Full text: Hessenland (8.1894)

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Die 15 Gebäude der Wilhelmstraße und Dechanei 
sind erst von dem Fürsten von Oranien erbaut 
worden. 
Die Promenade setzt sich zum Schloßplätze 
fort. Die Hauptwache ist unverändert geblieben. 
Das jetzige Damenstift bestand ans drei getrennten 
Häusern, das mittlere hieß die Kemnate, ein 
Haus für die Frauen, weshalb die vor deni 
Stift herunterziehende Straße Kemnatengasse hieß. 
Hier und an dem Häuserkomplex nach der Ritter 
gasse zu stand im Mittelalter die Burg des 
Grasen von Ziegenhain, des Schirmvogtes der 
Abtei. Der jetzige Bouifatiusplatz, an dessen 
Standbild damals noch nicht gedacht wurde, hieß 
der Dienstagsmarkt. Das jetzige Leihhaus war 
die Münze, worin die trefflichen Fuldaer Münzen 
und Medaillen geschlagen wurden, nachdem das 
Metall vorher in der alten Krätzmühle oder 
Kratzmühle, der jetzigen Filzfabrik, gereinigt worden 
wär. Gegenüber der Münze liegt das dem 
Geheimrath von Brack gehörige, jetzt Simon'sche 
Haus. Die beiden vom Fürstabte von Buttlar 
erbauten Häuser am Eingang der Hauptstraße, 
jetzt Hôtel Kurfürst und alter Bürgerverein, 
dienen den adeligen und Negierungsbeamten zur 
Wohnung. Das jetzige Landrathsamt ist von 
dem Freiherrn von Stein zu Altenstein erbaut; 
in dem großen Sitzungssaale fanden damals 
Tanzvergnügen der feineren Gesellschaft statt. 
Ein solcher feiner Ball ist im siebenjährigen 
Kriege einmal arg gestört worden. 12 000 Mann 
Württemberger und 1500 Manu französische 
Kavallerie, ein vom Herzog Karl von Württem 
berg befehligtes französisches Hilfskorps, hatten ein 
Lager unter dem Schulzenberge am Münsterfelde 
aufgeschlagen. Es war damals wie jetzt, wenn 
Manöver ist, die Offiziere suchten sich auch mit 
der Damenwelt Fuldas zu amüsiren und hatten 
am 30. November 1759 im Saale des Alten- 
stein'schen Hauses einen Ball arrangirt. Die 
Damen erschienen im festlichen Putze mit ge 
puderten Haaren in der damaligen Rokoko-Mode; 
da kam plötzlich die Nachricht, daß die preußischen 
Husaren unter deni Erbprinzen Ferdinand von 
Braunschweig das Lager angegriffen hätten. Sie 
versprengten das ganze Korps, und mit dem 
Balte war es aus. Es ist aber noch oft und 
auch im Jahre 1793 daselbst getanzt worden. 
Musik und Tanz war von jeher in Fulda zu 
Hause. Weikard, der Eingangs meines Vortrags 
zitirte Arzt, schreibt in seinen Fragmenten aus 
dem Fuldaer Land: „Die Fuldaer haben Anlage, 
Liebe und Gehör zur Musik. Dieses Musikgehör 
hat auch seinen Einfluß auf das Tanzen. Es 
sind vielleicht wenig Städte, wo ein Haufen 
junger Leute von mittlerem Staude seine Menuets 
und Englische so ordentlich wegtanzt, als es in 
Fulda geschieht. Ebendies gilt auch von Offizianten, 
Höfbedienten u. s. w. Hierin thun sie es dem 
Adel zuvor." Der damals aufkommende Walzer 
war noch nicht beliebt, er galt als aufregend 
und anstrengend. 
Im Schlosse selbst sah es zu jener Zeit ganz 
anders ans wie jetzt. Im Mittelbau befand 
sich ebenerdig rechts die fürstliche Hofkapelle. Das 
zweite und dritte Stockwerk bestanden nur ans 
großen Empfangs- und Speisesälen. Die beiden 
oberen Geschosse der vorderen Seitenflügel wurden 
vom Fürsten bewohnt. In den unteren Stock 
werken und im zweiten Hofe wohnten die zahl 
reichen adeligen Hofbeamten. Der schöne Marstall 
enthielt viele edle Pferde; die jetzt leer stehenden 
Remisen enthielten die Hof- und Staatskarossen, 
Reisewagen u. s. w. Die jetzige Realschule war 
das fürstliche Jagdzeughaus, zwischen diesem und 
dem Hofküchengarten war das Heerthor. In dem 
kleinen, im Garten stehenden Hause am Viehmarkt 
war die fürstliche Porzellanfabrik, wo aus der 
von der Abtsrodaer Kuppe im Rhöngebirge 
bergmännisch gewonnenen Erde das feine Fuldaer 
Porzellan geformt wurde, das gegenwärtig noch 
ebenso hoch geschätzt wird wie das alte Meißener 
und Sövres-Pvrzella». Die obersten großen 
Gebäude, wo jetzt von den Herren Gebr. Seum 
ein Leinengeschäst betrieben wird, bildeten die 
Kaserne für das Fuldaer Militär. Der Hof- 
küchengarten und die umfänglichen Stall- und 
Oekvnomiegebäude gingen bis zum israelitischen 
Friedhofe, der damals außer der Stadt lag, und 
bis zur jetzigen Turnhalle. Das große Arnd'sche 
Haus in der Schloßstraße war damals ein ein 
stöckiger Stall für Esel und Maulthiere, welche 
im Sommer die Lebensmittel und Bedürfnisse 
der Badebesucher nach dem Kurorte Brückenau 
zu bringen bestimmt waren. 
Kehren wir zu unserer Hauptstraße zurück, 
welche sich bei den Buttlar'schen Häusern in die 
Friedrichstraße fortsetzt, die damals Schmiedgasse 
hieß, vermuthlich von den Schmieden, die früher 
daselbst wohnten. Schmiede, Schlosser und Wagner 
waren in jener voreisenbahnlichen Zeit selbst 
verständlich die besten bürgerlichen Geschäfte, zumal 
in einer Residenzstadt mit prunkvoller Hof 
haltung ! 
Von den Häusern, welche in der Schmiedgasse 
und sonst in der Stadt jetzt stehen, sind wenige 
in der ursprünglichen Gestalt erhalten. Das 
Sippel'sche Hans neben dem alten Bürgerverein 
war das Vizedomamt, das Berta'sche Wachs- 
geschäft ein adeliges Haus, welches der Hofmarschall
        

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