Full text: Hessenland (8.1894)

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unsere Marschroute eilte Meile nach Wildstadt, 
einem kleinen Dors, das gar leer von Häusern, 
in welchett Offiziers logiren konnten, und logirte 
ich mit Herrn Auditeur in der Mühle, wo wir 
gut bewirthet wurden. Bei dem Herrn Pastor 
Pelius wurden Nachmittags alle Offiziers ge 
speist und voit lauter Pvrzellaiu servirt. Am 
27. marschirten wir nach Bremerverden*), einem 
Städtchen an der Oste, hier hatten wir alle 
gute Quartiere und waren vor eine geringe 
Zahlung gut bewirthet. Den 28. nach Bederkesa, 
zwei Meilen von Bremer-Lehe, vier Meilen von 
Ritzebüttel; ich hatte daselbst mein Quartier bei 
der Wittwe Jung. Der dasige Landdrvst, Herr 
von Grote, gab den Stabsoffiziers, Kapitäns, 
Auditeur, Regimentsqnartiermeister iinb mir den 
28. und 29. grand soupe, wobei auf blosem 
Wachstuch ohite Tischtuch gespeiset wurde. Die 
ganze Tafel war mit vielen Blumen, porzellainenen, 
zinnernen und anderen Zierrathen ausgeschmückt. 
Der Herr Landdrost war sehr fidel, und seine 
fünf Tochter von besonderer Schönheit und Höf 
lichkeit machten sich mit sämmtlichen gegenwärtigen 
Offiziers recht lustig. Den 5 ¿0. marschirten wir 
in die Kantonnementsquartiere. Das Regiment 
wurde in das Land Wursten, eitle Meile von Ritze- 
büttel, verlegt. Der Stab hatte das Malheur, 
nach Nordholz, einem elenden Dors, verlegt zu 
werden. Hier mußten sich die Offiziers, den 
Chef ausgenommen, in den elendesten Hütten, 
>vo man kaum strack stehen konnte, behelfen. 
Es wurde aber unser Wunsch, nicht lange daselbst 
uns aufzuhalten, erfüllt, indem wir Sonntags 
deit 2. Juni Ordre erhielten, uns am 3. nach 
Ritzebüttel zur Musterung zu verfügen. Um 
6 Uhr marschirte das Regiment, nachdem sich die 
Kompagnien beim Stab versammelt, ab und 
kamen um 7 Uhr an den Hafen. Es wurde 
also zuerst eine Kompagnie Konstabler in 
Gegenwart des englischen Oberste» Fawcitt, 
des hessischen Generallientenants von Kn-yfi 
tz aus en, der die zweite Division hessischer 
Truppen kommandirt, iinb des hessischen Muste- 
rungskvmmissarius Oberstlieutenant Schlemmer 
vom St ein'scheu Regiment gemustert und vom 
Herrn Auditeur Steuber an die Krone Eng- 
land verpflichtet, darauf das H tt y tt e 'sche und 
Stein'sche Regiment und das Köhler'sche 
Grenadierbataillon von ihrem Auditeur, sodann 
die Jäger von Herrn Auditeur Steuber." 
Wir müssen hier erst einmal innehalten, um 
selbst eine kleine Musterung der Regimenter vor 
zunehmen. Jedes Marschregiment bestand aus 
*) Bremervörde. 
fünf Kompagnien und einer Abtheilung Regiments 
artillerie. Die erste Kompagnie hieß die Leib 
kompagnie und gehörte dem Regimentskom 
mandeur. Als Inhaber der zweiten, dritten und 
vierten Kontpagnie, sowohl bei dem Regiment 
v. Huhne als bei dem Regiment v. Benning 
nennt Kümmell gleichmäßig je den Oberst Kurze, 
Major Hildebrand und Major Martini, 
während die fünfte Kompagnie keinen Inhaber, 
sondern nur einen Kompagnieführer hatte, bei 
Huhne nach einander die Kapitäns Wagner, 
Schalter und Sonne born, bei Benning 
nur Sonneborn. 
Es ist hier auch der Platz, um auf eilte Folge 
der dvppelteit Verpflichtung der Truppen gegen 
den Landgrafen und die Krone England hin 
zuweisen; diese zeigte sich im Kirchengebet, das 
im Anschluß an das in der Heimath übliche 
folgendermaßen lautete: 
„O allmächtiger, barmherziger Gott, Vater 
unseres Heilandes Jesu Christi, der Du uns- 
in Deinem Worte befohlen, Dich in dem 
Namen Deines Sohnes anzurufen, mit der 
gnädigen Verheißung, daß was wir in feinem 
Namen bitten werden, Dtt »ns geben wollest, 
wir kommen auf solchen Befehl ztt Dir uitd 
danken Dir zuvörderst vor die Gnade, die Du 
uns jetzt zu Anhörung Deines Wortes gnädig 
verliehen hast, und Bitten Dich herzlich, Dü 
wollest solches tief in unser Herz drücken, 
damit es bei uns Frttcht bringe, zu Deines 
Namens Ehre und unser aller Seligkeit. Laß 
es uns immer der Leitstern sein ans unserm 
Weg. Erhalte uitd vermehre bei uns die 
Liebe zum Christenthum. Die ganze christliche 
Kirche sammt ihren Dienern, Wächtern und 
Hirten wollest Du stets mit Deinem heiligen 
Geiste regieren, sie bei der Weide Deines 
reinen, ohnverfälschten und allein selig 
machenden Wortes erhalten, damit unser Glaube 
gegen Dich gefördert, die Liebe gegen alle 
Menschen wachse und zunehme uitd also das 
Reich Deiner Herrlichkeit immer mehr auf 
Erden ausgebreitet werde. Wir bitten Dich 
auch für die Mächte der Erde, die Du zu 
Regenten über Dein Volk gesetzet hast. Nimm 
in Deinen göttlichen Schutz der Briten König 
nebst dessen ganzem Königlichen Hause. 
Benedeie seine Regierung, gieb Glück zu seinem 
Anschlag und guten Unternehmen, segne seine 
Waffen wider seine Feinde und kröne sie mit 
erwünschtem Glück iinb Segen. Bewahre 
unsern Landesfürsten ttttb das ganze hessische 
Haus und beschenke es mit Segen aus der 
Höhe. Starker Zebaoth, von welchetn heilige
	        

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