Volltext: Hessenland (8.1894)

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Schüler wären, das findet auch hier statt. Die 
reformirte Kirche ist die herrschende in Kassel, 
allein die lutherischen Klassen werden von refor- 
mirten Lehrern in ihrem lutherischen Katechismus 
unterrichtet, und die oberen Klassen lernen die 
Religion nach Dieterich's.Weg zur Glückseligkeit', 
und dieser ist lutherischer Hofprediger in Berlin. 
Mit diesem Lyceum verband Friedrich II. ein 
Schulmeisterseminarium, das sicherste Mittel zur 
allmaligen Aufklärung des Volkes. Es hat sein 
eigenes Gebäude, einen Maulbeergarten, des von 
ihnen zu lernenden Seidenbaues wegen, seine Ein 
künfte zur Erhaltung einer gewissen Zahl von 
Schülern, einen Spezialanfseher neben dem Rektor, 
beide unter dem Direktorium, und Lehrer sür 
Musik, Rechenkunst und die übrigen Wissenszweige. 
Die Seminaristen ziehen Nutzen von dem Unterricht, 
der in den unteren Klassen gegeben wird und 
haben eine eigene Schule, in welcher sie selbst 
Gelegenheit zum Lehren erhalten. Sie machen, 
mehrerer Unterstützung halber und zur Uebung 
im Singen, ein sogenanntes Stadtsingechor an 
gewissen Tagen aus, ohne daß es die übele Folge 
hätte, durch welche man dergleichen als schädlich 
zu bezeichnen Pflegt. Das gute Zeugniß des 
Direktoriums, einem Seminaristen gegeben, der 
solches vor anderen verdient, versichert ihm eine 
gute Schulmeisterstelle. — Das Collegium illustre 
Carolinum hat unter der jetzigen Regierung 
größtenthcils seine erstere, auf blos vorbereitende 
Wissenschaften eingeschränkte Gestalt erhalten; 
seine akademische hat es also verloren. Näher an 
das Lyceum gerückt, würden vielleicht beide eine 
der besten Mittelschulen in Deutschland ausmachen. 
„Von gelehrten Anstalten hat Kassel außerdem 
die Gesellschaft der Alterthümer, welche Friedrich II. 
stiftete. Sie hatte durch einen französischen be 
ständigen Sekretär von außen und innen die 
Gestalt einer Landsmannschaft gewonnen, denn 
Friedrich II. hatte auch durchaus eine französische 
Erziehung gehabt. Der jetzt regierende Landgraf, 
stolz darauf, der delltsche Fürst deutscher Hessen 
zu sein, hat ihr die deutsche und hessiche Geschichte 
der Mittelzeit nebst dem Studium der im Museum 
befindlichen Alterthümer, auch einen Deutschen 
zum beständigen Sekretär gegeben. Meistcntheils 
bei Anwesenheit des Landgrafen hält die Gesellschaft 
vierteljährlich ihre Sitzungen im Museum ab, und 
ihre neueste Preisschrist ist der erste bekannt ge 
wordene öffentliche Beweis ihrer Deutschheit. 
„Die Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste, 
gleichfalls eine Stiftung Friedrich's II., ist mit 
fortgesetzter fürstlicher Unterstützung von ihrem 
Beschützer, dem Landgrafen Wilhelm IX., zweck 
mäßig bestätigt worden. Im Grunde ist sie 
keine gelehrte Gesellschaft, sie will nicht durch 
theoretische Beiträge ihrer Mitglieder die neue 
Landwirthschaftslehre erweitern, sondern läßt es 
blos bei spekulativen Preisfragen für den Künstler 
und Landmann bewenden. Ihre Preisausgaben 
kündigt sie auf ein Jahr an, ertheilt die Preise 
am Geburtstage ihres Beschützers und nimmt in 
allem hauptsächlich auf den hessischen Landbau 
Rücksicht. Sie hat ihre Zimmer im Meßhause 
auf der Oberneustadt. 
„Da der Krieg auch Wissenschaft ist, so gehört 
die Kriegsschule hierher, welche durch 40 junge 
Edelleute und aus den hinzugekommenen Edel 
knaben Offiziere für das hessische Korps erzieht. 
Ein Obrist von den nöthigen Kenntnissen und 
von Erfahrung ist Oberaufseher des Kadettenkorps, 
einige Professoren, Ingenieure unb andere sind 
Lehrer und Meister an dieser durch den jetzigen 
Landgrafen noch mehr vervollkommneten Anstalt. 
Eine andere durch ihn gestiftete Kriegsschule ist 
die für die Artilleristen. 
„Kassel hat deutsche und französische Buch 
handlungen und Buchdruckereien, es wird aber 
hier mehr geschrieben als verlegt. 
„Was die schönen und insbesondere die bildenden 
Künste betrifft, so hat Kassel darin seine Vorzüge. 
Entweder scheint Deutschland noch keine rechte 
Vorstellung von einer Kunstakademie zu haben, 
wie Rom und Paris sie hat, oder, was freilich 
wohl der Fall ist, die Hauptstädte von deutschen 
Provinzen sind dazu mcistentheils nicht reich genug 
an Kunstsachen; auch kann nicht jedes Genie, 
ob es gleich deren zu Dutzenden nicht giebt, 
genug von manchem deutschen Fürsten belohnt 
werden, weil er es nicht genug beschäftigen kann. 
Kassel hat indessen durch eine vom Landgrafen 
Friedrich II. 1775 gestiftete Maler-, Bildhauer 
und Baukunst-Akademie in Rücksicht auf eine 
Bildergalerie, auf Modelle von Gebäuden und 
wirkliche Gebäude und Anlagen selbst einen großen 
Vorzug vor anderen deutschen Fürstenstädten, die 
sich an blasen Zeichenschulen sollten genügen lassen! 
Auch ist Tischbein der Vater, der Meister und 
Lehrer einer Tischbeinischen Schule, die anderen 
Akademicen Lehrer, mehreren Fürsten tüchtige Hof 
maler und selbst Italien bewunderte Meister 
seines Namens gab, Deutschlands wirklicher und 
wahrer Apelles; Nahl den Vater, dessen Sohn 
jetzt lehrt, kannte die Kunstwelt, und daß Dil 
Ny, ein Enkel der Baumeisterfamilie, die fast 
alles Große und Schöne in der Hauptstadt seit 
Karl's Zeit baute, ein Baumeister ist, zeigen seine 
ireuesten Gebäude. Diese Meister in ihrer Art 
sind Direktoren und Professoren der Akademie 
unter der Protektion des Landgrafen und dem
        

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