Full text: Hessenland (8.1894)

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Den Schweiß von der Stirn wischend, trat er 
in die kühle Halle des Hauses. Die sorgsame 
Gattin brachte ihm alsbald einen Labetrunk. 
Während er sich daran erfrischte, stattete er seiner 
Mutter Bericht ab über den Fortgang der Ar 
beiten. Die Kinder, welche seit dem Frühling 
sich in Welsen ganz zu Hause fühlten, um 
schmeichelten den Ohm, ihn bittend, sie auf dem 
Leiterwagen mit hinaus auf's Feld zu nehmen. — 
Da tönten plötzlich in diese Feierstunde dumpfe 
Glockenschläge von Olsberg herüber, in gemessenen 
Zwischenräumen sich wiederholend. 
„Großer Gott!" rief Tankmar aufspringend, 
„das ist Feuerläuten. Ich niuß augenblicklich 
hin, denn Hülfe wird Noth thun, alle rüstige 
Mannschaft ist' draußen auf den Feldern." Der 
herbeieilenden Agnese reichte er mit seinem Ab 
schiedsgruße die Hand. „Schicke mir von den 
Knechten, was erreichbar ist. Siehst Du, Rauch 
und Flammen kann man hier deutlich aufsteigen 
sehen, lebe wohl!" 
Dahin schritt er, Agnese blickte ihm nach voll 
Stolz und Liebe. Kaum war es noch bemerkbar, 
daß der kraftvollen Gestalt ein Gebrechen an 
haftete. 
Tankmar löste den Kahn vom Lande und mit 
wenigen Ruderschlägeu trug ihn derselbe zum 
jenseitigen Ufer. 
Rasch befolgte die Zurückbleibende ihres Mannes 
Anordnung, dann trieb innere Unruhe sie hinaus 
auf den Altan, wo sie das Wachsen und Sinken 
der Gluth beobachten konnte. Jetzt flammte der 
Giebel des brennenden Hauses hoch auf, um 
gleich darauf mit weithin schallendem Geprassel 
zusammenzustürzen. Gellendes Geschrei begleitete 
den Einsturz, und dann war es einen kurzen 
Augenblick tvdtenstill, wie wenn ein lähmender 
Schrecken jeden Ruf zurückdrängte. 
„Es ist ein Unglück geschehen", sagte Agnese 
laut für sich, dann faltete sie ihre Hände und 
sandte ein Gebet zum Himmel für die Betroffenen. 
Eine Uuheilskunde braucht keinen geebneten 
Pfad, sie pflanzt sich fort von Mund zu Munde, 
sie schwirrt durch die Luft, auf Flügeln des 
rauschenden Windes kommt sie zu dem Betheiligten. 
Die junge Baronin wußte nicht, woher sie es 
vernommen, daß ihr Gatte schwer verletzt von 
der Brandstätte getragen sei. Wie sie ging und 
stand, war sie fortgelaufen, auf keinen Fergen 
wartete die geängstete Frau, sie selbst setzte im 
Nachen über den Strom. Alsbald stand sie neben 
der Tragbahre, auf welcher man den Baron 
sorgsam gebettet hatte, um ihn als sterbenden 
Mann in die Burg seiner Väter zurückzuführen. 
Das Leben eines Kindes rettend, stand er noch 
oben auf der Brandleiter, als durch den Sturz 
des Giebels diese das Gleichgewicht verlor und 
der Herunterstürzende eine Verletzung am Rück 
grat erlitt. Der herbeigerufene Arzt konnte 
wenig Hoffnung geben. Fast schmerzlos war der 
Verunglückte bei klarem Bewußtsein, nur ver 
sagten ihm die Glieder den Dienst. 
Langsam bewegte sich der Trauerzug Welsen 
zu. Agnese, die Tankmar mit freudigem Auf 
leuchten der Augen begrüßt hatte, hielt seine 
Hand in der ihrigen, zu sprechen vermochte sie 
nicht vor tiefer, schmerzlicher Bewegung. 
„Liebling," flüsterte der Kranke, als er, auf 
seinem Lager gebettet, ihr Antlitz über sich ge 
beugt sah, „für die kurze Frist, die mir noch 
auf dieser Erde vergönnt ist, gehe nicht von mir. 
Wenn ich Dich nur sehe, den Druck Deiner 
Hand empfinde, bin ich ruhig und getrost." 
So blieb sie an seiner Seite. Wo anders hätte 
sie auch Ruhe gefunden. Die bekümmerte alte 
Mutter, der herbeigerufene schrecklich bestürzte 
Bruder, sie kamen und gingen, Tankmar nahm 
Abschied von ihnen, und dann waren die beiden 
wieder mit einander allein. Was sie sprachen, 
Niemand hat es belauscht. Stunde für Stunde 
hielt Agnese treue Krankenwacht, bis des Gatten 
Hand in der ihrigen erkaltete und das Herz auf 
hörte zu schlagen, das ihr in grenzenloser Liebe 
zugethan gewesen. 
X. 
Ein neuer Sommer war angebrochen. Ecke 
brecht von Münikerode hatte seinen Wohnsitz nach 
Welsen verlegt, welches ihm nach des Bruders 
Tode als Eigenthum zugefallen war. Auf sein 
und seiner Mutter Bitten versah Agnese nach 
wie vor die Pflichten der Hausfrau. Der große, 
eingreifende Schmerz verlieh ihrem Wesen etwas 
Würdevolles, Ernstes, übrigens zeigte sie sich un 
verändert, ja mitunter vernahm man wieder ihr 
Lachen unter den jubelnden Stimmen der Kinder. 
Der Oberst hatte zwar seiner Gemahlin den 
Wechsel der Verhältnisse durch den Trauerfall 
mitgetheilt, aber kein Wort der Aufforderung zu 
ihrer Rückkehr hinzugefügt. Alicens Antwort 
schreiben steckte Eckebrecht sehr mißmuthig ein, 
ohne Jemandem etwas von seinem Inhalte mit 
zutheilen. Die Baronin mochte nicht mit Unrecht 
vermuthen, daß seine wieder erwachende Jugend 
liebe mehr und mehr ihr getrübtes Bild ver 
drängte, jetzt wo Agnese sich ganz ihm und den 
Kindern widmen konnte. Dieser Brief blieb un 
beantwortet, und somit stockte die ohnehin spär 
liche Korrespondenz gänzlich. —
        

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