Full text: Hessenland (8.1894)

81 
* 
An einem klaren Junimorgen saß Agnese in 
der Halle, beschäftigt ein Hemdlein für Klein- 
Tankmar zu nähen. Neben ihr im hochlehnigen 
Armsessel schlief der kleine Mann, erschöpft vom 
fröhlichen Herumtollen mit seinen beiden Schwestern, 
welche jetzt, als gesittete kleine Burgfräulein, durch 
Großmama den ersten Unterricht im Stricken 
empfingen. Selbst in dem kühlen Raume machte 
sich die drückende Wärme des Tages fühlbar. 
Agnese nahm die schwere Wittwenhaube mit der 
Schneppe vom Kopfe, weich legte sich ihr volles 
dunkles Haar um die weiße Stirn. Sie erhob 
das Haupt beim Eintritt ihres Schwagers, der 
wie betroffen an der Thür stehen blieb. 
Sie deutete schweigend auf das schlafende Kind, 
Eckebrecht kam heran und setzte sich ihr gegenüber, 
ein daliegendes Zeitungsblatt zur Hand nehmend. 
Der Inhalt fesselte den Leser offenbar nicht, denn 
wieder und wieder schweiften seine Blicke zu der 
Frau hinüber, die ihm heute dem Leben zurück 
gewonnen erschien. 
„Agnese," sagte er plötzlich, „ich will das un 
natürliche Band der Ehe, das mich an Alice 
kettet, lösen." 
Erschreckt fuhr die Angeredete empor, sich mit 
der Hand auf den Tisch stützend, blickte sie ihr 
Gegenüber mit großen, entsetzten Augen an. 
„Das willst Du Dir, Deinen Kindern, Deiner 
Mutter und Eurem tadellosen Namen anthun?" 
„Ich gebe in dieser Frage nur einer Stimme 
Gehör, Agnese, und diese redet durch Deinen 
Mund." 
„Wohl," entgegnete sie, schon gefaßter, „was 
wolltest Du Deinen Kindern erwidern, wenn sie 
nach ihrer Mutter fragen, welch' giftigen Zweifel 
würdest Du in ihre jungen Herzen senken! In 
der Reihe unserer Ahnen würde man auf das 
Bild der schönen Frau im Goldhaar zeigen und 
auf das Deine, und mit Achselzucken geschieden' 
flüstern. Niminer würde Tankmar seine Zu 
stimmung zu solchem Schritt gegeben haben, deß 
bin ich gewiß." 
„Aber Du, Agnese?" 
„Ich? Du würdest mir damit den Wirkungs 
kreis nehmen, der mich beglückt. Du mußt Dir 
selbst sagen, daß meines Bleibens in Deinem 
Hause nicht sein kann, sobald Du einen Schritt 
zur Einleitung der Scheidung thust." 
„Aber Du würdest dahin zurückkehren als 
Herrin," forschte er, gespannt seinen Blick auf 
den Ausdruck ihrer Züge richtend. 
„Niemals", antwortete sie bestimmt und ruhig. 
„Du beleidigst mich mit solcher Frage, wo noch 
der Trauerschild für meinen Gatten über dem 
Portal hängt." 
„Die Verhandlungen werden eine gerauine 
Zeit in Anspruch nehmen, die berechtigten Zeichen 
äußerer Trauer werden längst von diesem Hause 
herabgenommen sein, bis ich Dich fragen dürfte, 
ob Du wieder hineinziehen willst. Kannst Du 
denn nicht in Deinem Herzen die Erinnerung 
an die Gefühle unserer Jugend auferwecken, 
Agnese, liebe kleine Agnese?" 
„Nein, Eckebrecht, sie sind zertreten, gestorben, 
aus ihrem Grabe entstand die reine, unsterbliche 
Liebe, die auch der Tod nicht scheiden kann. Und 
wäre es anders, ich könnte doch nimmer gut 
heißen, was gegen Gottes Gebot streitet." 
„Das Gesetz giebt dem Manne die Freiheit 
zurück, den seine Frau böswillig verläßt." 
„Das Gesetz in unseren! Herzen, das Gewissen, 
urtheilt anders. Was hast Du gethan, um 
Deiner Frau Liebe zurückzugewinnen und ihr 
den Weg zur Wiederkehr zu ebnen?" 
„Alice hat, was sie wünschte, die Abwechselung 
und die Genüsse einer großen Stadt, sie bedarf 
unserer nicht zu ihrem Glücke." 
„Du thust ihr Unrecht. Weil sie keinen anderen 
Vertrauten hier fand, bat sie Jlsabe um Nach 
richt von den Kindern. Du gehst in allen Dingen 
von Dir selbst aus und beurtheilst auch Andere 
so, wie es in Deinem Interesse liegt. Durch die 
Raschheit und Ungleichmäßigkeit Deines Wesens 
hast Du auch in Deiner Ehe viel verdorben, 
suche es wieder gut zu machen. Wie Fingerzeige 
Gottes kamen Euch die äußeren Umstände ent 
gegen. O, wenn Tankmar's stummer Mund 
reden könnte!" 
Bei Nennung seines Namens erwachte Klein- 
Tankmar. Noch schlaftrunken die Aermchen aus 
streckend sagte er: „Tante Annete, Tankmar will 
artig sein, damit die liebe Mama kommt, für 
die ich alle Abend bete: Ich bin klein, mein 
Herz ist rein." 
Die Händchen in einander faltend, blickte der 
Knabe zu seinem irdischen Vater auf, als stände 
bei diesem die Erfüllung aller seiner Wünsche. 
Eckebrecht schloß den Knaben stürmisch in seine 
Arme; sein erregtes Gemüth bedurfte einer Ab 
leitung. Liebkosend strich das Kind über des 
Vaters Wange und frug: „Kommt sie bald, die 
schöne Mama?" Agnese wartete Eckebrecht's 
Antwort nicht ab, geräuschlos verließ sie den 
Raum. — 
Beim Mittagessen sagte die Wittwe: „Ich 
habe mich entschlossen, nach Ablauf des Trauer 
jahres Münikerode zu beziehen. Es ist verkehrt, 
dort unter der Obhut fremder Menschen die 
alten Unordnungen einreißen zu lassen," 
„Ich kann Dir nur Recht geben, meine Tochter,"
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.