Full text: Hessenland (8.1894)

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der Neustadt aus ihrer Mitte 32 Personen 
wähleu sollten, aus welchen der Graf zwei Bürger 
meister und zehn Rathsglieder wähleu wollte, ein 
gräflicher Stadtschultheiß sollte dann an der 
Spitze der Räthe bezw. Städte stehen. 
Es kann nicht meine Absicht sein, hier auf 
die Geschichte des Aufbaus der neuen Stadt, 
dessen sich der Graf mit jugendlichem Eifer, als 
Seele des Ganzen, rathend, vermittelnd und 
helfend annahm, näher einzugehen. Ich erwähne 
nur Einzelnes. 
Schon gleich mit Anfang des Jahres 1579 
begannen die Vorbereitungen. Es wurde die 
Mittagslinie bestimmt, um der Stadt eine solche 
Lage zu geben, daß die längeren Straßen 
genau von Osten nach Westen, die kürzeren von 
Norden nach Süden liefen. — In den Stadt 
plan fielen 380 Morgen. Für die Bauplätze 
wurde eine Taxe festgesetzt, die je nach der Lage 
60—200 fl. für den Morgen betrug. — 
Im Jahre 1600 werden 47 Wallonen und auch 
47 Holländer als Hausbesitzer aufgeführt. Das 
erste Haus, das vollendet wurde, erhielt den 
Namen Paradies, das zweite war die H o ff n u n g, 
und wie diese so haben noch viele andere Häuser 
aus jener Zeit ihre Namen bis heute behalten, 
svdaß sich viele Hanauer besser nach diesen 
Häusernamen als nach den Straßennamen zu 
vrientiren wissen. — Bis zum Jahre 1648 
waren 474 Bauplätze verkauft, denn es ließen 
sich später außer den Niederländern auch noch 
viele andere in der neuen Stadt nieder. — 
Der Grundstein der Kirche mit ihren beiden 
Abtheilungen wurde in Gegenwart vieler Fürst 
lichkeiten ain 9. April 1600 gelegt. Die Mittel 
zu ihrem Bau mußten wesentlich durch Beitrüge 
der Gemeindeglieder beschafft werden, weshalb 
der Bau nicht sehr rasch fortschreiten konnte. 
Am 29. Oktober 1608 wurde die erste Predigt 
darin gehalten und zwar in der wallonischen 
Abtheilung. — Am 27. Juni 1609 fand das 
erste Begräbniß auf dein neu angelegten Todten- 
hof der beiden Gemeinden statt. 
Auch ein Hospital wurde 1603 von Hektor 
Schelhens fundirt, das Anfangs in der Frauk- 
Ohm m 
Erzählung von C. vo 
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Reicher Erntesegen stand ans den Ackerfeldern 
rings um Welsen. Alle Hände waren beschäftigt die 
reife Frucht einzuheimsen, hier und da schwankten 
furter Gasse sich befand, später in die Leinen 
gasse verlegt wurde, wo es sich jetzt noch befindet. 
Den ersten Rang unter den Gewerben bei 
Gründung der Neustadt nahmen die Bursatmacher, 
Posamentire und Verfertiger von Seidenband 
ein, beiten sich die Seidenfürber anschlössen. Nach 
ihnen kamen die Tuchmacher, für welche der 
Graf die Walkmühle anlegte. Auch Roth 
und Weißgerbereien, Strumpswirkereien und Tabaks 
fabriken werden als vorhanden aufgeführt. Der 
Tabaksbau soll damals auf den umliegenden 
Feldern sehr stark betrieben worden und der 
hanauische Tabak in ganz Europa bekannt ge 
wesen sein; manche Fabriken sollen etliche hundert 
Personen beschäftigt haben. Auch die Bijvuterie- 
und Silberfabriken zählten zu den ersten Gewerben 
der Neustadt. Der Juwelier Isaak Pleusenhvl 
gehörte zu den hervorragendsten Gründern. Er 
hatte mit dem vornehmen Handelsmann Paul 
Pels die Aufsicht über den Kirchenbau. — Der 
heute so bedeutende Holzhandel Hanaus wurde 
damals durch die Verbindung der haitauer Handels 
leute mit ihren holländischen Stamm-und Glaubens 
genossen begründet. 
Unter den vielen Männern der beiden Ge 
meinden, die durch ihren Gemeinsinn und ihre 
Opferfreudigkeit unsere Hochachtung verdienen, 
werdeit in den Schriften aus jener Zeit drei 
ganz besonders gehoben: Peter t Kindt, einer 
der beiden ersten Bürgermeister und Erbauer des jetzt 
dem Herrn Bornes gehörigen Hauses, Nikolaus 
Heldewier, Mitglied des Stadtraths, der sich 
besonders durch kräftige llnterstützung des Kirchen 
baus verdient machte lind das halbe Ouartier 
zwischen der Einhornapotheke und der früheren 
Leisler'schen Teppichfabrik baute, und Peter 
Schelhens, Mitglied des Stadtraths und Stifter 
des Bürgerhospitals, der das ehemals Tvnssaint'sche 
Haus am Markt erbaute. Sie waren Gründer 
in einem anderen Sinne, als dies Wort leider 
heute oft genommen wird, Gründer, welche neben 
Zeit und geistiger Kraft freudig Tausende opferten 
zum Wöhle ihrer Mitbürger und zur Erhaltung 
ihres Glaubens. 
(Schluß folgt.) 
l Onkel. 
D i n ck l a g e - C a m p e. 
iß.) 
bereits hochgeladene Garbenfuder den Scheunen 
zu. Tankmar von Münikervde beaufsichtigte 
seine Arbeiter selbst, hier den Fleißigen lobend, dort 
den Lässigen zit rascherer Thätigkeit antreibend.
	        

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