Full text: Hessenland (8.1894)

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Hausen, der auch unsere Zeitschrift viele vortreffliche 
literarische Beiträge verdankt, aus der Feder unserer 
hessischen Schriftstellerin Frau Elisabeth Mentzel 
in Frankfurt a. M. ist in Nr. 5 des „Hessen 
landes" vom 3. März 1892 enthalten', aus das 
wir hier zu verweisen uns gestatten. 
Die Um baut eil im Königlichen Theater 
in Kassel, welche im vorigen Jahre begonnen 
worden sind, werden voraussichtlich in Kürze wieder 
aufgenommen und in diesem Sommer zu Ende 
geführt werden. Da die bevorstehenden Arbeiten 
sich dem Vernehmen nach hauptsächlich aus den 
Zuschauerraum erstrecken, so dürsten dabei wohl 
auch die Wünsche des Publikums einige Berück 
sichtigung finden, zudem dieselben größtenteils 
nur auf die Beibehaltung der seitherigen Aus 
schmückung gerichtet sind. Die Farben, in denen 
das Innere des Königlichen Theaters gehalten ist, 
Weiß mit Gold und Roth, machen einen so freund 
lichen Eindruck und sind für die Theaterbesucher 
ein so gewohnter Anblick geworden, daß eine 
Aenderung in denselben sehr schmerzlich empfunden 
würde. Man betrachtet diese Farbenzusammen 
stellung gewissermaßen als etwas Erb- und Eigen 
thümliches, von dem man auch fernerhin nicht ab 
lassen möchte. Ebenso wünschenswert wäre es 
auch, die Art beizubehalten, in welcher der jetzige 
Vorhang ausgeführt ist, da dieselbe von einem besonders 
seinem künstlerischen Geschmack Zeugniß ablegt. In 
den aus den Papieren eines verstorbenen kurhessischen 
Offiziers veröffentlichen „Hessischen Erinnerungen" 
(Kassel, 1882. Verlag von G. Klaunig) befindet 
sich auch eine Abhandlung über die verschiedenen 
Kasseler Theatervorhänge, in der es u. a. heißt: 
„Die Hauptzierde eines jeden Theaters ist die 
große Gardine, welche die Bühne schließt und 
öffnet und den unendlichen Zauber eines Theaters 
mit allen seinen Veränderungen, Ueberraschungen 
und Täuschungen magisch verhüllt. Mit Recht 
wird daher eine besondere Kunst aus diesen mäch 
tigen Vorhang verwendet, welcher die ganze Bühnen 
welt hinter sich verbirgt. Den Vorhang im alten 
Theater zu Kassel vor 1821 kann ich mir nicht 
mehr vergegenwärtigen; ich kenne nur eine kleine 
Handskizze des damaligen Proszeniums bei offener 
Bühne, von Joh. Heinrich Tischbein sen. en gouache 
gemalt. Der Vorhang seit 1821 war eine hell 
grüne glatte Fläche mit einer fünf Fuß hohen 
reichen Goldborde und schweren Crepinen, den 
Mittelpunkt der großen Fläche aber bildete eine 
mächtige goldene Lyra in einem kreisrunden goldenen 
Lorbeerkranze. Merkwürdig ist es, daß man biefeu 
Vorhang später, als er übermalt war, in der Er 
innerung den blauen nannte, und daß dies selbst 
Generaldirektor Feige mir gegenüber zu behaupten 
versuchte. Ich bin aber doch meiner Sache gewiß 
und gebe nur zu, daß er für manche AugenAlau 
geschienen haben mag, wie denn gewisse Schatti- 
rungen in Grün des Abends bei Lampenlicht 
bla lì erscheinen und umgekehrt. Im Jahre 1827 
war die uni-grüne Fläche dieses Vorhangs stellen 
weise schadhaft mld fleckig geworden, und so wurde 
Friedrich Beut her, der damalige Hoftheater 
maler für architektonische Prachtdekorationen, be 
auftragt, einen neuen Vorhang zu malen, womit 
sich das Publikum plötzlich überrascht sah. Dieser 
neue Vorhang war von dunkelrother Grundfarbe 
mit breiter Goldborde am llnteren Rande und 
einem viereckigen Goldrahmen auf der Mittelfläche, 
mit sehr geschmackvollen Theatermasken reich ver 
ziert. Im Mittelpunkte des Rahmens erblickte 
man, von einem goldenen Lorbeerkrauze umgeben, 
die unvermeidliche goldene Lyra, das gemeinschaft 
liche Symbol der Dichtkunst und der Musik. Bei 
aller Schönheit der einzelnen Ornamente konnte man 
sich doch niemals mit diesem Vorhang im Ganzeìl 
befreunden, weil der große Goldrahmen aus weicher 
Gardinenfläche einen nicht zu überwindenden Eindruck 
von Härte und Steifheit machte. Erst in den fünfziger 
Jahren wurde das Theater im Innern wieder 
neu übermalt, und der inzwischen abgenutzte rothe 
Vorhang mit dem gegenwärtigen (inzwischen auch 
wieder entfernten) vertauscht, welcher einen 
grauweißen Seidenstoff in reichen Falten mit schöner 
Goldspitze am unteren Rande darstellt und be 
sonders gelungen den Goldschatteìì der breiten 
Tresse wiedergiebt. - Ein Vorhang, welcher empor 
gezogen und nicht zur Seite geschoben wird, ist 
immer eine schwierige Aufgabe. Die Malerei muß 
doch immer dem Zweck entsprechen; vertikale faltige 
Gardinen, wie man sie in der: meisten Theatern 
gemalt findet, könnten aber in Wirklichkeit nicht 
auf- und abgelasseìì werden, deshalb bleibt eine 
glatte, saltenlose Gardine mit schönen Verzierungen 
gleich Stickereien doch immer am schönsten, weil 
am richtigsten." 
So weit die „Hessischen Erinnerungen". Der 
gegenwärtig iu Gebrauch befindliche weiß unb rothe 
Doppelvorhang, welcher vom Verstorbenen könig 
lichen Dekorationsmaler Harke gemalt ist, macht, 
wie bereits Eingangs bemerkt, einen künstlerisch 
vornehmen Eindruck und dürfte bei einer etwaigeìì 
Erneuerung füglicherweise zum Muster genommen 
werden. 
Universitätsnachrichten. Der außerordent 
liche Professor für Mathematik an der Universität 
Marburg Dr. Eduard Study ist an die Univer 
sität Bonn berufen worden. Er steht gegenwärtig iu
        

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