. v. Harstall; der Religionsunterricht 
wurde durch Kaspar Cruciger aus Wittenberg, 
Anhänger der reformirten Lehre, ertheilt. Dra 
matische Spiele und Fechtübungen ordnete der 
Landgraf selbst an. Bei einer jeden Reise des 
Landgrafen mußten ihm von seinem Sohne latei 
nische Berichte zugesandt werden über seinen 
Gesundheitszustand, seine Studien. Im Jahre 
1584 bestand Moritz vor den Lehrern der Landes- 
universität seine glänzende Prüfung in den alten 
Sprachen, in Poesie, Logik, Ethik, Geschichte und 
Theologie; seine Urtheils- und Gedächtnißkraft, 
seine geistreichen Antworten erregten die Be- 
wunderung aller Anwesenden. 
Seinen letzteil Geburtstag, den sechzigsten, 
feierte Landgraf Wilhelm aus dein Schlosse zu 
Schmalkalden mit seinem Bruder Ludwig und 
dessen Gemahlin. Kurz vor seinem Tode be 
sichtigte Wilhelm noch die Schlösser Ziegenhain, 
Spangenberg und Homberg, und kehrte dann 
nach Kassel zurück. Hier starb er nach einem 
gegen ärztlichen Rath gebrauchten Bade und einer 
Spazierfahrt am 25. August 1592 a. St. Jhnr 
folgte als Nachfolger sein Sohn Moritz. 
Rtf-i' 
Aus dem Tagebuch eines hessischen Feldpredigers im 
amerikanischen Krieg. 
Von Otto Gerland. 
(Schluß.» 
§ en 22. des Morgens wurden wir aus Boten 
im Kanal gefahren und in New-Rochelle 
abgesetzt, blieben die Nacht unter freiem Himmel 
und marschirten den andern Tag iu's Lager bei 
New-Rochelle ohnweit der großen Armee. Wir 
hatten hier den Feind um uns herum, lind mllßteil 
daher die Regimenter sehr auf der Hut sein. 
Man fand in diesen Gegenden wenig bewohnte
        

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