Volltext: Hessenland (8.1894)

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ließ. So mit ungewöhnlichen Kenntnissen und 
gereiftem Urtheil ausgerüstet, trat er 1596, 
zwanzig Jahre alt, die Regierung seines Landes 
an und vermählte sich noch in demselben Jahre 
mit Katharina Belgica, einer Tochter des 
Prinzen Wilhelm von Oranten, welche Ver 
bindung wohl nicht ohne Einfluß auf die Theil 
nahme war, die er den um ihres Glaubens 
willen aus ihrer Heimath vertriebenen Nieder 
ländern schenkte, und die zur Gründung der 
Neustadt Hanau führte. 
Um die Veranlassung zu diesem wichtigsten 
Ereigniß während der Regierung unseres Gasen 
übersichtlich darzustellen, muß ich in der Zeit 
etwas zurückgehen. 
Die Niederlande, zum Theil von Holländern, 
zum Theil von französisch sprechenden Wallonen 
bewohnt, waren zur Zeit Kaiser Karl's V., in 
dessen Besitz sie sich befanden und der von 1516 
bis 1556 regierte, zu hoher Blüthe in Industrie 
und Handel gelangt, und der rege Geist ihrer 
Bewohner hatte sich auch an die informatorischen 
Bestrebungen Luther's, Calvin's und Zwingli's 
angeschlossen, aber Kaiser Karl, der in Deutsch 
land wegen des Widerstandes der Fürsten die 
Ausbreitung der neuen Lehre nicht hindern konnte, 
verfolgte sie in seinen Erblanden mit den härtesten 
Strafen. Wer überwiesen wurde, ketzerische Lehren 
verbreitet oder auch nur den geheimen Zusammen 
künften ihrer Anhänger beigewohnt zu haben, 
wurde zum Tode verurtheilt, mit dem Schwert 
hingerichtet oder verbrannt, Frauen selbst lebendig 
begraben. Und diese Urtheilssprüche konnte auch 
ein Widerruf nicht aufheben, sondern höchstens 
eine gelindere Todesart bewirken. Nach G r o t i u s 
sollen während der Regierung dieses Kaisers 
100600 Menschen auf diese Art in die Hand 
des Henkers gefallen sein. Diese Verfolgung ver 
anlaßte schon 1547 eine Auswanderung von 
Wallonen und Holländern nach England 
(unter Eduard III.). Als aber auch dort nach der 
Thronbesteigung der Königin Maria (1553) die 
protestantische Lehre verfolgt wurde, begaben sie 
sich mit einer großen Anzahl gleichgesinnter Eng 
länder nach Deutschland und zwar ein Theil 
derselben nach Frankfurt a. M. Die Eng 
länder kehrten indessen schon 1558 nach der Thron 
besteigung der Königin Elisabeth in ihr Vater 
land zurück. 
Die Flüchtlinge kamen aber auch in F r a n k- 
surt nicht zur Ruhe. Anfangs zwar wurden 
ihnen in der Meinung, daß sie gleichen Glaubens 
seien, Kirchen für Abhaltung ihres Gottesdienstes 
überwiesen, aber als man merkte, daß sie in 
Zeremonien und einigen Punkten der. Glaubens 
lehre abwichen, daß sie Resormirte seien, ordnete 
der lutherische Stadtrath die Schließung ihrer 
Kirchen an, bis sie Prediger anstellen würden, 
die von den lutherischen Stadtpfarrern examinirt 
seien. Weder die Verwendung M e l a n ch t h o n 's 
noch die des Landgrafen von Hessen noch ein 
Gutachten der Marburger theologischen Fakultät 
vermochte diesen Beschluß zu ändern. In jenem 
Gutachten heißt es: „Wer erachtet es unbillig, 
dem Artikel vom Nachtmahl abermals in's Elend 
zu stürzen; der Bekenntnisse der beiderseitigen 
Glaubensmeinungen wären einander gleich, Gottes 
Wort und den ersten Kirchenlehreu gemäß, die 
Zeremonien der Niederländer seien dem Worte 
Gottes und der Einrichtung der ersten Kirche 
ähnlicher als jene der frankfurter Gemeinde, 
man verwundere sich, daß über so kleine Gegen 
stände ein so großer Streit geführt werde." 
Die Zählung der Niederländer ergab zu dieser 
Zeit 2036 Glieder beider Gemeinden; jetzt aber 
verließen viele von ihnen die Stadt, die meisten, 
um nach England zu gehen, das ihnen und ihren 
Landsleuten, die später folgten, zum großen Theil 
den mächtigen Aufschwung seiner Industrie ver 
dankt. Die in Frankfurt Zurückgebliebenen hielten 
ihre religiösen Zusammenkünfte in dürftigen ge 
mietheten Lokalen. 
Nun ereignete es sich aber im Jahre 1593, 
daß der holländische Prediger Gomarius eine 
Nicht-Frankfurterin zur Frau nahm und darum 
vom Stadtrath abgesetzt wurde, weil ein frank 
furter Statut, in väterlicher Sorge für seine 
weiblichen Insassen, nur das Heirathen von Ein 
heimischen gestattete. Da die Holländer die An 
stellung eines anderen Predigers verweigerten 
und vier Mitglieder abwechselnd Vorträge hielten, 
wurde dies Letztere vom Stadtrath untersagt und 
der Betsaal geschlossen. Auch wurde zu derselben 
Zeit der wallonischen Gemeinde die Anstellung 
eines Predigers abgeschlagen. 
-Daß alle diese Bedrückungen weit weniger in 
religiösem Eifer und Ernst als in Berücksichtigung 
sehr weltlicher selbstsüchtiger Interessen ihren 
Grund hatten, geht aus einer Vertheidigungs 
schrift des Stadtraths hervor, die im Jahre 1751 
erschien, zu welcher Zeit die Niederländer zwar 
wieder Bethüuser, aber ohne Thürme und Glocken 
haben durften. In dieser, die den Titel „Kirchen 
geschäfte von den Resormirten in Frankfurt" 
führt, wurde unter anderm Folgendes gesagt: 
„Wir wissen Gottlob, was die Liebe des Nächsten 
erfordert, aber auch, daß die wahre Liebe von 
sich selbst anfängt, der wahre Grund aller unserer 
diesfalls mißfälligen Handlungen liegt in dieser 
natürlichen ersten, und sodann in derjenigen
        

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