Full text: Hessenland (8.1894)

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Präsidenten, Herrn von Veltheim; auch hat sie 
Ehren- und ordentliche Kunstin itglieder und 
ihre Fonds. Dessinateure lehren die Anfänger, 
und jährlich werden Preise jeder Kunst ausgetheilt. 
Ihren Sitz hat sie in der Bildergalerie. Jeder 
Schüler kann auch von ihrem schönen, reichen 
Vorrath durch Zeichnen Gebrauch machen. Der 
Landgraf läßt einige für jede Kunst, auch für 
andere damit verwandte Künste ihm als würdig 
empfohlene Genies nach Frankreich und Italien 
reisen. Der dadurch verbreitete schöne Geschmack 
zeigt sich auch unter den Handwerkern Kassels, 
von welchen Schreiner, Schlosser, Steinmetzen, 
Weißbinder in ihrer Art Künstler sind, das heißt 
hier Handwerker mit Künstlergeschmack, weil sie 
zeichneten und zeichnen können. Den Gärtner von 
Genie und Geschmack setze ich höher hinauf, wie 
des Landgrafen vortrefflichen Schwarzkopf auf 
dem Weißenstein. Er ist Baumeister einer schönen 
Natur auf Bergen, in Thälern und Ebenen der 
Vertraute des Baumeisters und Malers und 
Nntnrkündigers. 
(Schluß folgt.) 
Aus dem Tagebuch eines hessischen Feldpredigers im 
amerikanischen Krieg. 
Von Otto Gerland. 
^Wei dem Interesse, das die Thaten unserer 
Jl) Vorfahren in Amerika jetzt finden, werden 
Ost auch wohl den Lesern dieser Blätter die 
nachfolgenden Mittheilungen nicht unwillkommen 
sein, welche ich einer im Archiv des Vereins für 
Hennebergische Geschichte und Landeskunde zu 
Schmalkalden aufbewahrten und mir vorn Vor 
stand dieses Vereins ans das Liebenswürdigste 
zur Verfügung gestellten Handschrift entnehme. 
Es ist dies ein Oktavbuch, in welchem ein hessischer 
Feldprediger seine Erlebnisse gelegentlich des 
amerikanischen Krieges theils in Form eines 
Tagebuches, theils in Gestalt von Bemerkungen 
über seine seelsorgerische Thätigkeit niedergelegt 
hat, und welchem noch einige interessante Bei 
lagen, wie Gehaltsquittungen, das Formular zum 
Kirchengebet, die Verrechnung der Opfergelder 
u. s. w., beigefügt sind. Es mögen alle diese 
Niederschriften, welche einzeln, wie es der Augen 
blick mit sich brachte, dem Buch einverleibt 
wurden, hier, soweit es anging, in eine gewisse 
Reihenfolge und Ordnung gebracht, folgen, und 
wenn auch die Mittheilungen über den Marsch 
von Hessen bis zum Meere fast vollständig wieder 
gegeben werden, so geschieht dies, weil sie zum 
Theil kulturgeschichtlich interessante Angaben ent 
halten, zeigen, wie man damals marschirte, 
und endlich, weil wir daraus ersehen, wie der 
Marsch fast ausschließlich auf das hannoversche 
Gebiet beschränkt und wie die Truppe überall 
freundlich aufgenommen wurde. Eine systema 
tische Darstellung des Krieges giebt uns der 
Verfasser des Tagebuchs natürlich nicht. 
„Quo me fata trahunt sequar u . 
Zuerst einige Worte über den Verfasser selbst. 
Es ist dies Heinrich Kümmell*), welcher in 
der damals hessischen Stadt Vacha als Sohn des 
dortigen zweiten Predigers Adam Friedrich 
Kümmell am 6. Dezember 1753 geboren war 
und zu Rinteln und Marburg studirt hatte. 
„Im Jahr 1776 wurde ich", erzählt er in 
seinem Tagebuch, „bei Ueberlassung der hessischen 
Truppen in englischen Sold zum Feldprediger 
bei den beiden Regimentern v. Huhne und 
v. Bünau gnädigst ernannt und den 7. Februar 
dazu nebst fünf meiner Kollegen ordinirt. Den 
8. März bin ich von Singlis, wo ich mich vor 
her aufgehalten, nach Ziegenhain zum Huyne'schen 
Regiment gezogen und hielt mich daselbst auf, 
bis den 5. Mai Ordre kam, den 7. zu marschiren." 
Dies Regiment war vorzugsweise aus Oberhessen 
rekrutirt. Kümmell erhielt nach den vor 
handenen, in englischer Währung aufgestellten 
Berechnungen seiner Gehaltsbezüge ein „monat 
liches Traktament" von 6 — 120 Mark oder 
jährlich 1440 Mark, 1 J? monatliche Fourage- 
vergütnng — 240 Mark jährlich und eine 
monatliche Menagevergütnng von 3 £* = 720 
Mark jährlich, so daß er im Ganzen 2400 Mark 
erhielt. Da er Fouragevergütung erhielt, so 
müssen wir annehmen, daß er beritten war. In 
Ziegenhain begannen bereits seine pfarramtlichen 
Pflichten. Zahlreiche Soldaten ließen sich noch 
fl Vergl. über ihn Hafner: Die Herrschaft Schmal- 
kalden, Band IV, S. 186; Kümmell wurde nach dem 
Krieg Diakonus und 1803 erster Prediger und Inspektor 
an der reformirten Gemeinde in Schmalkalden.
        

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