Volltext: Hessenland (8.1894)

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schleunigst trauen, meist leider, nachdem sie zuvor 
hatten Kirchenbuße thun müssen. Die Soldaten 
rückten nämlich mit Weib und Kind in den 
Krieg. Aus einem Zettel über Bücher, welche 
Kümmell an den Lieutenant von Knoblauch 
in Amerika verborgt hat, ersehen wir, daß er 
u. a. die Briefe, Fabeln und vermischten 
Schriften von Geliert sowie den „Versuch über 
die menschliche Natur" von L. Sterne mit 
genommen hatte. Endlich erfolgte, wie bemerkt, 
am 7. Mai der Ausmarsch. „Wir rückten", 
erzählt Kümmell, „diesen Tag bei schönem Wetter 
unter wehmüthigem Geschrei vieler Leute aus, 
gingen über Wabern nach Gudensberg, woselbst 
ich mit Herrn Auditeur Steuber bei der Frau 
Bürgermeister Möllerin logirte. Den folgenden 
als den 8. marschirte das Regiment gerade durch 
Kassel auf Jmmenhausen, ich aber blieb noch 
einige Stunden mit Herrn Auditeur in Kassel 
bei Herrn Lizentiat Faber und machte mit diesem 
und einigen guten Freunden eine Exkursion nach 
Wilhelmsthal, nahmen den Garten und die 
sehenswürdigen Sachen in Augenschein und folgten 
dem Regiment bis Jmmenhausen. Hier logirten 
wir beide nebst Heren Regimentsquartiermeister*) 
bei Herrn Stadtkämmerer Junck. Den andern 
Morgen früh setzten wir unsere Reise fort über 
Gieselwerder. Auf Lippoldsberg logirten wir 
bei dem Herrn Pfarrer Schmincke. Hier hatte 
das Regiment Rasttag. Den 11. ging der Marsch 
auf Uslar, eine kleine Stadt im Hannoverschen. 
Hier logirte ich allein bei Herrn Pastor Primarius 
Köhler und besuchte des Nachmittags den Herrn 
Amtmann Brunsing, der fast die sämmtlichen 
Offiziers speisete und einen Ball gab. Auch hier 
hatte ich und das Regiment gute Quartiere. 
Den 12. kamen wir nach Dassel, einem Hildes- 
heim'schen Städtchen. Der dasige zweite Prediger- 
Schmidt hielt auf Bitten des Generals**) in der 
Kirche eine Predigt über Psalm 18, Vers 53, 
54 am Rasttag." Dieser Text lautet: „Und er 
leitete sie sicher, daß sie sich nicht fürchteten, aber 
ihre Feinde bedeckte das Meer. Und brachte sie 
in seine heilige Grenze, zu diesem Berge, den 
seine Rechte erworben hat." „Am 13. setzten wir 
unsere Reise weiter fort und nahmen Quartier:, 
der Stab nebst zwei Kompagnien in Eschershausen 
einem kleinen Flecken im Braunschweigischen. Ich 
und Herr Auditeur hatten unser Quartier bei 
ft Dies ist vermuthlich der Regimentsquartiermeister 
Kleinschmidt beim Regiment v. Ben»ing, mit dem 
Kümmell allein in den einschlagenden geschäftlichen Be 
ziehungen stand und ihn deshalb auch allein erwähnt. 
**) Wohl der noch öfters zu nennende General 
Martin Konrad Schmidt, 
dem Bäckermeister Herrn Mahlmann, wobei wir 
aus das Beste abermals bewirthet wurden. Wir 
marschirten den 14. von da wiederum in das Hanno 
versche nach Hagen, woselbst die Quartiere sich um 
ein Merkliches vergeringerten. Das Regiment rückte 
den anderen Tag weiter fünf Stunden nach 
Hachmühlen, ich aber ritt nach Rinteln, wo ich 
denselben Tag als auf Himmelfahrt des Nach 
mittags um 2 Uhr dahin kam, mußte aber, weil 
die Thore verschlossen, bis 3 Uhr vor dem Osterthor 
halten." Hier besuchte Kümmell einen Bruder 
und einen Freund, den Rektor Wiegand, welche 
ihn anderen Tags bis Rodenbcrg begleiteten, 
„wohin das Regiment von Hachmühlen marschirt 
war. Hier hatte ich recht gutes Quartier, meine 
beiden Gäste wurden von meinem Wirth nebst 
anderen guten Freunden sehr gut bewirthet. Den 
19. ging unser Marsch über Hohnhorst, den 
Geburtsort unseres Herrn Auditeurs, nach Hagen- 
burg, vhnweit dem Steinhuder Meere in der 
Grafschaft Lippe-Bückeburg. Daselbst hatte ich 
mein Quartier bei dem dasigen Pastor Herrn 
Merkel, bürtig aus Rinteln. Der Herr Pastor 
war im vorigen Kriege*) Feldprediger bei dem 
Grafen von Bückeburg**) gewesen und beschenkte 
inich mit seinem Regimentskelch von Goldblech. Den 
20. zogen wir über Neustadt an dem Leinberg***), 
einem kleinem Städtchen im Hannoverschen, 
nach Stöcken in eben der Landschaft; weil diese 
Tour außerordentlich stark, so hatten wir viele 
Kranke. Auf den Rasttag, als den 21., wurde 
ich von Herrn Pastor Volcker Hierselbst nebst dem 
Herrn General Schmidt und anderen Offiziers 
zur Tafel gezogen. Bei Herrn Hofgrebe Tospan 
war Musik. Den 22. gingen wir über die 
Hameler Heide, die zwei Stunden lang, nach 
Rethem, einem kleinen Städtchen im Hannoverschen, 
mein Quartier war Hierselbst bei Herrn Zoll- 
einnehmer Zoll, der im vorigen Kriege als Kom- 
missarius mit gewesen und mir davon Vieles zu 
erzählen wußte; er bewirthete mich bestens. Den 
anderen Morgen marschirten wir nach Verden. 
In dieser Stadt lagerte das ganze Regiment 
v. Huhne und das Grenadierbataillon Köhler; 
es gefiel allen so wohl, daß wir gewünscht, lange 
Zeit da unsern Aufenthalt zu haben. Allein wir 
mußten den anderen Tag als den 24. Mai 
wiederum drei Meilen marschireu nach Otters 
berg, einem kleinem Flecken in diesem Land. 
Am 25. war Rasttag. Den 26. nahmen wir 
*) Im siebenjährigen Kriegs 
**) Graf Wilhelm von Bückeburg. dem berühmten Heer 
führer auf Seiten Friedrich's des Großen; dem auch die 
hessische Artillerie unterstellt gewesen war. 
""ft Dies wird Neustadt am Nübenberge fein sollen.
        

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