Full text: Hessenland (8.1894)

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Wilhelm I V.. der Weise. Landgraf von Hessen. 
1567 — 1592. 
Von H. M e tz. 
«Schluß.) 
Qfïür Bildhauerei und Malerei hegte Landgraf 
W Wilhelm IV. ein großes Interesse. Sein 
Hofmaler Meister Kaspar reiste behufs bild 
licher Darstellung damaliger Fürsten für den 
goldenen Saal des Schlosses weit umher. Von 
verschiedenen Fürsten wurden dem Landgrafen 
Bilder ihrer Vorfahren und Verwandten überreicht ; 
Franz Hotomann übersandte ihm nach der Pariser 
Blnthvchzeit die Bilder Coligny's, Andolot's, 
Condo's und Heinrichs von Navarra. Seine 
Kunstkammer enthielt seltene und kostbare Geräthe. 
Auf dem Gebiete der mathematischen Wissen 
schaften fehlte es dem Landgrafen nicht tut tiefem Ver 
ständnisse. Besonders auf dem Gebiete der 
Astronomie hat er Großes geleistet. Auf der un 
vollkommenen, vor seinem Schlosse gelegenen Stern 
warte mit beweglichem runden Dache beobachtete 
er die Fixsterne, Planeten unb Kometen, er be 
stimmte die Polhöhe von Kassel auf 51° 9', 
von neueren Berechnungen nur um 10 " ab 
weichend. Unter seiner Leitung verfertigte der 
Astronom Jost Byrgi zwei Himmelskugeln sowie 
eine astronomische Uhr mit der Himmelskugel nach 
dem System des Ptvlemävs. 
Einen handgreiflichen Beweis von Wilhelm's 
Klugheit zeigen seine in verschiedenen Jahren auf 
gesetzten Testamente. Bereits im dritten Jahre 
seiner Regierung machte Landgraf Wilhelm ein 
solches (23. November 1570). Da er damals nur 
zwei Töchter hatte, so ernannte er für den Fall 
eines nachgeborenen Sohnes den Kurfürsten von 
Sachsen, den Herzog von Württemberg und seinen 
Bruder Ludwig zu Ober-Vormündern, einige Räthe 
zu Regenten. Seiner Gemahlin übertrug er in 
diesem letzten Willen die Hauptleitung der Er 
ziehung und der Familienangelegenheiten. Sein 
Wunsch war, daß, falls er ohne männlichen Erben 
sterben sollte, Landgraf Ludwig Niederhessen, einer 
der jüngeren Brüder Oberhessen, ein anderer die 
Grafschaft Katzenellnbogen als Erbtheil über 
nehme. Am 26. März 1576 errichtete Landgraf 
Wilhelm ein neues Testament. Zu dieser Zeit 
waren ihm zwei Söhne geboren. Der ältere' 
Moritz, geboren 25. Mai 1572, sollte allein die 
Regierung übernehmen. Behufs Einführung des 
Erstgeburtsrechts sprach er den Grundsatz aus, 
daß Niederhessen, um bei hergebrachten Landcs- 
grenzen die Würde eines Fürstenthums, seine innere 
und äußere Selbstständigkeit zu behaupten und 
die Pflichten gegen das Reich zu erfüllen, ohne 
äußeres Verderben nicht mehr getheilt werden 
dürfe. (Rominel.) Seinen Erstgeborenen, Moritz, 
ernannte er zum Universalerben und alleinigen 
Regenten, dem zweiten Sohne, Christian, behielt 
er die Nachfolge vor, falls der ältere ohne männliche 
Leibeserben sterben sollte. Zu seinem Unterhalte, 
wenn er das 25. Lebensjahr erreicht habe und 
dann nicht mehr am Hofe seines Bruders leben 
wolle, wurden die Herrschaften und Aemter von 
Schmalkalden, Herrenbreitungen, Landeck, Vach, 
Frauensee, Friedewald, Haunek, Plesse und Gleichen, 
Heringen bestimmt. Zu diesen Landschaften kamen 
nach dem Tode Philipp's II., Landgrafen zu Rheinfels, 
(1583) die Diezischen Aemter, welche demselben 
auf Lebenszeit eingeräumt waren, mit allen 
Nutzungen, hoher und niederer Obrigkeit, doch 
ohne Landfolge, Geleite und Steuer (Reichs-, 
Land- und Ehestener). Den bereits ernannten 
Ober-Vormündern fügte er seinen Bruder Georg 
hinzu. Der ältere Sohn wurde angewiesen, nicht 
ohne Rath und Vorwissen seines abgefundenen 
Bruders ¿u handeln, falls wichtige, gefährliche, 
Land und Leute betreffende Sachen in den zum 
Lebensunterhalt überwiesenen Gegenden vorkommen 
sollten. Als Zeitpunkt der Majorennität wurde 
für den Erstgeborenen das zwanzigste Jahr fest 
gesetzt. Der jüngere Sohn Christian starb am 
9. November 1578. In Folge dessen Ablebens 
entstand am 25. Juni 1586 ein drittes Testament, 
worin der Landgraf seine Anordnung über die 
Untheilbarkeit seines Fürstenthums und über das 
Erstgeburtsrecht bestätigte. Die früher angeordnete 
Ober-Vormundschaft wurde aufgehoben, da Moritz 
bereits das 15. Lebensjahr angetreten hatte und
        

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