Full text: Hessenland (8.1894)

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Pflicht, die wir dem hiesigen gemeinen Wesen 
überhaupt schuldig sind. . . . Wer weiß nicht, 
daß die zu stark angewachsenen Reformirten den 
größten Handel und Wandel an sich gezogen ? 
Wer mißkennt die darüber schon längst und jetzo 
noch von der anderen Kaufmannschaft geführten 
Klagen? Wem ist es unbekannt, daß die best 
gelegenen Häuser, Lüden und Waarenlager in 
ihren Händen? Wer kann in Abrede stellen, 
daß ihre Glaubensgenossen nunmehr fast in alle 
Handwerke eingedrungen und die in so großer 
Menge hier befindlichen Reformirten den her 
kommenden einem ganzen Handwerk fast gemein- 
sam würdenden Nutzen vor sich allein genießen?" 
Nachdem sodann gesagt ist, daß die Reformirten 
zilr Erlangung der völligen llebermacht in der 
Republik nichts weiter abgehe als eine Kirche in 
der Stadt, fährt die Schrift fort: 
„Diese eminente Praerogatio können und wollen 
wir besagter alter Bürgerschaft nicht begeben. . . . 
Geschieht dieses, so vergrößert sich ihr Haufen 
über die andere Bürgerschaft, sie ziehen den 
Ueberrest der Nahrung vollends an sich und be 
nehmen den alten Einwohnern die Kräfte, sich 
empor zu halten und zur Verwaltung der Stadt- 
ämter sich und ihre Kinder zu qualifiziren u. s. w." 
Wenn auch tu dem kleinstaatlich gegliederten 
Deutschland des vorigen Jahrhunderts ein eng 
herziger, auf Selbstsucht und Mangel an freiem 
staatsmännischem Urtheil beruhender Partiknlaris- 
mus vorherrschend war, so dürfte sich doch wohl 
selten ein öffentliches Dokument aus jener Zeit 
finden, das ihn so rücksichtslos bekennt und so 
nackt als den Grund religiöser Unterdrückung 
hinstellt, wie diese Schrift der Obrigkeit einer 
Republik. 
Anders dachte und handelte schon anderthalb 
Jahrhunderte früher unser Gras Philipp Ludwig. 
Schon im Jahre 1593 wurde eine Anzahl aus 
ihrem Vaterlande geflüchteter Niederländer, welchen 
die Aufnahme in Frankfurt verweigert worden 
war, in Hanau aufgenommen. Sie hielten ihren 
Gottesdienst in der „Blauen Hand" in der 
Metzgergasse. Als hierauf 1594 Adolph de 
Ligne, Mitglied der wallonischen Gemeinde und 
Bürger und Kaufmann in Frankfurt, mit einer 
Aachenerin sich verheirathet hatte und sich einer 
dessalls ihm zuerkannten Strafe nicht unterwerfen 
wollte, zog er ebenfalls nach Hanau und erwirkte 
hier, daß seiner Gemeinde eine Kirche, anfangs 
die Schloßkapelle und dann die Hospitalskirche, 
überwiesen itnb ein französischer Prediger an 
gestellt wurde. So ward, wie wir sogleich sehen 
werden, die ängstliche Sorge der frankfurter 
Bürger für die Verheirathung ihrer Töchter eine 
der Ursachen der Gründung unserer Neustadt. 
Denn als bald darauf die beiden niederländischen 
Gemeinden in Frankfurt wiederholt den Stadt- 
rath um Gestattung der öffentliche!: Uebung ihres 
Gottesdienstes gebeten hatten, aber abschläglich 
beschieden woren waren, unter Bedrohung der 
betreffenden Deputation, sie in den Katharinen 
thurm stecken zu lassen, beschlossen sie, nach Hanau 
überzusiedeln, wo sie wahrscheinlich schon vorher 
die Aufnahme zugesichert erhalten hatten. 
Am 27. Januar 1597 legte ihnen der Graf 
Philipp Ludwig einen von Nikolaus Gillet 
ausgearbeiteten Plan vor, nach welchem er neben 
seiner Residenzstadt Hanau eine neue Stadt an 
legen und auf seine Kosten die Gräben, Wälle, 
Thore und Zugbrücken ausführen, auch einen 
Schifffahrtskanal vom Main bis an die neue 
Stadt ausgraben lassen wolle, wenn sich eine 
hinreichende Anzahl Niederländer verbindlich mache, 
in dieser Stadt Häuser zu bauen. Es unter 
schrieben sofort 58 Personen die Erklärung, 
Häuser, zum Theil mehrere, zu bauen, und es 
wurden für den Unterlassungsfall Strafen fest 
gesetzt. Daneben erklärten 144 Personen, in die 
neue Stadt überziehen zu wollen. 
Wohl legte jetzt der frankfurter Stadtrath 
dem Unternehmen mancherlei Hindernisse in den 
Weg, und man kann sich bei den engherzigen 
Ansichten der Zeit nicht wundern, daß auch der 
Rath der alten Stadt Hanau Bedenken ähnlich 
denen des frankfurter Stadtraths dem Grafen 
vorbrachte, aber aller dieser Gegenwirkungen 
ungeachtet, schloß der Graf am 1. Juni 1597 
einen den Namen Kapitulation führenden 
Vertrag mit den Niederländern ab. Darin ver 
spricht der Graf den Bewohnern der neuen 
Stadt gegen Verpflichtung der Treue gegen den 
Landesherrn und die Gesetze seinen Schutz, gesteht 
ihnen freie öffentliche Uebung ihres Gottesdienstes, 
freie Wahl ihrer Kirchenvorsteher, Prediger und 
Lehrer, außerdem Handels- und Gewerbefreiheit, 
zwei Wochenmürkte und viele andere Privilegien 
zu, die zum Theil im Laufe der Zeit ihre Be 
deutung verloren haben oder, wie z. B. die 
Militärfreiheit, geänderten politischen Verhält 
nissen weichen mußten. Auch gestattete er die 
Aufnahme einiger Bürger der neuen Stadt in 
den Stadtrath. — 
Diese Kapitulation wurde durch einen weiteren von 
den nämlichen Personen abgeschlossenen und unter 
schriebenen Vertrag vom 1. August 1601, Trans 
fix genannt, zum Theil abgeändert und erweitert. 
Insbesondere wurde darin der neuen Stadt ein 
besonderer Stadtrath zugestanden, dessen Einsetzung 
in der Art angeordnet wurde, daß die Bürger
        

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